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Das Auge des Zorns

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Die Erde

 

Ihre Bewohner leben

als wären sie niemandem Rechenschaft schuldig.

 

Es herrschen Mord, Lüge, Betrug, Ungerechtigkeit,

Unterdrückung, Ausbeutung, Krieg und Terror.

 

Gewaltherrscher lassen sich wie Götter verehren und

bestimmen nach Gutdünken, was Recht und Unrecht ist.

 

Demokratien bestimmen durch Mehrheiten,

nach welchen Regeln gelebt werden muss.

 

Toleranz wird zu Diktatur,

weil sie öffentliche Meinungsäußerungen verbietet.

 

Die Gesetze der Universalwelten werden mit Füßen getreten.

 

Noch gibt es die Möglichkeit zur Umkehr.

 

Doch die Geduld des Triumvirats,

höchste Autorität der Universalwelten,

ist begrenzt.

 

Es hat diese Welt fest im Blick.

Es ist ...

 

das Auge des Zorns

 

1. Das Attentat
 

Als Kevin Junge am Freitagnachmittag das Büro verließ war es kurz vor Sechs. Er war müde und genervt. Seit Stunden plagten ihn starke Kopfschmerzen. Ausgerechnet heute riefen gleich zwei unzufriedene Großkunden an. Beim ersten Gespräch verlor er die Nerven und wurde ausfällig, weil er sich die Demütigungen nicht länger anhören wollte. Beim zweiten Gespräch knallte er in seiner Wut den Hörer auf die Gabel bevor das Gespräch beendet war. Der Kunde rief darauf hin direkt beim Chef an. Der Chef zitierte Kevin in sein Büro. Kevin war fast zehn Jahre in der Firma. Er galt als kompetent und zuverlässig. Das bewahrte ihn an diesem Tag vor einer schnellen Kündigung. Zu allem Übel hatte Britta, seine Frau, kurz vor Fünf angerufen und ihm am Telefon eine ganze Liste von Dingen vorgelesen, die er nach Arbeitsschluss einkaufen sollte.

 

Kevin fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage. Er setzte sich an das Steuer seines Ford Pickups und betrachtete kurz sein Gesicht im Innenspiegel. Blaue Augen blickten ihn grimmig an. Die forsche Adlernase war vor Erregung immer noch etwas gebläht, die Haut über den slavisch leicht hervorstehenden Backenknochen gespannt und das volle, nach hinten gekämmte, dunkelbraune Haar war teilweise aus der Form gerutscht. Kevin ordnete die abspenstigen Strähnen mit einer lässigen Handbewegung. Dabei dachte er, dass er, abgesehen von der kopfschmerzbedingten Gesichtsblässe, mit seinen sechundreißig Jahren noch ziemlich attraktiv aussah.

 

Er startete die Zwölfzylindermaschine. Als das dumpfe Grollen des starken Motors vom Betongewölbe zurückgeworfen wurde, beruhigte sich Kevin etwas. Das Fahrzeug hatte er während seiner letzten Dienstreise in den Vereinigten Staaten günstig gekauft und per Schiff nach Deutschland transportieren lassen. Am Steuer fühlte er sich frei von den Alltagszwängen. Mit Britta hatte er anfangs Krach bekommen. Sie mochte das Angeberauto nicht. Inzwischen hatte sie sich daran gewöhnt. Wahrscheinlich weil sie merkte, dass Kevin, seit er das Auto fuhr, zu Hause nicht mehr so gereizt war.

 

Während Kevin langsam durch den hektischen Feierabend steuerte, summte er leise den Countrysong aus dem Radio mit. Die rote Ampel vor ihm verblasste. Er sah den kerzengerade vor ihm liegenden, endlosen Highway in Arizona vor seinem geistigen Auge. Dort hatte er sich mit den Fahreigenschaften des Pickups vertraut gemacht. Dorthin wollte er irgendwann zurückkehren. Vielleicht kaufte er sich eines Tages eine Farm im Westen. Ein paar hundert Hektar musste sie schon groß sein. So wie Marvin, den er in Arizona kennengelernt hatte. Der verdiente gutes Geld mit den Touristen, die bei ihm Pferde mieteten. Die Touristen schliefen in Trailern, eine Art überdimensionalen Wohnanhängern, während er mit Marvin auf der Veranda des alten Herrenhauses saß. Marvin machte ihm Mut, den Job in Deutschland aufzugeben und in den Staaten ein neues Leben zu beginnen. Da gab es allerdings zwei Hindernisse. Es fehlte Kevin am nötigen Kleingeld und Britta war für die Idee nicht zu begeistern. Britta war ein Stadtmensch. Sie brauchte ihre sozialen Kontakte. Vielleicht konnte er sie doch noch überzeugen? An das Geld kam er nicht durch Überzeugungsarbeit. Er verdiente gut als Kommunikationselektronikingenieur. Allerdings hatten sie vor fünf Jahren ein Haus gebaut und noch lange nicht abbezahlt. Der jährliche Urlaub nach Übersee war auch nicht gerade billig. Ja, wenn das Haus einmal bezahlt sein würde, dann könnte man es verkaufen und davon vielleicht eine kleine Farm mit alten Gebäuden im Westen kaufen.

 

Kevin wurde durch ungeduldiges Hupen aus seinen Träumen geweckt. Die Ampel war grün und er hielt den Verkehr auf. Ärgerlich drückte er das Gaspedal durch. Das wütende Fauchen der schweren Maschine brachte ihn mit quietschenden Reifen in wenigen Sekunden bis zu seinem Vordermann. Zufrieden erkannte Kevin im Rückspiegel, dass der Huper weit zurückgefallen war.

 

Kevin überlegte, wo er einkaufen müsste, um alle Sachen zu bekommen, die Britta haben wollte. Im Discounter gab es den spanischen Wein nicht. Also musste er ins Einkaufszentrum und das um diese Zeit. Warum hatte sie nicht selbst eingekauft? Wahrscheinlich hatte sie keine Zeit. Sie war ein Temperamentsbündel und immer auf Achse. So hatte er sie kennen und lieben gelernt. Aber manchmal ging es ihm doch auf die Nerven, besonders wenn sie ihn beauftragte, Dinge zu erledigen, zu denen sie nicht mehr kam. Dabei arbeitete sie gar nicht voll in dem Anwaltsbüro. Sie sollte überhaupt nicht arbeiten. Er als Mann hatte das Geld zu verdienen. Britta war ihm etwas zu selbständig. Aber er konnte sie auch verstehen. Sie brauchte Bestätigung. Immer nur zu Hause herumsitzen und auf den Mann zu warten war auch kein Leben für eine Frau und für Britta schon gar nicht.

 

Das Parkhaus des Einkaufszentrums war fast vollständig besetzt. Schließlich bekam er einen Platz ganz oben auf dem Dach. Als er den Motor abstellte und die Türe des Pickups öffnete, war Kevin wieder in der rauhen Wirklichkeit. Er hasste das hektische Umhergerenne der Menschenmassen. Er hatte keine Lust, auf den Aufzug zu warten und rannte die Treppe hinab. Auf der unteren Ebene hatte sich eine kleine Menschenmenge um einen Marktschreier versammelt. Kevin sah, dass der Mann Navigationsinstrumente verkaufte. Bisher hatte er sich noch nicht dazu durchgerungen, eines zu kaufen. Wenn er dienstlich unterwegs war, wäre es ihm manches Mal von Nutzen gewesen. Interessiert ging er näher heran, um die Ware besser betrachten zu können. Das Gedränge um ihn herum wurde immer stärker.

 

Plötzlich legte ihm jemand von hinten eine Hand auf die Schulter. Kevin drehte sich herum und sah einen Mann hinter sich stehen, der ihn deutlich überragte. Er war muskulös, und sehr gut aussehend. Kevin dachte an eine Gestalt der Deutschen Heldensagen. Der Mann flüsterte halblaut: „Verlassen sie sofort das Gebäude!“ Daraufhin verschwand er in der Menge. Kevin langte sich an den Kopf. Was wollte der Spinner von ihm? Die Worte hämmerten in seinem Gehirn. Sein Gefühl schaltete auf Flucht. Doch sein Verstand hielt ihn zurück. Kevin war kein Angsthase. Wenn der Mann wollte, dass er wegginge, dann sollte er ihm auch sagen warum. Kevin blickte sich suchend um. Er konnte den Hünen nirgends sehen. Kopfschüttelnd wandte er sich wieder dem Verkäufer zu. Interessiert hörte er die technischen Erklärungen. Fast war er überzeugt von dem Angebot. Nur der Preis schien ihm etwas zu hoch zu sein.

 

Erneut spürte Kevin eine Bewegung hinter sich. Jemand drängte nach vorne. Er hoffte, dass der Hüne, dessen Worte immer noch in ihm warnten, wieder auftauchte. Doch die Person, die sich gerade an ihm vorbeischob war kleiner und sah eigenartig aus. Kevin betrachtete den langen, ausgebeulten Mantel, den der Mann anhatte und dachte zuerst an einen Obdachlosen.

 

Ohne Vorwarnung drehte der Mann den Kopf in Kevins Richtung. Kevin sah in dunkle, hasserfüllte Augen, die ihn kurz anstarrten und dann über die Menschen neben ihm glitten. Das war kein Obdachloser. Mit einem Mal war es ihm, als öffnete sich eine Tür in seinem Denken und eine Flut von Gedanken schoss durch sein Bewusstsein:

 

Dieser Mann ist ein Terrorist. Er hat einen Sprengstoffgürtel. Er wird uns alle töten. Der Hüne wusste davon und warnte mich. Warum tat er das? Und warum nur mich?

 

Dann sah Kevin, wie die Hand des Bemantelten unter dem Kleidungsstück verschwand. Gleich wird die Bombe explodieren. Was wird aus Britta? Wie wird sie damit fertig? So etwas passiert uns doch nie, dachten wir immer. Welch ein schrecklicher Irtum!

 

Kevin war ganz ruhig. Er fühlte sich wie eine Antilope, die erkennt, dass sie dem Löwen nicht mehr entkommen kann und wie gelähmt auf den tödlichen Biss wartet. Gleich wird alles aus sein. Kevin ergab sich in sein Schicksal.

 

Noch bevor die Bombe explodierte stand der Hüne wieder vor ihm. Er warf seinen Umhang um Kevin und drückte ihn an sich. Dann erfolgte die Explosion. Kevin hörte einen ohrenbetäubenden Knall und spürte die Druckwelle. Dann war es vorbei und der Hüne verschwunden.

 

Kevin blickte sich um. Schreiende und stöhnende Menschen lagen überall auf dem Boden. Die meisten in seiner Nähe waren grausam verstümmelt und regten sich nicht mehr. Kevin blickte seine Hände an. Sie waren unversehrt. Dann blickte er an sich hinab. Er sah kein Blut. Seine Kleidung war nicht beschädigt. Was war mit ihm geschehen? War das der Tod? Und wenn er tot war, was sollte er dann tun? Wohin sollte er gehen? Was passiert mit einem Menschen, wenn er tot ist? Bisher dachte er immer, dass das Bewusstsein mit dem Tod ausgelöscht ist. Doch das schien ein Irrtum zu sein.

 

Langsam ging er vorsichtig über die Leichenteile um ihn herum auf den Ausgang zu. Unvermittelt ertönten Sirenen. Bald kamen die ersten Sanitäter und rannten an ihm vorbei zum Ort des Geschehens. Sie beachteten ihn nicht. Wahrscheinlich sahen sie ihn nicht. Wenn er tot war konnten sie ihn nicht sehen. Das war logisch. Doch wo war sein Körper? Kevin konnte sich nicht daran erinnern, seinen Körper auf dem Boden liegen gesehen zu haben. Vielleicht war er auch vollständig zerfetzt worden? Der Selbstmordattentäter stand ja direkt neben ihm. Sollte er zurückgehen und seine Bestandteile suchen? Nein, das wollte er auf keinen Fall. Aber wohin sollte er gehen? Wohin geht man als Toter? Er wusste es nicht.

 

„Ich suche meinen Mann! Haben sie ihn nicht gesehen?“ Eine verzweifelte Frau klammerte sich an Kevins Jackenärmel. Kevin erschrak. Er schüttelte wortlos den Kopf. Die Frau ließ ihn los und hastete ins Innere des Einkaufszentrums.

 

Die Frau hatte ihn gesehen! Sie hatte ihn angefasst. Er hatte ihren Griff gespürt. Kevin war nicht tot. Aber warum nicht? Wie konnte er direkt neben dem Attentäter ohne einen Kratzer überleben? Der Hüne! Er hatte ihn mit seinem Umhang und seinem Körper geschützt. Doch wie hatte der Hüne überlebt? Kevin begriff nichts mehr. Er blieb an einer Säule stehen und versuchte sich zu konzentrieren. Er würde zu seinem Auto gehen und nach Hause fahren. Vielleicht war das ganze nur ein Traum?

 

Es stellte sich heraus, dass der Pickup gut geparkt war. Während die Fahrzeuge aus den unteren Parkdecks nicht aus dem Parkhaus herausfahren konnten, durften die auf dem Dach geparkten bis zum anderen Ende des Gebäudes fahren und es dort verlassen. Kevin fuhr langsam und benommen nach Hause. 

 
 
 
 

2. Der Unfall

 

Kevin parkte den Pickup gewohnheitsmäßig in der großen Doppelgarage neben Brittas Golf. Britta saß mit offenem Mund und schreckgeweiteten Augen vor dem Fernsehschirm. Kevin setzte sich neben sie und betrachtete teilnahmslos die Bilderfolge. Ohne ihn anzusehen ergriff Britta sein Handgelenk und sagte mit heiserer Stimme:

 

„Mitten im Einkauszentrum hat sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Es gab viele Tote. Und so etwas in Deutschland! Wir dachten immer, dass das hier nie passiert. Jetzt hat uns der Terror eingeholt. Jeden von uns kann es erwischen. Du kommst doch gerade von der Stadt? Hast Du die Explosion nicht gehört?“

 

Kevin antwortete nicht. Britta drehte den Kopf zu ihm. Er blickte sie an und dachte, dass sie sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert habe. Sie war immer noch umwerfend gutaussehend. Eine Sträne ihres vollen, schwarzen, halblang geschnittenen Haares hing ihr zwischen den braunen Augen, verdeckte die kleine Nase und gab ihrem Aussehen eine gewisse Wildheit. Ihre Gesichtshaut war rot vor Aufregung:

 

„Warum sagst du denn nichts?“

 

„Ich war dabei als es passierte.“

 

Britta hielt den Atem an. Dann fragte sie stockend:

 

„Du meinst, du warst während der Explosion im Einkaufszentrum?“

 

„Ich stand neben dem Attentäter als die Sprengladung hoch ging.“

 

„Wie bitte? Sag das noch einmal!“

 

„Ich stand direkt neben dem Mann. Er berührte mich fast. Ich sah seine hasserfüllten Augen, sah wie er unter seinen weiten, durch die Sprengladung ausgebeulten Mantel griff und die Bombe zündete.“

 

Britta starrte Kevin ein paar Sekunden an. Dann sagte sie:

 

„Du darfst mit mir keine solchen Späße machen! Es ist so furchtbar was da geschah. Man sah viele Leichenteile verstreut herumliegen bevor die Polizei das Kamerateam wegschickte. Und überall das Blut, die schreienden Menschen, das Durcheinander. Schrecklich! Ich fühle mich so elend und hilflos! Und dann kommst Du und machst Witze darüber!“

 

„Das ist kein Witz!“ Kevin erzählte Britta genau wie alles geschah. Bei seinen Worten rückte sie immer weiter von ihm ab und starrte ihn an, als wäre er nicht ganz bei Sinnen. Als er schwieg sagte sie:

 

„Ich weiß nicht was mit dir passiert ist. Entweder hast du zuviel getrunken oder du bist verrückt geworden!“

 

„Ich gebe zu, dass das alles ziemlich verrückt klingt, aber es ist die Wahrheit. Zuerst dachte ich, dass ich tot sei und mein Geist über der Szene schwebte. Ich fühlte mich dabei gar nicht schlecht, eher euphorisch. Allerdings wusste ich nicht, wohin man als Toter geht. Ich hätte ja schlecht zu Dir nach Hause kommen können. Du hättest mich nicht bemerkt. Dann kam diese hysterische Frau und riss mich aus meiner Jenseitsvorstellung. Interessieren würde es mich dennoch, was passiert, wenn man gestorben ist.“

 

„Hör auf mit diesem verrückten Zeug! Wenn du tot bist, dann bist du tot. Dein Bewußtsein ist ausgeschaltet. Alles andere sind religiöse Märchen, Jenseitsvertröstungen.“

 

„Das habe ich bis heute auch geglaubt. Aber da ist etwas, das ich nicht einordnen kann: Was ist wirklich mit mir passiert? Wer war dieser fremde Mann, der mich vor der tödlichen Wirkung der Bombe bewahrte? Wo ist er nach der Explosion geblieben?“

 

„Diesen Mann gibt es nicht! Das hast du dir eingebildet. Du hast die Explosion aus der Nähe mitbekommen und einen Schock erlitten. Seitdem phantasierst du.“

 

Kevin dachte nach. Er war sich sicher, dass er keinen Schock erlitten hatte. Er verstand aber auch Britta. Er brauchte Zeit, um sich über das, was geschehen war, klar zu werden. Versöhnlich sagte er zu Britta:

 

„Vielleicht hast du recht und ich stehe unter Schock. Ich habe schon den ganzen Tag starke Kopfschmerzen, die können im Extremfall Halluzinationen auslösen.  Außerdem habe ich heute fast nichts gegessen. Hast du mir eine Kleinigkeit übrig gelassen?“

 

Britta nahm Kevins Versöhnungsangebot an und erwiderte:

 

„Im Backofen steht eine Pizza. Ich mache sie dir warm.“

 

Kevin schlief schlecht in dieser Nacht. In den kurzen Schlafphasen träumte er von dem Hünen und dem Attentäter. Sie verschmolzen in wirren Schattenbilder, die von entgegengesetzten Seiten an ihm zerrten. Der Attentäter verfluchte Kevin und wollte ihn in die Hölle werfen. Der Hüne hielt Kevin fest und ermahnte ihn, nicht aufzugeben und zu vertrauen. Kevin erinnerte sich nach dem Aufwachen genau an die Worte der beiden im Traum. Während die Aussagen des Attentäters verständlich und logisch waren, konnte er sich über die Bedeutung der Worte des Hünen nicht klar werden. Was meinte dieser mit Vertrauen? Wem sollte Kevin vertrauen? Was und warum sollte er nicht aufgeben? Während er sich rasierte, versuchte er auf andere Gedanken zu kommen. Britta hatte Kaffee aufgesetzt. Beim Frühstück sagte Kevin:

 

„Wir sollten einen Ausflug machen, damit wir auf andere Gedanken kommen. Wir könnten an die Küste fahren und uns ein Motorboot mieten. Hast du Lust?“

 

Britta war einverstanden. Die Fernsehbilder hatten sie die ganze Nacht verfolgt und ihr den Schlaf geraubt. Sie brauchte dringend Ablenkung. Gleich nach dem Frühstück fuhren sie mit dem Pickup los. Nach zwei Stunden kamen sie an dem kleinen Nordseehafen an. Inzwischen war die Sonne hinter einer großen Wolkenbank verschwunden. Der Bootsvermieter warnte sie:

 

„Regnen soll es laut Wetterbericht nicht, aber für den Nachmittag ist Nebel angesagt. Fahren sie nicht zu weit hinaus!“

 

Kevin lud sein Angelzeug ins Boot während Britta die Picknicktasche holte. Nachdem die Sonne verschwunden war, wurde die Luft merklich kühler. Sie zogen Regenjacken über und fuhren los. Kevin ließ den Motor aufheulen und das schnittige Boot schoss über die ruhige Wasseroberfläche. Nach zehn Minuten nahm Kevin das Gas zurück:

 

„Hier versuch ich es mal. Vielleicht gibt es heute Abend Fisch zu essen?“

 

Die Küste war als langezogene Linie schwach am Horizont sichtbar. Britta nahm ein Buch aus der Tasche und begann zu lesen, während Kevin seine Angel ins Wasser hängen ließ. Das Boot schaukelte einschläfernd auf der schwachen Dünung. Die Angelschnur hing locker ins Wasser. Kein Fisch biss an. Kevin entspannte sich mehr und mehr. Der wenige Nachtschlaf machte sich bemerkbar. Er nickte ein.

 

Nach einiger Zeit stieß Britta ihn an:

 

„Da, schau mal!“

 

Kevin schreckte hoch und sah sich um. Langsam kam eine ausgedehnte Nebelbank vom Meer auf sie zu. Nach wenigen Minuten waren sie in dem Nebelmeer eingeschlossen.

 

„Kevin, ich fürchte mich! Wie kommen wir jetzt wieder zurück?“

 

„Keine Sorge! Wir haben doch einen Kompass. Immer gerade nach Osten, dann kommen wir genau an unserem Hafen an.“

 

„Bist du dir sicher? Wir können doch keine fünfzig Meter weit sehen?“

 

„Du kannst mir vertrauen. Wenn du willst fahren wir gleich zurück!“

 

„Ja, bitte!“

 
 

Kevin versuchte, den Motor zu starten. Doch nichts passierte. Er versuchte es noch einmal. Wieder nichts. Nach dem zehnten Versuch ließ er resigniert die Hand fallen:

 

„Nichts zu machen! Der Motor springt nicht an.“

 

„Wie kommen wir wieder zurück?“ Fragte Britta angstvoll.

 

„Wir müssen rudern oder mit dem Handy Hilfe holen.“

 

„Mit Rudern schaffen wir das nie. Bis zur Küste sind es einige Kilometer. Ruf lieber jemand an.“

 

Kevin rief Volker, einen Bekannten an, der nicht weit von dem Ort wohnte, wo sie mit dem Boot losgefahren waren. Volker versprach, sich ein Boot zu mieten und sie zu suchen. Das würde bei dem Nebel allerdings schwierig werden. Doch er wollte es versuchen. Kevin beschrieb ihm, wo sie sich ungefähr befanden. Was hätte er dafür gegeben, in dieser Situation ein Navigationsinstrument gehabt zu haben. Dann hätte er Volker die genauen Koordinaten mitteilen können und wäre sicher gewesen, dass dieser sie gefunden hätte. Bei dem Nebel, der immer dichter wurde, war es fraglich, ob Volker sie fand. In besten Fall würde viel Zeit vergehen bis er hier ankam.

 

Um auf andere Gedanken zu kommen holte Britta die Picknicktasche hervor. Schweigend aßen sie und tranken heißen Kaffee. Als Britta ihre Tasse leergetrunken hatte sagte sie:

 

„Der heiße Kaffee tut gut! Jetzt bräuchten wir deinen Hünen zu unserer Rettung.“

 

Kevin hörte deutlich den Spott, der aus ihren Worten sprach. Doch er schwieg. Jedes Wort zu viel hätte den Streit vom Vorabend neu entbrennen lassen.

 

„Hörst du das?“ Fragte Britta.

 

„Du meinst das Nebelhorn? Ja, das höre ich. Vielleicht ist es Volker? Obwohl das fast nicht sein kann. Es ist kaum eine halbe Stunde vergangen seit ich ihn angerufen habe.“

 

„Vielleicht hat er sich extra beeilt?“

 

„Möglich. Doch wie sollen wir ihm antworten?“

 

„Keine Ahnung! Sollen wir rufen?“

 

Das Nebelhorn wurde immer lauter.

 

„Britta, das ist nicht Volker. Das ist ein großes Schiff.“

 

„Was bedeutet das?“

 

„Es kommt direkt auf uns zu.“

 

„Wo kommt das Schiff her?“

 

„Es könnte eine Fähre sein. Südöstlich von uns gibt es einen größeren Hafen.“

 

„Was machen wir jetzt?“

 

„Keine Ahnung. Wir sind manövrierunfähig. Wir können nur hoffen, dass sie uns rechtzeitig sehen und ausweichen.“

 

Dann sahen sie mitten im Nebel den dunklen Schatten, der direkt auf sie zusteuerte. Der Aufprall war so heftig, dass sie weit über Bord geschleudert wurden. Sie hörten das hässliche Knirschen, als ihr Boot mittendurch geschnitten wurde. In wenigen Sekunden war es im Meer versunken. Britta und Kevin waren gute Schwimmer. Sie hielten sich trotz der mit Wasser vollgesaugten Kleidung nebeneinander über dem Wasser. Kevin spuckte Salzwasser und keuchte:

 

„Wir müssen versuchen an Land zu schwimmen. Die Leute vom Schiff haben uns nicht bemerkt.“

 

Stockend antwortete Britta:

 

„Einige Kilometer mit voller Montur, das schaffen wir nie. Außerdem wissen wir nicht einmal, wo die Küste ist.“

 

„Stimmt. Der Kompass ist mit dem Boot untergegangen.“

 

„Ist das unser Ende, Kevin?“

 

„Ich weiß es nicht. Aber lange kann ich mich nicht mehr über Wasser halten.“

 

„Ich auch nicht. Meine Kräfte lassen nach. Ich will nicht sterben! Wir sind doch jung und haben viele Pläne. Das ist so ungerecht!“

 

„Wir können nur hoffen, dass der Hüne uns rettet, so wie er mich vor der Bombe gerettet hat.“

 

„Fängst du schon wieder mit dem Unsinn an? Hätten wir doch nur die Schwimmwesten angelegt, dann gäbe es noch eine Chance auf Rettung. Warum waren wir nur so leichtsinnig?“

 

Brittas Tränen vermischten sich mit dem Salzwasser der Nordsee. Sie fühlte sich unendlich müde und verzweifelt. Ihre Schwimmbewegungen wurden langsamer. Bald sank sie nach unten. Kevin riss sie mit letzter Kraft wieder nach oben:

 

„Du darfst nicht sterben. Ich liebe dich und ich brauche dich!“

 

Britta flüsterte mit schwacher Stimme:

 

„Du brauchst mich nicht mehr. Du wirst auch sterben.“

 

Kevin machte heftige Schwimmbewegungen um sich und seine Frau über Wasser zu halten und rief:

 

„Wir werden nicht sterben. Ich will leben und du sollst mit mir leben.“

 

Britta lächelte, schloss die Augen und bewegte sich nicht mehr. Kevin fühlte wie seine Kräfte nachließen. Er würde Britta nur noch kurze Zeit festhalten können oder mit ihr in das nasse Grab hinabsinken. Er würde Britta nicht loslassen. Entweder würden sie beide gerettet oder sie würden beide sterben. Er kämpfte mit letzter Kraft gegen den Sog des Meeres und war nahe daran, das Bewußtsein zu verlieren. Langsam sank er unter die Meeresoberfläche. Dann wurde es Nacht in seinem Bewußtsein.

 

Als Kevin wieder zu sich kam lag er auf dem Boden eines Ruderbootes. Zuerst wusste er nicht, ob er noch lebte oder sich im Jenseits befand. Er richtete sich auf. Neben ihm lag Britta. Vor ihm auf der Ruderbank saß eine große Gestalt und ruderte mit kräftigen Schlägen. Kevin beugte sich über Britta. Er streichelte über ihr nasses Haar. Plötzlich öffnete sie die Augen und sah ihn ungläubig an. Leise kamen die Worte über ihre Lippen:

 

„Wir leben noch!“

 

„Ja. Ein Wunder ist geschehen.“

 

Langsam richtete sich Britta auf und sah sich um:

 

„Wer hat uns gerettet?“

 

Kevin deutete stumm auf den großen Mann auf der Ruderbank, von dem sie nur den breiten Rücken sehen konnten.

 

„Wer ist das?“

 

„Ich weiß es nicht. Aber ich habe eine Vermutung. Soll ich ihn fragen?“

 

„Nein, bleib hier! Wenn Du aufstehst kentert das Boot vielleicht. Es ist doch so klein.“

 

„Gut dann warten wir bis das Boot anlegt.“

 

Der Mann ruderte mit unglaublicher Kraft. Das Ruderboot schnellte zielsicher über das Wasser. Es dauert nicht lange bis sie die Küste sehen konnten. Wenig später legte das Boot am äußersten Ende eines langen Dammes an, der weit in die Nordsee hinausragte. Der Mann sprang heraus und hielt das Boot fest, damit seine Fahrgäste aussteigen konnten. Als sie festen Boden unter den Füßen hatten, drehte der Retter ihnen zum ersten Mal sein Gesicht zu: es war der Hüne, der Kevin vor der Bombe gerettet hatte.

 

Kevin war hochgradig erregt:

 

„Wer sind sie? Wieso retten sie mich schon zum zweiten Mal?“

 

Der Hüne blickte Kevin und Britta freundlich an und sagte leise mit tiefer Stimme:

 

„Das Triumvirat hat eine besondere Aufgabe für euch. Hört auf den alten Mann. Er wird euch bald besuchen!“

 

Als Kevin den Mund öffnete um weitere Fragen loszuwerden, war der Hüne verschwunden. Das Boot, das jetzt nicht mehr festgehalten wurde trieb aufs Meer zurück. Britta und Kevin standen völlig durchnässt und einsam am Ende des Dammes.

 
 

Während Kevin sich suchend umsah, sank Britta auf die Steine des Damms und begann zu schluchzen. Kevin beugte sich zu ihr hinab und nahm sie in seine Arme. So saßen sie ein paar Minuten am Boden ohne die Kälte zu spüren. Britta beruhigte sich langsam:

 

„Ich war doch schon tot? Dann kam dieser Mann. Du hattest recht, Kevin. Ein Wunder ist geschehen. Kannst du mir das alles erklären?“

 

„Es gibt jemand, der sich für uns interessiert. Er sagte etwas von einem Triumvirat. Hast du es auch gehört?“

 

„Ja, aber ich kann mir absolut nichts darunter vorstellen. Ob das so eine Art Schutzengel war, Kevin?“

 

„Früher hast du immer gelacht, wenn jemand von seinem Schutzengel sprach. Wie ein Engel hat der Mann allerdings nicht ausgesehen, eher wie der Siegfried von den Heldensagen.“

 

„Eine imposante Gestalt. Sie hatte etwas Überirdisches an sich.“

 

„Ja, Britta. Aber komm wir müssen nach Hause, sonst erfrieren wir hier noch.“

 

Der Damm befand sich nur ein paar hundert Meter nördlich von dem Fischerhafen, wo sie das Motorboot ausgeliehen hatten. Der Bootsverleiher erschrak, als sie in ihren nassen Kleidern plötzlich in seinem Büro auftauchten. Er erlaubte Kevin und Britta, sich in einem Nebenzimmer aufzuwärmen. Sie hängten ihre nassen Kleider über die Heizkörper und wickelten sich in große Handtücher, die der Bootsverleiher ihnen gab. Dessen Frau brachte ihnen eine heiße Suppe. Nach einer halben Stunde konnten sie ihre inzwischen getrockneten Kleider wieder anziehen. Danach notierte sich der Bootsverleiher Telefonnummer und Adresse, damit sich seine Versicherung mit Kevin in Verbindung setzen konnte. Mit einem herzlichen Händedruck verabschiedeten sie sich bei den Bootsleuten und fuhren nach Hause.

 
 
 
 

3. Der Bote

 

In der Nacht zum Sonntag zog ein schwerer Sturm über den Norden Deutschlands. Britta und Kevin saßen lange vor dem offenen Kamin in ihrem Wohnzimmer. Immer wieder heulte der heftige Wind durch den Kamin und brachte das Feuer fast zum Erlöschen. Wilde Windböen peitschten den Regen gegen die große Fensterfläche und auf das Glasdach des Wintergartens. Die beiden nahmen davon kaum Notiz. Stundenlang sprachen sie über ihre wunderbare Rettung aus den Fluten der Nordsee.

 

„Der Mann, der uns gerettet hat, geht mir nicht aus dem Sinn,“ sagte Britta halblaut.

 

„Es ist der vom Einkaufszentrum. Das ist kein normaler Mensch, dessen bin ich mir sicher!“ Stellte Kevin zum wiederholten Male fest.

 

„Er sagte etwas von einem Triumvirat. Was meint er wohl damit?“

 

„Triumvirat, das gab es doch im alten Rom. Das waren drei Männer, die zusammen den Staat regierten.“ Kevin kannte sich etwas in Geschichte aus.

 

„Von welchem Land könnte die Regierung sein? Mir kommt da ein verrückter Gedanke: Vielleicht handelt es sich um Außerirdische?“ Britta wurde ganz aufgeregt.

 

„Das ist doch Unsinn!“

 

Kevin verwarf zunächst Brittas Gedanken. Nach ein paar Minuten des Nachdenkens lenkte er ein:

 

„Angenommen es wäre so, dann würde das auch die zwei besonderen Eigenschaften des Hünen erklären: er erscheint und verschwindet in Bruchteilen von Sekunden, und er ist unverletzbar. Das würde bedeuten, dass er von einem fernen Planeten kommt. Dort herrscht ein Triumvirat. Doch wenn es so wäre, was für ein Interesse hätten die an der Erde und im Besonderen an uns? Wie können sie die riesigen Entfernungen zurücklegen? In unserer erreichbaren Nähe hat man bisher ja noch keinen bewohnbaren Planeten entdeckt. Für mich macht das keinen Sinn. Ich glaube nicht, dass das Außerirdische von einem fernen Planeten sind.“

 

„Was gibt es sonst noch für Möglichkeiten?“ Fragte Britta.

 

„Ich habe keine Ahnung. Vielleicht kann uns der alte Mann weiterhelfen?“

 

„Bis jetzt hat er sich noch nicht bei uns gemeldet.“

 
 

Inzwischen war es weit nach Mitternacht. Britta und Kevin hatten die Flasche Moselwein leergetrunken und waren beide ziemlich müde. In ihren Überlegungen waren sie keinen Schritt weitergekommen. Den Kopf voll mit unbeantworteten Fragen gingen sie schlafen.

 

Die nächsten Tage verliefen äußerlich normal. Am Sonntag schliefen sie lange aus und verbummelten den Tag zu Hause. Beide gingen am Montag wie gewohnt zur Arbeit. Die Öffentlichkeit stand noch lange unter Schock. Der Selbstmordanschlag im Einkaufszentrum war das beherrschende Thema in den Medien und in allen Gesprächen. Kevin äußerte sich nicht zum Thema, wenn im Büro über das Attentat gesprochen wurde. Seine wunderbare Rettung war anscheindend niemandem aufgefallen. Kevin war froh darüber. So hatte er Ruhe vor den Medien. Er hatte das Einkaufszentrum nach dem Anschlag verlassen, bevor die Presse angekommen war. Durch seine zweimalige, unmittelbare Rettung vor einem schnellen Tod hatte sich allerdings seine Einstellung zum Leben geändert. So direkt mit dem eigenen Tod konfrontiert zu werden hatte ihm bewußt gemacht, dass das Leben alles andere als eine selbstverständliche Sache ist. Er empfand jetzt jeden Tag als ein besonderes Geschenk, als neue Chance, die auch die letzte sein konnte.

 

Seine Einstellung zu den Menschen und zu seiner Arbeit wurde positiver. Er begegnete seinen Kollegen nicht mehr mit der alten, schnoddrigen Art, sondern grüßte sie freundlich und interessierte sich für ihr Ergehen. Seine Arbeit tat er mit noch größerer Sorgfalt als früher.

 

Schon nach wenigen Tagen reagierte sein Chef. Er bat Kevin in sein Büro und fragte ihn:

 

„Herr Junge, ich höre nur Gutes von den Mitarbeitern und Kunden über sie! Wie kommt das? Ich hoffe doch nicht, dass sie einer Sekte beigetreten sind und sich jetzt ihre Seeligkeit durch Freundlichkeit und Fleiß verdienen müssen?“

 

„Aber nein. Meine Einstellung zum Leben hat sich geändert, weil mir und meiner Frau letzten Freitag das Leben neu geschenkt wurde.“

 

Kevin erzählte, was in der Nordsee passiert war. Allerdings stellte er die Rettungstat etwas anders da, als es der Wirklichkeit entsprach. Es sein ein Fischer gewesen, der zufällig vorbei kam und sie in letzter Minute aus dem Wasser zog.

 

Als Kevin mit seiner Erklärung fertig war, meinte der Chef, der ihm ruhig und interessiert zugehört hatte:

 

„Da haben sie und ihre Frau aber großes Glück gehabt. Schön, dass sie ihr neu geschenktes Leben ernster nehmen als ihr früheres. Das tut ihnen und der Firma gut. Machen sie nur weiter so, dann sitzen sie vielleicht eines Tages auf meinem Stuhl.“

 

Lachend entließ er Kevin.

 

Die Tage vergingen und die Erinnerung an das Gespräch mit dem Hünen nach ihrer Rettung aus der Nordsee verblasste mehr und mehr.

 

An einem stürmischen Samstagabend saßen Britta und Kevin im Wohnzimmer bei einem Glas Wein. Das Feuer brasselte leise im Kamin. Der Abend hatte harmonisch begonnen. Sie hatten sich eine Quizsendung angesehen und miteinander gewetteifert, wer die Fragen richtig beantworten konnte. Nach der Sendung sprachen sie darüber, was sie mit dem Geld machen würden, wenn einer von ihnen bei der Sendung mitmachen und einen hohen Betrag gewinnen würde. Kevin brachte sofort die Farm in Nordamerika zur Sprache. Britta antwortete ärgerlich:

 

„Du kannst ja auswandern, aber ohne mich. Ich bleibe hier.“

 

Plötzlich klingelte es an der Haustüre. Kevin sah auf die Uhr, es war weit nach Zehn. Er fragte Britta:

 

„Erwartest du noch jemand?“

 

„Nein! Wer könnte das sein?“

 

„Ich schau mal nach!“

 

Kevin öffnete die schwere Haustüre. Ein kalter Wind blies ihm ins Gesicht. Niemand war zu sehen. Kevin ging ein paar Schritte den Gartenweg entlang. Außer dem Pfeifen des Windes hörte er nichts. Britta erschien in der Türe. Kevin sah nur die vom Hausinnern beleuchteten Umrisse ihres schlanken Körpers.

 

„Wo bist du? Wer hat geklingelt?“ Rief sie durch den Sturm.

 

„Ich bin hier! Wahrscheinlich ein dummer Jungenstreich!“ Schrie Kevin durch den Wind zurück.

 

„Komm herein! Du erkältest dich nur!“

 

Kevin zuckte mit den Achseln und ging wieder hinein. Bevor er die Haustüre schloss schaute er sich noch einmal draußen um. Dann wandte er sich nach innen und wollte ins Wohnzimmer zurück kehren. Brittas unterdrückter Schrei allarmierte ihn. Er beeilte sich. Britta stand unbeweglich im Türrahmen zum Wohnzimmer.

 

„Was ist los?“ Fragte Kevin.

 

„Da ist jemand auf der Couch!“

 

Kevin schob Britta sanft zur Seite. Er sah eine unbewegliche Gestalt, die ihnen den Rücken zukehrte. Bekleidet war das Wesen mit einem langen, dunklen Kapuzenumhang. Kevin lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er riss sich zusammen und ging vorsichtig um das Sitzmöbel herum. Angespannt suchten seine Augen nach etwas Menschenähnlichen. Doch nicht einmal das Gesicht der Gestalt konnte er erkennen. Es war tief im Innern der Kapuze verborgen. Während sein Puls raste fragte er stockend:

 

„Wer sind sie? Wie sind sie hereingekommen?“

 

Unter dem Umhang bewegte sich etwas. Zwei schmale, bleiche, feingliedrige, makellose Hände erschienen und schoben die Kapuze etwas nach hinten.

 

Kevin erschrak. Britta, die leise an ihn herangetreten war, hielt die Luft an. Ein über und über mit tieffurchigen Runzeln bedecktes Gesicht kam aus der Kapuze zum Vorschein. Die Augen lagen so tief in den Höhlen, dass sie nicht sichtbar waren. Aus den Augenhöhlen erstahlte ein schwaches, kaltes Licht. Nase und Gesichtszüge waren durch die tiefen Runzeln kaum ausgeprägt und nur schwer zu erfassen.

 

Eine leise, dunkle Stimme ertönte aus einem lippenlosen Mund:

 

„Mein Kommen wurde euch angekündigt!“

 

Kevin überlegte. Er erinnerte sich an die Worte des Hünen und fragte:

 

„Sind sie der alte Mann, von dem der Hüne sprach?“

 

„Ja. Ich bin ein Bote des Triumvirats und habe eine Botschaft für euch!“

 

Die Gestalt war den beiden Menschen unheimlich.

 

Britta fragte: „Wie sind sie hereingekommen?“

 

„Erschienen, nicht gekommen,“ antwortete die Gestalt.

 

„Was bedeutet das? Woher kommen sie? Wer sind sie?“

 

„Nichts wisst ihr von den Universalwelten. Nichts versteht ihr von deren Wesen und Gesetzen. Dennoch hat der Erhabene euch erwählt. Ich bin sein Bote, ein Sklave des Triumvirats. Ihr nennt mich einen alten Mann. Ihr habt recht. Ich bin alt in euren Augen. Ich wurde vom Triumvirat in der dritten vorrebellinischen Schaffensperiode in die Existenz gerufen. Wann? In unserer Welt gibt es keine Zeit. Die Zeit ist ein Privileg der Unverstorbenen. Mein Aussehen ist nicht mein Alter. Es ist Maske und Erkennen. Maske, weil mein Anblick euch schaden würde. Erkennen, weil euch gesagt wurde, dass ein alter Mann euch Auskunft geben könnte. Jetzt wisst ihr wer ich bin und woher ich komme.“

 

Kevin und Britta starrten den Fremden an. Kevin fand zuerst Worte:

 

„Ich habe gar nichts verstanden.“

 

Der Fremde lachte ein leises, dunkles Lachen und sagte:

 

„Das Denken der Unverstorbenen ist begrenzt. Ihr wisst nichts von den Universalwelten, obwohl ihr das Wahrbuch habt, das davon berichtet.“

 

„Wir haben kein Buch mit diesem Titel,“ erwiderte Kevin mit Bestimmtheit.

 

„Du hast Recht. Ihr habt dieses Buch nicht. Aber die Versiegelten haben es und sie leben mitten unter euch. Fragt sie und sie werden euch das Buch zeigen.“

 

„Wer sind die Versiegelten? Sind das auch Wesen aus deiner Welt? Können wir sie sehen und nach dem Buch fragen?“ Erkundigte sich Britta.

 

„Sie sind Unverstorbene wie ihr. Am Tag der Umkehr wurden sie versiegelt.“

 

„Mit jeder Antwort, die du uns gibst, wirfst du neue Fragen auf. Die von dir gebrauchten Begriffe sind uns völlig fremd. Bitte erkläre sie uns!“

 

„Ich bin nicht gesandt, um Erklärungen zu geben. Ich habe ein Angebot des Triumvirats für euch. Wisset, es ist kein Befehl. Ihr untersteht nicht seiner Rechtshoheit. Das heißt, ihr könnt das Angebot ablehnen, ohne dass euch dadurch Nachteile entstehen.“

 

Britta und Kevin waren verwirrt. Noch bevor sie etwas sagen konnten, hatte der Fremde eine kleine Papierrolle aus seinem Umhang gezogen. Er hielt sie zunächst in der Hand, ohne sie aufzurollen, und sagte mit feierlichen Worten:

 

„Bevor ich euch dieses Schreiben vorlese gebe ich euch weitere Informationen. Das Triumvirat hat euch seit langer Zeit auf diesen Augenblick vorbereitet. Der Feind wusste das und hat immer wieder versucht euch zu töten. Es ist ihm nicht gelungen. Einer der besten Sklaven des Triumvirats wurde zu eurem Schutz bestimmt. Jetzt ist der große Augenblick gekommen. Ihr sollt erfahren, wie das Angebot lautet.“

 



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