E D D I - Anfang oder Ende einer Karriere?
( 6 Bewertungen )- Kategorie Romane
- Eingestellt im April 2009
- von Martin Prebendo
Das Telephon klingelt. Eduard Landsberger, von seinen Freunden Eddi genannt, führt den Hörer an sein Ohr.
“Ja, hier Landsberger?”
“Miesbach hier. Kommen Sie sofort in mein Büro!”
“In Ordnung!”
Eddi legt den Hörer zurück. Er verspürt, wie schon so oft, ein unangenehmes Ziehen im Magen und denkt:
“Der Montag fängt schon wieder gut an!”
Mit beiden Händen stützt er sich auf der Schreibtischkante auf.
“Geht es Ihnen gut?”
Seine Mitarbeiterin, Frau Sauerbach, blickt besorgt über den Rand ihrer randlosen Brille.
Leise denkt Eddi: “Die braucht doch ständig Munition für Ihre Klatschrunden.”
Laut sagt er: “Alles in Ordnung. Danke der Nachfrage!”
Dann geht er zu der kleinen Waschecke. Vor dem Spiegel über dem Waschbecken zieht Eddi sich die Krawatte zurecht und mustert kurz den bleichen Nullachtfünfzehntyp.
Leise denkt er: “Blöder Kerl, Versager, Langweiler!”
Laut sagt er zu Frau Sauerbach: “Ich gehe nur schnell zum Chef. Bin gleich zurück!”
Eddi verlässt sein Büro. Langsam steigt er die zwei Treppen hoch und denkt:
“Der Miesbach kann ruhig ein paar Minuten warten und seine schlechte Nachricht auch.”
Ohne anzuklopfen betritt Eddi den Vorraum zu Miesbachs Büro. Frau Peterle, Miesbachs Sekretärin springt auf und flüstert so laut, dass man es zwei Räume weiter hört:
“Schnell! Gehen Sie rein! Der Chef wartet ungeduldig!”
Eddi öffnet gemächlich die schwere Eichentüre zu Miesbachs Allerheiligstem. Langsam schreitet er auf Miesbach zu. Dieser hat den Teil seines Büros, wo sein Schreibtisch steht, um einen halben Meter erhöhen lassen. Wie ein allgewaltiger Herrscher blickt er nun von oben herab auf den Eintretenden.
“Setzen Sie sich auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch, Landsberger!” befiehlt er mit scharfer Stimme.
“Danke Chef! Aber ich bleibe lieber stehen, sonst bekomme ich einen steifen Nacken!”
“Ihr Ton gefällt mir nicht, Landsberger!”
“Haben Sie mich deshalb rufen lassen?”
“Natürlich nicht!”
“Warum denn dann?”
“Wie alt sind sie jetzt, Landsberger?”
“Achtundvierzig, aber das wissen Sie doch aus meinen Unterlagen!”
“Ich wollte es von Ihnen selbst hören. Wie lange sind sie schon bei uns?”
“Wie sie ja selbst wissen: achtzehn Jahre.”
“Als sie mit Dreißig zu uns kamen, da waren Sie ...!”
“Ich weiss schon: ich war ein vielversprechender Mitarbeiter!”
“Genau das wollte ich sagen. Aber das ‘viel’ am Anfang war wohl zuviel. Sie haben es nicht weit gebracht bei uns. Und schauen Sie sich einmal an!”
Mit diesen Worten erhebt sich Herr Miesbach und schreitet die drei Stufen zu Eddi herab. Dann legt er seinen Arm um seinen Untergebenen und führt diesen zu einem mannshohen Spiegel.
“Sagen Sie mir, worin wir beide uns unterscheiden!”
“Sie sind der Chef, ich der Beschäftigte!”
“Was sehen Sie noch?”
“Sie sind zwar halbkahl, aber gut bei Figur und Teint!”
“Und Sie sind bleich und abgeschlafft, haben ein krankes Aussehen und leisten nicht viel. Mann, was sagt ihre Frau dazu?”
“Dasselbe wie Sie!”
“Und das macht Ihnen nichts aus?”
“Nicht mehr!”
“Was ist nur los mit Ihnen?”
“Ich habe das alles restlos satt: Sie, die Arbeit, meine Familie und mich selbst!”
“Und warum?”
“Ich bin ein Versager, in jeder Hinsicht!”
“Nun, da möchte ich Ihnen nicht widersprechen!”
“Und warum haben Sie mich gerufen?”
“Ich wollte mich mit Ihnen über Ihre Entlassung unterhalten!”
“Was gibt es da zu unterhalten. Sie schmeissen mich raus und fertig.”
“Nein, so einfach geht das nicht. Kommen Sie, wir machen es uns gemütlich.”
Miesbach führt seinen Untergebenen zu einer Ledercouchecke. Er drückt Eddi in die Couch und setzt sich selbst in einen Einzelsessel. Dann drückt er auf einen Knopf unter dem Couchtisch. Sofort öffnet sich lautlos die schwere Eichentüre zum Vorzimmer und Frau Peterle tritt ein.
“Sie wünschen, Herr Miesbach?”
Eddi mustert Frau Peterle. Für ihre fünfzig Jahre ist die noch ganz erstaunlich attraktiv. Er beschließt Miesbach zu fragen, wie die Peterle das macht.
“Bringen Sie uns Kaffee und Gebäck!”
Nur mit einem kurzen Zucken der Augenbrauen gibt die Peterle ihrem Erstaunen Ausdruck.
“Jawohl, Chef!” Und schon ist sie wieder verschwunden.
“Wie macht die Peterle das nur, Chef?”
“Wie macht sie was?”
“Nun, dass sie in ihrem Alter den Männern noch den Kopf verdrehen kann?”
“Solange Ihnen das noch auffällt ist nicht alles verloren. Vielleicht erzähle ich es Ihnen später, wie die das macht. Doch zuerst einmal zu Ihnen.”
“Die Kündigung?”
“Richtig. Was ich Ihnen jetzt mitteile wird Ihnen vielleicht etwas eigenartig vorkommen. Hören Sie mich bitte in aller Ruhe bis zum Ende an. Danach können Sie Fragen stellen oder Ihren Unmut äußern.”
“Ist in Ordnung. Da Sie mir kündigen brauche ich die Arbeit auf meinem Schreibtisch ja nicht mehr zu erledigen und habe somit alle Zeit der Welt!”
“Sie lernen schnell!” lacht Miesbach.
“Apropos Arbeit. Gefällt Ihnen eigentlich das Im- und Exportgeschäft?”
“Nein!”
“Wie kommt es dann, dass sie achtzehn Jahre lang diese Arbeit getan haben?”
“Daran sind Sie und meine Familie schuld.”
“Nana!”
“Ganz einfach. Sie haben mir vor achtzehn Jahren einen guten Job angeboten, so dass ich es mir leisten konnte zu heiraten. Hat man dann erst einmal Familie, dann steckt man in der Falle. Man braucht regelmäßige Einkünfte und kann sich keine Eskapaden leisten.
Wieso haben Sie mich damals eingestellt und mir bei vollem Lohn eine Ausbildung in Ihrer Firma ermöglicht? Das habe ich mich die ganzen Jahre immer gefragt.”
“Ich wollte es Ihnen eigentlich nie sagen, damit sie kein schlechtes Gefühl haben. Aber jetzt, wo ich Sie rauswerfe, brauche ich auf Ihre Gefühle keine Rücksicht mehr zu nehmen. Kennen Sie Karl Landsberger?”
“Meinen Onkel Karl? Welche Frage! Sie kennen Ihn?”
“Der hat mir das Leben gerettet!”
“Wie bitte? Der Onkel Karl? Das ist doch nicht möglich!”
“Ist es doch. Er war mein Professor an der Uni. Wir haben manchmal Tennis zusammen gespielt. Obwohl er fünfzehn Jahre älter war als ich, hat er mich oft besiegt. Mann, war der fit. An dem könnten Sie sich eine Scheibe abschneiden.”
“Ich weiß. Ich war ab und zu mit ihm Bergwandern. Der war immer der erste auf dem Gipfel. Aber was hat das mit Ihrem Leben zu tun?”
“Einmal studierte ich noch spätabends in der Universitätsbibliothek. Kurz nach Zwölf Uhr nachts warf mich der Hausmeister raus. Am Ausgang traf ich den Karl. Er begleitete mich ein paar Straßenecken. Wir diskutierten eifrig ein Problem, es ging um Handelsbeziehungen zu Drittweltländern, als es geschah.”
“Was geschah?”
“Wir wurden überfallen. Zwei Kerle drangen auf uns ein und verlangten unsere Wertsachen. Ich war damals jung und sportlich und dachte, dass ich es mit jedem aufnehmen könne. Deshalb weigerte ich mich, meine Geldbörse herauszurücken. Plötzlich zog einer der beiden Angreifer ein langes Messer und stieß es mir ins Herz!”
“Wie bitte? Dann wären Sie doch tot gewesen?”
“Es war wirklich so. Er stieß es mir ins Herz. Ich fühlte den kalten Stahl wie er tief in meinen Brustkorb eindrang. Ich hatte wirklich dieses Gefühl. Aber es kam nicht so weit. Mit einer unglaublichen Reaktion schnellte Karls Faust auf die Hand des Angreifers. Der Schlag wurde abgelenkt. Die Hand mit dem Messer streifte mich nur und hinterließ einen langen Schnitt auf der Haut. Hier, sehen Sie, das ist die Narbe.”
Bei diesen Worten hebt Miesbach sein Jacket und zieht sein blütenweißes Hemd an der rechten Seite aus der Hose.
“Tatsächlich. Die Narbe ist deutlich zu sehen. Und das nach so langer Zeit. Was geschah dann?”
“Karls andere Faust schnellt fast gleichzeitig an das Kinn des Angreifers, der mit einem Aufschrei zu Boden sank. Der andere rannte davon.”
“Warum haben Sie mir das nie erzählt?”
“Sie werden gleich verstehen, warum ich nie mit Ihnen darüber gesprochen habe. Viele Jahre später kam mein alter Professor Karl eines Tages zu mir in mein Büro. Ich hatte inzwischen eine steile Karriere hinter mir und war Chef einer gutgehenden Im- und Exportfirma. Der Karl verlangte mich ohne Anmeldung zu sprechen und ließ sich nicht abwimmeln. Dann ließ er die Katze sofort aus dem Sack. Ich habe seine Worte noch genau im Ohr:
‘Ich habe einen Neffen. Er ist ein guter Kerl. Hat einen guten Charakter. Aber es fehlt ihm Rückrat und Kampfeswille. Seit Jahren jobt er vor sich hin und weiß nicht recht was er machen soll. Dabei ist er nicht ganz unintelligent. Du musst ihn einstellen!’
Ich antwortete ihm, dass ich seinen Neffen einstelle, wenn er etwas taugt. Er lobte seinen Neffen in den höchsten Tönen, musste dann allerdings zugeben, dass dieser keinerlei kaufmännische Vorkenntnisse hatte.
Daraufhin weigerte ich mich, seinen Neffen einzustellen. Da wurde er noch deutlicher und sagte wörtlich zu mir:
‘Dein Leben scheint keinen großen Wert zu besitzen, zumindest ist es weniger wert als eine Arbeitsstelle.’
Ich verstand ihn sofort, er klagte die Schuld ein, die ich bei ihm hatte. Ich schuldete ihm ein Leben, mein Leben.
Ich bin vielleicht ein harter Chef und nicht immer die Freundlichkeit in Person, aber ich besitze Moral, deshalb habe ich den Herrn Eduard Landsberger, Neffe des Herrn Profesor Karl Landsberger in meine Firma aufgenommen.”
Eddi hat es die Sprache verschlagen. Langsam versucht er, seine Empfindungen in Worte zu fassen. Glücklicherweise geht in diesem Augenblick die Türe auf und die Peterle bringt auf einem silbernen Tablett Kaffee und Gebäck.
“Hier meine Herren, lassen Sie es sich schmecken.” Dabei mustert sie Eddi mit einem seltsamen Blick, der ihm unter die Haut geht und ihn dazu bringt, sich noch unwohler zu fühlen.
“Greifen Sie zu, Landsberger, sie brauchens jetzt!”
“Wenn Sie recht haben, haben Sie recht. Aber eines muss ich Ihnen sofort sagen: Wenn ich diese Geschichte vorher erfahren hätte, dann hätte ich sofort gekündigt.”
“Ich weiß. Deshalb habe ich sie Ihnen auch nie erzählt.”
“Eines verstehe ich nicht. Mein Onkel Karl ist doch schon seit fünf Jahren tot. Warum haben Sie mich nicht damals schon rausgeworfen?”
“Danke! Mit dieser Frage erleichtern Sie mir den Einstieg in das, was ich Ihnen in diesem Gespräch ursprünglich mitteilen wollte. Karl verlangte von mir nicht nur, dass ich Sie einstelle, sondern noch viel mehr. Er gebrauchte die folgenden Worte:
‘Freddi’, sie wissen sicher, dass ich Ferdinand mit Vornamen heiße, ‘Freddi’, begann er ganz feierlich, ‘Du schuldest mir ein Leben, Dein Leben, und ich möchte, dass Du dafür ein anderes Leben rettest. Mein Neffe ist zu schwach, um sich allein durchzuschlagen. Ich mache Dich für sein Leben verantwortlich. Das heisst ganz praktisch, Du kümmerst Dich so lange um ihn, bis einer von Euch beiden stirbt.’
Peng! Damit ließ er mich stehen. Ich war alles andere als begeistert von dieser Verpflichtung. Aber ich bin gewillt, sie einzuhalten.”
“Das verstehe ich nicht: Sie wollen mich doch rauswerfen?”
“Richtig. Die Firma braucht für Ihren Job einen hochmotivierten, supergescheiten Draufgänger, ich habe da schon jemand im Auge. Sie stehen dieser Person im Wege, deshalb müssen Sie gehen. Doch ich werde mich weiter um Sie kümmern. Natürlich werden Sie vorerst einmal arbeitslos. Ich glaube kaum, dass sie noch für eine andere Stelle vermittelbar sind. Sie werden also in Zukunft viel Zeit haben. Und ich werde diese Zeit nützen, um etwas aus Ihnen zu machen.”
“Aus mir? Hahaha! Entschuldigen Sie, dass ich lache. Das ist der beste Witz seit Jahren.”
“Denken Sie an die Peterle. Da, schauen Sie, so sah die früher einmal aus.”
Mit diesen Worten streckt der Miesbach dem Eddi eine Fotografie entgegen. Dieser mustert das Bild eingehend. Er sieht eine pumelige Frau, altmodisch gekleidet mit ausdruckslosen Augen und einer schlechten Haltung.
“Das soll die Peterle sein? Die hat sich ja total verändert!”
“Dieses Foto wurde vor etwa sieben Jahren aufgenommen. Sie hat damals in einem Außenbüro gearbeitet. Eine gute Arbeitskraft. Doch das Büro ging trotzdem schlecht. Wahrscheinlich hat sie die Kunden durch ihr Aussehen vergrault. Ich habe ihr damals angeboten, etwas aus ihr zu machen. Sie war sofort damit einverstanden. Heute wickelt sie die Männer reihenweise um den Finger.”
“Unglaublich! Wirklich unglaublich! Was haben Sie mit ihr gemacht?”
“Harte Arbeit, mein Junge, harte Arbeit! Gleich morgen beginnen wir damit. Seien Sie um 5 Uhr in meiner Villa!”
“Aber Sie sind doch meist bis 8 Uhr im Büro?”
“Um 5 Uhr morgens, mein Lieber! Und bitte pünktlich!”
“Ist das Ihr Ernst? Wie bringe ich das meiner Familie bei?”
“Sie sagen denen die Wahrheit!”
“Ich weiß nicht! Eigentlich wollte ich mich als frischgebackener Arbeitsloser zuerst einmal richtig erholen!”
“So ein Unsinn. Erholen können Sie sich, wenn Ihnen Frau und Kinder davongelaufen sind, weil Sie ein Versager sind. Dann haben Sie alle Zeit der Welt!”
“Sie haben, wie immer, recht. Ich versuche pünktlich zu sein!”
“Sie versuchen nicht pünktlich zu sein, Sie sind pünktlich! Verstanden? Und nun gehen Sie nach Hause. Ihre Papiere werden Sie in den nächsten Tagen bekommen!”
Als Eddi das Büro verlässt tobt in seinem Innern ein Sturm widerstreitender Gefühle. Dennoch vergisst er nicht, die Peterle genau zu mustern. Sie erhebt sich hinter ihrem Schreibtisch, um ihm die Türe zum Ausgang zu öffnen. Eddi fällt auf, dass das enge Kostüm ihre perfekte Figur sehr gut zum Ausdruck bringt. Ihre halblangen dunkelblonden Haare umrahmen ein nahezu faltenloses, gebräuntes Gesicht, aus dem ihm ein grünes Augenpaar schelmisch entgegenlacht:
“Versuchen Sie es!”
Mit diesen Worten schließt sie dir Türe hinter ihm.
Eddi geht in sein Büro zurück. Die Sauerbach begrüsst ihn:
“Na, wie wars?”
“Wie solls gewesen sein? Er hat mich rausgeschmissen. Hat wohl schon einen Neuen für den Job!”
“Oh, das tut mir aber leid!”
“Mir nicht!”
“Wie bitte?”
“Ich habe schon lange die Nase voll von dem Laden.”
“Aber was wollen Sie nun tun?”
“Ich werde ein unvermittelbarer Arbeitsloser sein. Das ist so etwas ähnliches wie Vorruhestand.”
“Wie das klingt: Ruhestand, in Ihrem Alter!”
“Na und? Jeder ist so alt, wie er sich fühlt. Ich fühle mich wie ein Hundertjähriger.”
“Es tut mir so leid!”
“Mir nicht. Leben Sie wohl. Der Neue wird das Büro hier auf Vordermann bringen. Viel Spass! Tschüss!”
Eddi verlässt das Bürogebäude und setzt sich in seinen Golf. Langsam fährt er vom Firmenparkplatz auf die wenig befahrene Strasse. Er denkt über seine Situation nach:
“Wie fühle ich mich? Schwer zu sagen. Einerseits erleichtert, andererseits abgeschoben, sozusagen in Wartestellung auf den Tod hin. Dann dieser Miesbach. Eigenartig, wie der sich mir gegenüber benommen hat. Was der wohl mit mir vorhat? Und warum? Aus mir ist nie etwas geworden und wird nie etwas werden. Wie heisst es doch? Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Einmal Versager, immer Versager. Nein, das geht schief!”
Nach etwa zehn Minuten parkt er sein Fahrzeug vor einem großen Mehrfamilienhaus. Die Landsbergers haben hier eine neunzig Quadratmeter große Vierzimmerwohnung. Nicht viel für vier Personen. Während Eddi die Stufen zum dritten Stock emporsteigt, denkt er an Jutta, seine Frau und an ihre sechzehnjährigen Zwillinge Minka und Malte:
“Die werden sich nicht besonders freuen, wenn ich ihnen von meinem Rausschmiss erzähle.”
Als er die Wohnungstüre aufschliesst blickt er kurz auf seine Armbanduhr: Elfuhrdreißig.
Vom Geräusch der Schlüssel aufgeschreckt kommt ihm Jutta entgegen:
“Eddi, was ist los? Warum bist Du schon von der Arbeit zurück?”
“Rausgeschmissen!”
“Wie bitte? Das kann doch nicht wahr sein? Aber warum?”
“Was Du schon immer vermutet hast: ich bin ein Versager und bringe der Firma keinen Nutzen.”
Jutta sagt nichts. Eddi schaut sie schweigend an. Abgehärmt sieht sie aus mit ihren zweiundvierzig Jahren. Falten hat sie im Gesicht und bleich ist sie. Kein Vergleich mit der Peterle. Sofort fühlt er sich schuldig und denkt:
Ich habe ihr kein Glück gebracht. Sie hat mir ihre besten Jahre geschenkt und was hat sie dafür bekommen? Nichts, nur Frust!
Schon lange hat er sie nicht mehr in die Arme genommen. Nun tut er es. Mit dem Ergebnis, dass sie in Tränen ausbricht.
“Was ist das nur für ein Leben, Eddi? Als ich Dich kennenlernte, habe ich mich gleich in Dich verliebt. Du warst so voller Witz und hast alle in den Boden diskutiert. Natürlich habe ich bald gemerkt, dass Dir Kampfgeist und der Drang zu Höherem fehlt. Doch wir Frauen denken immer, dass wir Euch Männer verändern können. Das ist mir mit Dir nicht gelungen. Nun stehen wir vor den Scherben unserer Beziehung.”
“Was willst Du damit sagen? Willst Du mich verlassen?”
“Ich habe schon oft daran gedacht. Doch den Kindern zuliebe habe ich es nicht getan. Am Anfang unserer Beziehung habe ich mir eine tolle Zukunft für uns beide erträumt und, ich habe Dich sehr geliebt! Leider ist nichts davon geblieben.”
“Bist Du sicher? Ich glaube, Du hast den Mann geliebt, der ich hätte sein sollen. Du hast mich nie so geliebt wie ich bin. Dabei habe ich nie ein Hehl daraus gemacht, wie und was ich bin, was ich kann und nicht kann.”
“Aber ein Mensch kann sich doch ändern?”
“Darin bestand deine Hoffnung, ich weiss. Du hast es mir oft genug gesagt. Das war wohl der große, tragische Irrtum Deines Lebens. Ich verstehe Dich und bewundere Dein Durchhaltevermögen in den vergangenen siebzehn Jahren.”
“Aber warum sind die Menschen nur so unterschiedlich? Sieh Dir mal den Miesbach an. Der hat auch mit Null begonnen. Heute ist er ein erfolgreicher Geschäftsmann und Millionär.”
“Hättest halt ihn heiraten müssen.”
“Lass doch den Unsinn. Das ist kein Mann zum Heiraten.”
“Wenn ich so wäre wie er, dann wäre ich auch kein Mann zum Heiraten.”
“Du verstehst mich nicht.”
“Das sagt ihr Frauen immer, wenn Euch die Argumente ausgehen.”
“Du bist gemein. Sieh mal, was Du aus mir gemacht hast. Ja, schau mich an!”
“Ich sehe Dich genau. Du bist eine edle Seele in einem abgehärmten Körper. Dabei bist Du noch besser dran als ich. Ich bin ein Versager in einem abgehärmten Körper.”
“Und wie soll es nun weitergehen?”
“Der Miesbach will, dass ich morgen früh um fünf Uhr in seine Villa komme. Der hat irgendetwas mit mir vor.”
“Das verstehe ich nicht. Er hat Dich doch gerade erst rausgeworfen?”
“Also gut. Jetzt mach uns erst mal eine Tasse Kaffee. Dann setzen wir uns gemütlich hin und ich erzähle Dir die ganze Geschichte; Du wirst staunen, genauso wie ich gestaunt habe, als der Miesbach mir das alles erzählt hat.”
Jutta ist neugierig geworden. Widerstandslos geht sie in die Küche und wirft die Kaffeemaschine an. Wenig später sitzen Eddi und seine Frau am Esstisch. Während sie langsam den belebenden Trunk schlürfen, erzählt Eddi Jutta, was er heute morgen im Büro von Miesbach erlebt hat.
Als er fertig ist schweigen beide eine Weile. Jutta ringt sichtlich nach Worten:
“Aber, ich verstehe das Ganze nicht. Onkel Karl, das Versprechen. So etwas habe ich noch nie gehört. Das gibt es doch gar nicht. Da hätte der Miesbach Dich ja gleich adoptieren können?”
“Jutta, Du weisst nicht was Du sagst. Wenn er mich adoptiert hätte, dann hätte ich doch Anspruch auf seine Millionen. Nein, wenn der Miesbach stirbt, dann sitze ich auf der Strasse mit Nichts. Er hat dem Onkel Karl nur versprochen für mich zu sorgen, bis einer von uns beiden, Miesbach oder ich, stirbt. Begreif das doch!”
“Ich begreif das schon und begreif es doch wieder nicht. Und wie will er Dir nun weiterhelfen?”
Eddi lacht: “Ich glaube, er will aus mir einen Supermann machen.”
“Wie? Aus Dir?”
Und dann fängt Jutta an zu lachen. Sie lacht und lacht. Ihr Lachen wird immer lauter und immer hysterischer. Sie lacht sich ihren ganzen Frust von der Seele. Eddi lässt sie gewähren. Er spürt, dass sie das jetzt braucht. Dennoch tut es ihm im Herzen weh. Wieder spürt er dieses Ziehen in der Magengegend. Dann läutet das Telefon. Jutta lacht noch immer, als Eddi den Hörer abnimmt:
“Ja?”
“Miesbach hier. Wer lacht denn da bei Ihnen?”
“Meine Frau.”
“Warum denn das?”
“Ich habe Ihr erzählt, dass Sie aus mir einen Supermann machen wollen.”
“Hören Sie, Landsberger. Wenn Sie alles mitmachen, was ich mit Ihnen vorhabe, dann wird Ihrer Frau bald das Lachen vergehen. Aber deshalb rufe ich nicht an. Ich habe hier das Ergebnis Ihrer letzten Betriebsarztuntersuchung. Mir fällt auf, dass bei Ihnen fast alles nicht in Ordnung ist: Blut-, Leber- und Harnwerte zu hoch, Allergien, Asthma, Röntgenbilder auffällig, usw, usw. Allerdings fällt eines auf: Ihr Herz arbeitet einwandfrei. Ich wollte Ihnen diese gute Nachricht gleich mitteilen.”
“Warum? Was ist daran gut?”
“Wir können gleich morgen mit der Arbeit beginnen. Ein einwandfrei arbeitendes Herz ist Voraussetzung für das, was ich mit Ihnen vorhabe.”
“Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll oder nicht.”
“Geben Sie mir mal Ihre Frau.”
“Wenn es sein muss? Jutta!”
Während Jutta den Telefonhörer in der Hand hält sagt sie lange Zeit kein Wort. Eddi beobachtet sie unauffällig. Ihre Wangen glänzen noch von den Lachtränen. Ihr blondes Jahr hat sie hinten zusammengebunden. Das verleiht ihrem abgehärmten Gesicht einen noch strengeren Zug. Ihr Rücken ist gebeugt. Schuld daran ist eher ihre niedergedrückte Seele als schwere körperliche Arbeit. Die verwaschenen Jeans und der ausgebleichte Pulli steigern ihre Attraktivität auch nicht gerade.
Nach etwa fünf Minuten sagt sie nur drei Worte:
“Ja, in Ordnung!” und legt den Hörer auf.
Dann wendet sie sich Eddi zu, der sie erwartungsvoll anblickt:
“Nun, was hatte er Dir denn alles zu erzählen?”
“Er sagte: ich schicke ihren Mann durch die Hölle. Entweder wird aus ihm ein richtiger Mann, oder er geht dabei drauf. Ihr Mann ist geradezu ideal dafür. Er hängt nicht am Leben, wäre lieber heute als morgen tot. Er hat also nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen. Diese Leute haben eine echte Chance, alles zu gewinnen. Unterstützen Sie ihn dabei. Sie werden es nicht bereuen.
Eddi, was hat das zu bedeuten? Ich habe Angst!”
“Ich nicht. Miesbach hat recht. Ich habe oft daran gedacht, mit meinem Versagerleben Schluss zu machen. Nur war ich zu feige, es wirklich zu tun. Er hat recht, ich habe nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen.”
“Und wenn Du dabei wirklich draufgehst?”
“Dann habe ich es wenigstens versucht. Das ist für mich schon ein großer Erfolg. So wie bisher kann und will ich auf keinen Fall weiterleben.”
“Aber was hat Miesbach genau vor mit Dir?”
“Ich weiß es nicht. Es ist mir aber auch egal. So egal, wie mir mittlerweile die Arbeit, Du, die Kinder und mein eigenes Leben gleichgültig geworden sind.”
“Ist das wahr? Bin ich Dir gleichgültig geworden, und die Kinder ...?”
Jutta war fassungslos. Dieses Mal waren es Schmerzenstränen, die ihr über die Wangen rannen.
“Tut mir leid, wenn ich das so offen sage. Aber ich glaube, heute ist der Tag der Erkenntnis für uns gekommen. Du bist vorhin ja auch nicht gerade zimperlich gewesen, als Du mir sagtest, dass Du mich schon oft verlassen wolltest.”
“Entschuldige bitte!”
“Nein! Keine Entschuldigungen. Heute wird klar Schiff gemacht, auch mit den Kindern, wenn sie von der Schule kommen. Jeder soll sagen, was er denkt. Danach kann jeder entscheiden, welche Lehren er daraus zieht.”
“Das ist alles wie ein böser Traum. Sag mir, dass ich mir das alles nur einbilde!”
“Es ist kein Traum. Da müssen wir jetzt durch!”
Jutta lässt sich in einen Sessel fallen und verbirgt das Gesicht in den Händen. Sie ist wie gelähmt. Eddi fühlt sich seltsam beschwingt. Endlich wird er aus der Eintönigkeit eines verhassten Lebens gerissen. Er nimmt den Telefonhörer wieder auf und ruft eine Pizzeria an. Während er seine Bestellung aufgibt, hebt Jutta langsam ihren Kopf und starrt ihn fassungslos an. Noch bevor er den Hörer wieder auf die Gabel gelegt hat schreit sie ihn an:
“Wie kannst Du nur ans Essen denken, wenn alles zusammenbricht?”
“Ich bin ein Pragmatiker. Bald kommen die Kinder. Die haben sicher Hunger. Du bist ja offensichtlich nicht in der Lage, eine Mahlzeit zuzubereiten. Ist auch nicht nötig. Ausserdem habe ich einen Bärenhunger.”
“Du hast Hunger? Was bist Du für ein Mensch?”
“Aber verstehst Du denn nicht? Es geht aufwärts mit uns; ich spüre es. Ich bin richtig euphorisch. Endlich ist dieses totlangweilige Büro- und Familienleben zu Ende. Jutta, man bietet uns einen Neuanfang an!"
“Du spinnst doch. Das sind alles Hirngespinste. Einmal Versager, immer Versager. Du bist bald fünfzig, da läuft nichts mehr. Bilde Dir doch nichts ein! Außerdem hast Du immer auf den Miesbach geschimpft. Jetzt erwartest Du von diesem kalten Geschäftsmann irgend ein Wunder. Vor Jahrzehnten hast Du schon nicht die Kraft und Energie gehabt, etwas aus Deinem Leben zu machen. Und heute, fast schon ein Opa, denkst Du, alles aufholen zu können? Du unverbesserlicher Träumer. Nein, das funktioniert nie, nie, nie!”
Jutta steht auf und tritt an Eddi heran. Mit wütenden Augen blickt sie ihn an. Eddi lacht plötzlich heraus:
“Siehst Du nicht das Kroteske an unserer Situation? Jahrelang hast Du nie die Hoffnung aufgegeben, dass ich mich ändere und es endlich zu etwas bringe. Jetzt bin ich bereit, mein Leben völlig zu ändern und nun willst Du nicht mehr. Da verstehe einer die Frauen!”
Bei den letzten Worten blickt Eddi hilfesuchend an die Zimmerdecke. Jutta fährt fort:
“Ich habe mich wohl mit allem abgefunden. Jetzt habe ich keine Kraft mehr, etwas Neues anzufangen.”
“Hör bloß auf! Du bist gerade mal zweiundvierzig und benimmst Dich schon wie eine Rentnerin.”
“Das habe ich von Dir gelernt.”
“Da hast Du recht. Ich habe Dir das siebzehn Jahre vorgelebt. Doch nun ist es anders. Sei doch froh und versuche, Dich an die neue Situation zu gewöhnen!”
“Ich kann das nicht und will es auch nicht.”
“Richtig! Tag der Ehrlichkeit: Du willst nicht. Du hast Dir wohl schon alles genau ausgedacht. Wenn die Kinder volljährig sind, also in zwei Jahren, verlässt Du mich und tust endlich das, was Du alle die Jahre hindurch gerne getan hättest, stimmts?”
Jutta schweigt.
“Es ist Deine Entscheidung. Zumindest solltest Du mir eine Chance geben.”
In diesem Augenblick klingelt es Sturm. Eddi betätigt den Türöffner. Dann hört man eilige Schritte die Treppe heraufkommen. Kurz darauf stehen schnell atmend Minka und Malte vor der Wohnungstüre. Als Eddi öffnet verschlägt es ihnen zunächst die Sprache. Minka fasst sich als erste:
“Papps, was machst Du denn hier? Bist Du krank?”
“Nein, ich bin entlassen?”
“Wie? Und dabei strahlst Du wie ein Honigkuchenpferd?”
“Ich erkläre es Euch nachher beim Essen. Die Pizza muss jeden Augenblick kommen.”
“Was, heute gibt es Pizza? Toll, Papps!” Minka fällt Eddi um den Hals.
“Schon gut! Ihr könnt ja schon mal den Tisch decken!”
“Machen wir!”
Während die Kinder Geschirr und Besteck zusammensuchen beobachtet Eddi die beiden aufmerksam. Er hat den Eindruck, dass er heute alles mit anderen Augen sieht. Zum ersten Mal fällt ihm auf, dass Minka eine attraktive junge Dame geworden ist. Ihr langes braunes Haar fällt über einen schlanken, aber kräftigen Oberkörper. Ein paare wenige Pickel verunstalten ihr ansonsten makelloses Gesicht. Die braunen Augen, blicken sanft und vertrauensvoll von einem zum anderen. Eddi wird ganz elend bei dem Gedanken, dass die Familie vielleicht bald auseinanderbricht.
Malte ist noch ein richtiger Lausbub. Er sieht Minka erstaunlich ähnlich, ist aber doch ganz anders. Er hat ebenfalls einen kräftigen, aber schlanken Körperbau. Sein Gesicht ist leider von vielen Pickeln übersät, die sehr an seinem Selbstbewusstsein nagen. Doch er findet ein wenig Bestätigung in seinen außergewöhnlichen, sportlichen Leistungen. Im Geräteturnen ist er ein As. Eddi ist überzeugt davon, dass seine beiden Kinder ihren Weg machen; im Gegensatz zu ihrem Vater.
Dann klingelt es wieder an der Haustüre.
“Das sind sicher die Pizzas!” jubelt Minka und rennt nach unten. Kurz darauf schreit sie durchs Treppenhaus:
“Papps, wirf mal Deinen Geldbeutel runter!”
Lachend lässt Eddi seine Geldbörse zwischen den Treppengeländern hinunterfallen.
Dann sitzen alle am Esstisch. Eddi und die Kinder essen mit großem Appetit. Jutta nagt lustlos an einem kleinen Stück herum.
“Was ist los mit Dir. Mutti?” fragt Minka.
“Frag doch Papa!” gibt Jutta zur Antwort.
“Papps, was läuft hier eigentlich? Raus mit der Sprache!”
Eddi setzt eine feierliche Mine auf und berichtet. Minka unterbricht ihn immer wieder, um Fragen zu stellen. Malte hört ruhig zu. Man sieht ihm allerdings an, dass es in seinem Kopf arbeitet.
Nach einer halben Stunde ist alles berichtet und alle Fragen mehr oder weniger zufriedenstellend beantwortet.
“Du musst also morgen früh um fünf bei dem Miesbach sein?” fasst Malte das Gehörte zusammen.
“Richtig!”
“Das müssen wir feiern!” meldet sich Minka wieder zu Wort.
“Kommt, wir gehen in die Eisdiele!” begeistert sich Malte.
“Ihr spinnt doch alle!” Jutta hat sich noch immer nicht von dem Schock erholt.
“Komm doch mit, Mami! Bitte!”
“Nun ja, vielleicht tut mir eine Ortsveränderung gut.”
“Papps, gib mir den Autoschlüssel. Ich gehe schon mal nach unten!”
Lachend wirft Eddi seinem Sohn den Schlüsselbund zu.
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