"Änne, ist der Hafer schon gesät?"

( 0 Bewertungen ) 

Mehr als 400 Feldpostbriefe meines Vaters aus

den Jahren 1939 bis 1944 sind erhalten geblieben.

In dem fast regelmäßigen Briefaustausch erkennt

der Leser zwischen den einfachen Zeilen

die dramatische Entwicklung

 

„vom Siegen bis zum Heldentod“

 

Bedingt durch meinen Beruf war ich in der Lage, die in

Sütterlin-Schrift verfassten Dokumente in eine heute

lesbare Form zu bringen. Ich habe die Sammlung mit

Geschichtsdaten, Zitaten und Bildern ergänzt.

Meine Hoffnung ist, dass diese Briefe vielen jungen

Menschen zur Kenntnis gebracht werden und diese

dadurch zu einer Erkenntnis kommen.

 

Dies ist der eindrucksvolle Briefwechsel

von Änne, geboren am 10.11.1918, meiner geliebten Mutter

und Johannes, geboren am 21.11.1910,

meinem ungewöhnlichen Vater

Er, groß gewachsen, preußisch kurze Haare, landwirtschaftlich

gut ausgebildet, aus glaubensstarkem Hause, aus „einfachen

Verhältnissen’’, 28 Jahre alt

und sie, 20 Jahre jung, schön, ebenso gottesfürchtig wie in

Bescheidenheit aufgewachsen,

leben und arbeiten zu Beginn dieses Briefwechsels beide auf Gut

Brincke, einem beschaulichen Grafensitz in Ostwestfalen.

Sie arbeitet im gräflichen Haushalt und Küche, er in der

Landwirtschaft des Grafen.

Pferd und Wagen, Knechte („die Jungens’’) und der Verwalter

(„Baumeister’’) in der Landwirtschaft,

mehrere Hausangestellte im Schloss („die Mädels’’),

die „Herrschaften’’: der Graf („Atti’’), die

Gräfin („Munni’’) und deren Kinder („die Kinder ‘’) ,

das sind die Gegebenheiten und die Personen, die das Bild dieser

Idylle 1938/39 vor Ausbruch des II. großen Weltkrieges prägen und in den Briefen immer wieder die „Heimat’’ widerspiegeln.

Hier lernen sich Änne und Johannes kennen und lieben.

„Italien“, ein vom Grafen gepachteter , kleiner Kotten, eine sog.

Kuhstelle hinterm „Pöttgerbusch“, ist das gesteckte Ziel und der Traum der beiden. Hier sehen beide ihre Zukunft.

Für mich, den im Brief vom 12.12. 1942 „unters Herz gelegten „

Sohn , ist „Italien“ nur noch sehr schwach in Erinnerung.

Jedoch ist mein Unterbewusstsein erfüllt von der liebevollen Sorgemeines Vaters für Frau und Kind und dem jugendlichen Vertrauen meiner Mutter zu ihm, eingebettet in der

selbstverständlichen Hilfsbereitschaft der sie damals umgebenden Menschen.

Beim Lesen und Niederschreiben dieses „Briefschatzes“ stellte sich jedes mal eine fast wütende Beklommenheit ein, ein sogenannter „Kloß im Hals“, wenn ich mir die Gefühle von Änne, meiner geliebten Mutter, vor Augen halte. Ich kann mir dann die einsame junge Frau vorstellen, wie ihre Tränen die unleserlichen Stellen verursacht haben. Sicherlich sind auch Tränen beim späteren Lesen dazugekommen.

 

Was für eine starke Frau, die das damals alles verkraftet hat !

 

 

Diesen Briefschatz lege ich jedem ans Herz,

der spüren möchte,

was Bodenständigkeit und Schlichtheit, was Liebe und Sorge,

Hoffnung, Sehnsucht , Trennung, Verzweiflung,

Verlust und Trauer bedeuten,

aber auch, was aufgesetzte Pflichterfüllung,

falsche Ideale und die Lenkung durch ein verbrecherisches

Regime anrichten können.

Beispiele aus dem Briefwechsel:

 

Stablack, den 20.7.39

 

Liebe Frau, liebe Änne !!!

Habe Deinen lieben Brief erhalten. Habe sehr viel Freude darüber gehabt, dass Du, liebe Frau, noch gesund und munter bist. Die Hochzeit hast Du ja auch gut verlebt, leider konnte ich nicht dabei sein. Es dauert ja gar nicht mehr lange, dann bin ich ja bei Dir. Die Zeit geht ja schnell dahin. Die Hauptsache ist, dass Du liebe Frau nicht zu viel Heimweh hast? Ich hab mich jetzt hier (ein)gewöhnt, wie ich weiß, es geht nicht anders. Heute morgen (hatte) ich Glück, bin von der ganzen Kompanie der beste Schütze. 36 Ringe. Waren mit 80 Mann. Das freut mich sehr, liebe Frau. Wer nicht gut schießen kann bekommt Strafe. Hoffentlich behalte ich die Nerven, dass ich auch das nächste mal auch gut schieße. Wenn ich das noch einmal erreiche, habe ich es gut. Kannst den Jungens ja auch sagen, dass sie sich im Schießen üben. Wer gut schießt, kommt gut hin.

 

Die Gerste habt Ihr auch schon ab; hat es denn gut geklappt beim Mähen und Pflanzen? Wer hat denn alle mit geholfen ? Hoffentlich hast Du Dich nicht zu stark angestrengt. Ist es nicht zu trocken bei Euch? Hier ist es sehr trocken, der Hafer ist schon reif. Haben hier ein Gelände, so groß, ich weiß es nicht, Berg und Tal. Fahren (Auto) tue ich auch. Das geht ! Aber freue Dich, dass Du es nicht zu sehen brauchst. Die Geschwindigkeit! 80 in Kurven, dann kommt auch mal 50, mal auf mal ab die Wagen. Sage den Jungens mal , sie sollen das mal ausprobieren, wie es ihnen dann zumute ist. Es geht. Wenn der Dienst zu ende ist, sehen wir ganz wild aus, mit Dreck überzogen.. Wasser zum Waschen haben wir genug. Den Anzug und (die) Socken machen wir selber. Die Uniform ist gut. Werde sie aber gern bald ausziehen. Wie ist es sonst mit unserem Land, ist der Roggen schon reif? Ist der Hafer noch etwas geworden? Sind die Steckrüben angeschlagen ? Hat es bei Euch in der letzten Zeit etwas geregnet ? Was machen die Jungens jeden Tag auf Brincke? Wollen die noch nicht schreiben? Aber dann noch alle auf Brincke besonders grüßen von mir. Wie geht es Deinen Eltern und Maria? Viele Grüße bestellen! Musst Deinem Vater besonderen Dank aus (richten) für die Arbeit beim Pflanzen. Bist Du des sonntags schon bei meinen Eltern gewesen? Fahre doch mal hin , wenn Du liebe Frau mal Zeit hast. Wir sind nun schon 5 Wochen verheiratet, was geht die Zeit dahin. Hast Du schon etwas vom Amt gehört ob es etwas Geld gibt?

 

Polen, den 9.9.39

 

Liebe Frau, liebe Änne !!!

 

Änne, wie geht’s? Hoffentlich geht es Dir recht gut. Du denkst vielleicht wie es mir geht ? Es geht mir gesundheitlich ganz gut , nur Du fehlst mir, liebe Frau. Wir machen jeden Tag große Märsche. 46 km, dann 38 km, dann mal 25 km. Können mit unseren Pferden nicht so schnell vorwärtskommen wie wir eigentlich müssen. Die Wege sind hier sehr schlecht. An die Front kommen wir augenblicklich nicht, denn wir kommen den ersten Truppen nicht nach. Jetzt kommen unsere Truppen ungeheuer vorwärts, die ersten sind vor Warschau. Ein Glück ist ja immer noch, dass unsere Kompanie noch keine Verwundeten noch Verletzten hat. Aber dennoch, Krieg führen ist nicht schön, ist grausam. Der Pole hat ganz große Verluste, sehr viele Tote. Liebe Frau, wie ist’s in der Heimat? Sind alle noch gesund? Sind von dort auch welche im Krieg? Was macht Ihr jeden Tag? Liebe Frau, wie ist’s mit unserem Haus, ist schon wieder etwas gemacht?

Wenn ich zurück in die Heimat komme, dann müssen wir schnellmachen, dass wir heiraten (kirchlich).

Ja, liebe Frau, wie muss es schön sein, wenn ein Krieger zurück zu seiner lieben Frau, ja lieben Frau kommt! Änne, wie wartest Du doch wohl auf den Tag wenn ich wiederkomme? Hoffentlich dauert der Krieg nicht mehr lange. Das Schlimmste ist mit uns hier die Postverbindung. Aus der Heimat habe ich seit dem 28. keine Post bekommen. Wird in der Heimat keine Post angenommen? Bis zum 4.9. durften wir nicht schreiben. Wenn ich nur erst wieder Post bekomme von Dir liebe Frau. Man weiß gar nicht, wie es Dir geht. Was machen die anderen auf Brincke? Änne, wie ist’s mit dem Obst, ist viel auf den Bäumen? Aber schicken hierhin hat keinen Zweck, ist zulange unterwegs. Bis jetzt ist unsere Verpflegung noch ziemlich gut angekommen. Ist ja alles halb so schlimm, wenn (ich) nur gesund nach hause komme. Bete immer noch für mich, es hilft. Du kannst Dir nicht denken, liebe Frau, wie fromm die Soldaten sind wenn es ernst ist. Hier wird auch viel gebetet. Ja, wenn man so sieht wenn die Schlacht beginnt - ist schrecklich - die Gesichter. Wir sehen wenig davon, weil wir nur meist des nachts an die Front fahren mit Munition. Liebe Änne, was machst Du des Sonntags jetzt immer?

Wir wissen gar nicht mehr, dass es Sonntag gibt, geht immer schaurig rund.

 

201039

 

„Schatz, ach Schatz, ach könnt ich bei Dir sein „

 

Liebe Frau ,ich lege den Schein mit in den Brief, hoffentlich ist recht so. Du hast bloß zu viel Arbeit damit.

nbsp;

Änne, den Krieg in Polen habe ich , Gott sei Dank , gut überstanden und sollte das Schicksal es fügen , dass ich nicht zurückkäme, so ist alles für Dich , liebe Frau, mein Geld und alles , was ich besitze und meine große Liebe bis in den Tod.

 

Liebe Frau, sei darum nicht traurig und lasse den Mut nicht sinken. Ich will nur meiner innigst geliebten Frau geben was ich kann. Vergiss mich nicht, solange Du lebst, liebe Frau! Bete weiter, liebe Änne und der Schutzengel wird mich zurück in die Heimat bringen. Schreibe bald wieder, liebe Frau !!! Haben die Kinder schon den Brief von mir? Ich muss schließen denn ich habe diese Nacht von 2 bis 4 Uhr Wache. Jetzt ist es ½ 11 Uhr, hatte von 8 bis 10 auch Wache . Grüße Eltern und Geschwister !

Liebe Frau, grüße bitte alle von mir.

Es grüßt tausendmal Dein lieber Mann !

Gute Nacht mein Kind !!!

 

Im Westen, den 7.3.40

 

Liebe Frau !

 

Hoffentlich geht es Dir noch recht gut, dasselbe kannst Du auch von mir erwarten. Ich will Dir heute abend noch ein paar Zeilen schreiben. Heute Nacht oder morgen soll es losgehen. Hoffentlich dauert es bis morgen, dass wir nicht in der dunklen Nacht herumwühlen brauchen! Wo es hingehen soll, wissen wir auch nicht. Vielleicht liegt die Zukunft dunkel vor uns. Ich hab immer noch die Hoffnung, Dich, meine liebe Änne, gesund wiedersehen zu können. Ich will noch mehr beten, dass alles gut geht.

 

Ich hoffe noch, dass etwas eintritt, dass der Krieg ohne Waffen entschieden wird, das wäre ein Glück.

 

Sei nicht verzagt, liebe Änne, es muss gutgehen. Ein Glück, dass wir die Möbel jetzt haben. Schreib mir auch mal, ob die Runkeln und Steckrüben schon verkauft sind. Bist in der letzten (Zeit) bei meinen Eltern gewesen ? Ist bei Euch zuhause alles noch in Ordnung? Diese Tage erhielt ich von Theo Wesseler Post, ist Unteroffizier geworden, der hat’s geschafft. Geht es Deinen Brüdern alle noch gut? Liebe Änne, bestelle Fräulein Käthe zum Abschied noch einen dicken Gruß von mir. Witwe Knie lässt Dich auch grüßen.

Liebe Änne, nun lege ich noch einen Brief bei. Diesen darfst Du aber nicht öffnen. Ich bin besorgt um Dich. Ich habe ihn geschrieben, sollte mir etwas passieren, soll es eine Sicherung für Dich sein.

 

Sei nicht traurig darum, ich meine es gut mit Dir. Ich komme schon gesund wieder ! Liebe Änne, aber nicht öffnen! Nun wollen wir nicht aufhören zu beten, damit alles gut geht. Bestelle allen noch viele Grüße.

Und küsse für Dich, liebe Änne.

Es grüßt Dein l. Mann ! Schreib bald wieder ! ! !

 

den 27.3. 41

 

Liebe Änne !

 

Hoffentlich geht es Dir noch gut. Gesundheitlich geht es mir noch gut, sonst könnte es besser sein. Wetter ist schlecht, Schnee und kalt, dann noch 30 Kilometer fahren, das macht „Laune“ .

 

Ein Elend hier, kannst Dir nicht denken ! Was nützt alles Klagen, wird doch nichts anders. Änne, schicke mir bitte ein Paar Handschuhe, die alten, die ich sonst für Sonntag hatte und ein Paar für Alltag, bitte bald !

 

Änne, kannst mir nicht bischen Brot schicken, sehr knapp augenblicklich, aber sage nichts, ist Krieg.

 

Gebe Gott, dass er bald beginnt, so kann es nicht bleiben.

Ich kann Dir nur sagen: Es ging uns sonst viel viel besser.

 

Wie ist es mit Maria? Hoffentlich höre ich bald gute Nachrichten von ihr. Ihr Mann wird auch wohl nicht kommen können. Die Osterfreude ist uns allen genommen. Wer weiß, was Ostern sein wird! Wie ist das Wetter bei Euch? Seid Ihr schon am Hafer säen? Müsst Euch so gut helfen wie es geht. Im nächsten Jahr werde ich alles selber machen können. Einmal wird der Krieg doch vorbei sein! Die Hauptsache ist, wir bleiben beide gesund, dann wollen wir noch zufrieden sein.

Grüße alle Bekannten von mir.

Tausend Grüße sendet Dir

Dein l. Mann ! ! !

Schreib bitte bald wieder !

Leb wohl, mein Lieb ! ! !

 

Sonntag, den 1.9.41

 

Lieber Schatz !

 

Am heutigen Sonntag will ich es nicht unterlassen, Dir ein Brieflein zu schreiben. Heute abend kommt wohl ein Brieflein von Dir, Liebste. Gesund bist Du ja hoffentlich auch noch. Hier ist es schlechtes Wetter, jeden Tag Regen. Ein Dreck. Ist furchtbar ! Habt Ihr jetzt gutes Wetter ? Das schönste vom Sommer ist wieder vorbei. Weißt noch , im vorigen Jahr, da war ich in 4 Wochen bei Dir. Ob’s dies Jahr auch wahr wird ? ? ? Die Hauptsache, dass dann der Krieg zuende ist.

 

Ist doch eine große Scheiße, bei diesem Wetter draußen liegen. Nur Wälder sind unsere Aufenthalte, hoffentlich kommen wir bald unter Dach.

 

Wie weit seid Ihr mit der Ernte ? Liebe Änne, gibt es auch Obst dieses Jahr ? Hier sieht man keine Apfelbäume. Behalte etwas für mich zurück, wenn ich mal (!) in Urlaub komme. Ich muss doch mal kommen, ich weiß gar nicht mehr, wie Du aussiehst. Ich muss Deine Brieftasche mal nachsehen, ist noch alles dran ? Ach, käme doch bald der Tag des Wiedersehens, mein Schatz ! Dass wir uns solange nicht wiedersehen, hatte ich nicht gedacht. Hoffentlich bleiben wir gesund, dann wird’s schon werden . Hermann, der hat doch Glück, ich gönne es jedem. Ist es mit seiner Braut noch in Ordnung ? Gibt es sonst noch was Neues ? Haben sie in Brincke alle Pferde noch ? Viele Grüße an alle , besonders an Josef Thöle und Baumeister. Es grüßt und küsst Dich vielmals Dein l. u. tr. Hans ! ! !

 

Im Osten, den 29.4.42

Meine innigstgeliebte Änne !

Deinen l. Brief habe ich mit Dank und Freude (erhalten). Ist immer eine große Freude, wenn ich Deine lieben Briefe erhalte. Wie Du schreibst, geht es Dir auch noch gut, dasselbe kann ich auch von mir schreiben. In wenigen Tagen ist der !. Mai, noch immer ist es rauh und kalt hier, an versteckten Stellen liegt noch Schnee. Der Dreck lässt etwas nach, man wartet, dass es etwas besser wird. Es wurde auch Zeit, 60 Kilometer sind wir von der festen Straße entfernt, alles musste mit Pferden befördert werden. Das hat Arbeit gekostet. Liebe Änne, Du kannst Dir gar nicht vorstellen , wie es hier zugeht, schwere Abwehrkämpfe sind hier, der Russe ist sehr frech. Die Bevölkerung, die noch vereinzelt da ist, die führt vielleicht ein Leben ! Freu Dich, Änne, dass der Krieg nicht in Deutschland ist, man kann es nicht schreiben, die Zustände. Wir lassen den Mut nicht sinken, noch mehr Mut würden wir haben, wenn wir mal Urlaub bekämen. Man möchte manchmal vor Schmerz und Sehnsucht verzagen, aber es geht nicht, wir tun solange wir können. Wir hoffen, dass es für uns im Laufe des Sommers auch mal Urlaub gibt. Der Führer hat ja auch in diesen Tagen gesprochen, der wird schon dafür sorgen, dass wir Urlaub bekommen.

 

1 ½ Jahre ist doch eine lange Zeit, Änne. Wer hätte das von uns beiden gedacht, solange uns nicht zu sehen ! Was ich in diesen 1 ½ Jahren erlebt habe, möchte ich nicht mehr erleben. Die Augen haben zu viel gesehen. Wollen weiter darüber nicht schreiben.

Liebe Änne, dieser Brief kommt durch Luftpost. Ich lege noch eine Marke mit ein, die klebst Du auf Deinen Brief. Wenn dieser Brief ankommt, schreibe bitte sofort zurück, damit man weiß, wie schnell die Luftpost überkommt. Musst auch auf den Brief „Luftpost’’ schreiben. Mutter schrieb, dass Du am Sonntag bei ihnen gewesen wärst. Hoffentlich habt Ihr gemütliche Stunden verlebt ! Was gibt es denn alle so Neues, Änne ? Ist Mutter und Vater alt geworden in den 1 ½ Jahren ? Ist Liesbeth noch guter Dinge ? So junge Frauen ! Ich brauche nicht mehr schreiben, weißt ja , was ich meine.

 

Im Osten, den 30.5.43

 

Liebe Mutti !

Die herzl. Sonntagsgrüße sendet Dir Dein l. Mann ! Ich hoffe, dass es Dir gut geht, ich bin guter Dinge. Das Bein bessert sich gut, hab keine Angst um mich, ist alles in Ordnung. Denk nun nicht, dass ich Dir was verschwiegen hätte, freue Dich mit mir, dass alles so gut gegangen ist. Striethorst ist 14 Tage zur Erholung gekommen, aber hier in Russland. Es fehlt ihm, er ist mit den Nerven kaputt. Leo bessert sich auch langsam, ist diese Tage nach Deutschland gekommen. Man möchte auch gerne zur Heimat, aber als Verwundeter nicht. Im vorigen Jahr kam ich heute bei Dir an. Könnte man jetzt doch auch mal wieder so schöne Tage bei Dir verleben. Liebe Mutti, wir haben noch keinen Grund zum Klagen, hier sieht man ein Elend im Lazarett ! Was manche doch aushalten müssen, ist unbeschreiblich ! Glücklich, die Eltern, die nur Mädchen haben. Mein Vetter ist auch gefallen, den kennst Du nicht. (Konrad Keller.) Wie ist es in der Heimat, sind in der letzten Zeit welche gefallen ? Meine Mutter schrieb mir, dass in Wellingholzhausen Mädchen von Gefangenen Kinder haben. Welche sind das ? Der Krieg dauert zulange, immer mehr Elend, die Menschen werden schlechter. Änne, kommt Anni nun zum Herbst nach Brincke ? Wäre für Dich ganz gut. Änne, dann frag doch mal wieder bei Deinen Eltern an, wie es dies Jahr mit Schweinchen ist. Wenn Du einziehst, musst Du mit dem kl. auch was zu essen haben. Von Marken sollst Du nicht leben. Ich weiß ja nicht, ob Deine Eltern jetzt noch Korn bekommen haben. Wenn nicht, bekommen sie im Herbst mehr. Sprech’ mal mit Vater darüber. Ich hab Kellerman um die Sachen geschrieben, noch keine Antwort. Gib ihm aber nicht eher den Weizen, bis er was geliefert hat. Liebe Änne, ob Dir Dein Bruder Hermann wohl nicht einen Stoff fürn Anzug besorgen kann ?Frag mal bei ihm an, wenn auch teuer, das macht nichts. Schick ihm doch im Brief 10 Mark, dass wer Dir den Stoff besorgt, Hermann kann dort Geld genug loswerden. So, für heute will ich schließen. bleib gesund und munter. Liebe Mutti, wenn Du sonst noch was auf dem Herzen hast, schreib mir das bitte. Grüße alle Bekannten. Es grüßt und küsst Dich recht innig Dein l. u. tr. Mann ! ! ! Verliere Nicht den Mut, ich bleib Dir gut ! ! !

 

u.s.w............................... bis zum Tod 27.3.1944

 

Das Buch ( 420 Seiten, Softcover im Eigenverlag ) kann von mir für 17€ (einschl. Versand) erworben werden.

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

 

 



Kommentare  

 
#1 Anette Sewöster 09-10-2017
Guten Tag,

mein Mann und ich verfolgten sehr interessiert (und auch ergriffen) Ihre Lesung aus den Feldpostbriefen im Fachwerk 1775 in Wellingholzhausen.
Selbst Kinder von "Kriegsvätern" können wir annähernd nachvollziehen, wie schwer die Zeit damals für unsere Eltern gewesen sein muss. Allerdings hatten wir, geboren 1951 und 1961, und unsere Mütter, das große Glück, Mann und späteren Vater aus russischer Gefangenschaft heimkehren zu sehen. In meinem Elternhaus war der Krieg ein Tabuthema. Lediglich meine Mutter erzählte manchmal von ihrer Angst während der Bombenalarme. Wobei unsere Heimatstadt Melle doch weitgehend verschont blieb. Gott sein Dank.
Nach dem Tod meiner Eltern (Mutter starb im Januar 2017) fand auch ich Feldpostbriefe meines Vaters aus Russland an seine Eltern. Ich werde mir im Winter Zeit zum Lesen nehmen.
Mein Schwiegervater (gebürtiger Wellingholzhausener) vererbte uns viele Fotos aus "dem Feld". Auch die Bildsprache ist erschreckend und ergreifend.

Ihre Lesung hat uns sehr gefesselt. Danke dafür.
Auch würden wir gerne das Buch bei Ihnen bestellen, oder persönlich abholen. Ganz wie es Ihnen besser passt.

Gerne erwarten wir Ihre Antwort, wie wir "zueinander" kommen können.

Mit freundlichen Grüßen
Theo und Anette Sewöster
Zum Uhlengrund 22
49326 Melle
Tel. 05429/2165
Zitieren
 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren