Damals in Heidelberg- Eine Jugend zwischen Nostalgie, Träumen und Protest

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Leseprobe aus dem Überkapitel "Kinderfragen der Nachkriegszeit"

Verfolgungsopfer

Bisweilen beschließen Mami und ihre Mutter, meine Großmutter Mimi, sich die Zukunft aus der Hand lesen zu lassen. Bis Mimi vom OEG-Bahnhof bei uns daheim angekommen ist, ist sie schon ziemlich lange unterwegs gewesen und könnte eine Ruhepause gut gebrauchen. Aber gleich nach ihrem Eintreffen brechen Mami, Mimi und ich zu Fuß auf und gehen gemeinsam etwa eine Stunde lang durch die Handschuhsheimer Felder bis hin zum Neckar und dort übers Stauwehr. Auf der anderen Seite des Wehres sind wir dann in einer Welt angekommen, in der die Häuser noch wesentlich fantasieloser aussehen als das, in dem wir wohnen. Vor allem das Umfeld ist schlicht und ergreifend deprimierend: Asphalt, Pflaster, Steine, Straßen, Autos, schlechte Luft. Und irgendwie sehen alle Farben dort trostlos aus, wahrscheinlich, weil sie von den Abgasen dreckig sind. Jedes Mal, wenn ich heute dort mit dem Auto vorbeifahre, fällt mir auf, dass das Umfeld zwar immer noch einigermaßen scheußlich ist, aber ein wenig Farbe lässt alles inzwischen ein wenig erfreulicher aussehen.
Dort im Parterre wohnt in einem der Häuserblocks Frau Kobler. „Sie kann aus der Hand die Zukunft lesen“, sagt Mami. Wie das denn funktionieren soll? Mami erklärt mir etwas über Handlinien und ich kontrolliere in der Folgezeit allerlei Hände: Mamis, Mimis, die meiner Freundinnen und Freunde und stelle fest, dass die Linien bei verschiedenen Personen tatsächlich völlig unterschiedlich aussehen. Aber woher sollen meine Handlinien wissen, was die Zukunft bringt? Ich muss das genauer hinterfragen. Ja, ob Mami denn schon vorher gewusst habe, dass sie einmal ausbomben würde? Schließlich kenne sie doch Frau Kobler schon so lange. Die hätte das doch in Mamis und Mimis Händen dann vorher schon lesen müssen. Warum meine Familie dann nicht die Sachen in Sicherheit gebracht habe, dorthin, wo keine Bomben fallen würden? Warum sie nicht schon vor der Ausbombung von Mannheim nach Heidelberg gezogen seien, wo ja keine Bomben gefallen sind. Ob Mami denn vorher nicht gewusst habe, dass ihr erster Ehemann ein böser Mensch werden würde, kurz nachdem sie verheiratet waren? Und ob sich die ganze Zukunft ändere, wenn man sich einmal in die Hand schneide? Was denn mit Leuten sei, die im Krieg eine Hand oder den ganzen Arm verloren haben? Davon gibt es zu meiner Kindheit so einige. „Sie haben doch trotzdem noch eine Zukunft, oder?“ Ob man auch schon vorher herausfinden könne, was mir alles in der Zukunft passieren würde? Das wäre doch einfach toll, wenn ich schon vorher Bescheid wüsste. Und wenn man es doch vorher schon wissen könne, wieso könnten dann dennoch so viele unerwartete Dinge passieren? Mami versucht mir Antworten zu geben. Die Fragen purzeln nur so aus mir heraus. Eine Frage führt zielgenau zur nächsten.
Zunächst erzählt Mami, dass sie Frau Kobler schon seit sehr langer Zeit kennt, schon von vor der Nazizeit, die auch wieder so eine Sache ist, die ich noch nicht so genau verstehe. „Es war eine schreckliche Zeit, über die viele Leute nicht mehr gerne reden, in der böse Menschen anderen Menschen schlimme Dinge angetan haben“, sagt Mami. Und Frau Kobler und ihre Familie hätten unendlich unter den Nazis gelitten, da sie alle von den Nazis verfolgt worden seien. „Wohin denn?“ „Ach das sagt man so, wenn jemand einen anderen nicht in Ruhe leben lässt.“„ Und was macht der dann?“ Mami bekommt langsam Probleme, denn wie erklärt man einer Vier--oder Fünf-Jährigen die Zeit des Naziterrors? „Die durften nicht in ihren Wohnungen wohnen bleiben und wurden ganz plötzlich ohne Vorwarnung abgeholt“, erfahre ich. „Wohin denn?“ „Das wusste man damals nicht so genau und wenn man nachgefragt hat oder wenn man deshalb etwas Falsches gesagt hat, dann konnte es sein, dass man selbst auch abgeholt wurde und nie mehr heimkam“. Das arbeitet eine Weile in mir. Was ist mit den Leuten bloß passiert? „Das wusste man damals nicht und traute sich auch nicht nachzufragen. Später haben wir erfahren, dass die Nazis sie umgebracht haben“ sagt Mami. Sie selbst seien in der Familie auch bedroht gewesen, da Mimi jüdische Vorfahren gehabt habe. Was denn Juden seien? „Die haben eine andere Religion.“ Jetzt geht das Gespräch erst einmal in eine andere Richtung. Vielleicht auch keine wirklich einfachere für Mami, aber immerhin weg von Frau Kobler. Nur vergessen Kinder nicht so schnell. Ich jedenfalls finde wieder zum eigentlichen Gespräch zurück. „Wenn Frau Kobler doch aus der Hand lesen kann, wieso hat sie nicht bei ihren Familienmitgliedern in den Handlinien gesehen, dass die bösen Nazis sie abholen würden und warum haben sie sich denn dann nicht rechtzeitig versteckt?“ Ob ich sie das bei unserem nächsten Besuch dort einmal fragen darf? Mami sagt, besser nicht, weil Frau Kobler dann vielleicht sehr traurig würde. Nein, traurig machen will ich diese nette Frau natürlich nicht, aber wissen will ich es trotzdem. Es arbeitet tagelang in mir. Wen kann ich fragen? Vielleicht werden ja andere Leute auch traurig, wenn man sie darauf anspricht. Die meisten Angesprochenen kommen mir ohnehin nur immer mit der Standardantwort für Kinder: „Das verstehst du noch nicht.“ So werden in dieser Zeit alle Fragen abgewürgt, die man nicht beantworten will. Zum Glück sind meine Eltern da eine rühmliche Ausnahme. Sie geben sich Mühe, mir auch solche Dinge verständlich zu machen, die sie selbst nicht begreifen oder nachvollziehen können, die sie selbst sprach-, fassungs- und hilflos gemacht haben.
Als Papi und ich das nächste Mal bei Onkel und Tante Dengel zu Besuch sind, stelle ich zu Beginn des Mittagessens am festlich gedeckten Tisch mitten in die Stille des gemeinsamen Suppe-Schluckens laut und vernehmlich meine Frage „Wer waren eigentlich die Nazis?“ und eine riesige Debatte bricht an. Solche Emotionen habe ich in meinem Kinderleben bei Erwachsenen noch nie zuvor erlebt. Ich verstehe also: Die Nazis waren eine Art menschliche Seuche, die über die Gesellschaft hereingebrochen war wie eine ansteckende Krankheit. Nein, sagt Papi, so leicht dürfe man es sich nicht machen. Die Mehrzahl der Deutschen habe sich ganz bewusst und freiwillig entschieden. Viele aus fester Überzeugung, andere, um sich Vorteile zu verschaffen. Wieder andere, weil sie politisch ungebildet waren und sich nicht richtig informiert hätten. Weil sie in wirtschaftlicher Not waren und gemeint haben, mit den Nazis würde alles besser. Weil sie falschen Versprechungen geglaubt haben. Weil sie sich nicht gefragt haben, wie denn die hochgesetzten Ziele in der Realität erreicht, ja auch bezahlt werden sollten. Erst mit Hilfe und Unterstützung dieser Menschen seien die Nazis überhaupt so mächtig geworden. Und heute täten ganz viele von ihnen so, als seien sie nicht dabei gewesen oder hätten die Nazis sogar bekämpft. Vielleicht aus Angst vor der inzwischen angesagten politischen Meinung und aus der Befürchtung, noch einmal zur Rechenschaft gezogen zu werden, vielleicht aber auch aus Scham darüber, was mithilfe ihrer Unterstützung oder zumindest ihrer stillschweigenden Billigung letztendlich in Gang gekommen sei wie eine Lawine, die am Ende alle Menschlichkeit, alle Vernunft, alle Schranken mit sich gerissen habe. Tante Dengel meint, auch viele Leute aus ihrem Bekanntenkreis seien damals aus vormals halbwegs unpolitischen Menschen zu glühenden Nazis geworden. Man habe in ihrer Gegenwart über nichts anderes als den Führer mehr reden können, habe stattdessen ständige Angst davor gehabt, von diesen Menschen denunziert zu werden. Was das denn sei, will ich wissen und sie berichtet mir von dem Kind einer Bekannten, das in der Schule von seinem Lehrer so aufgehetzt worden sei, dass es seine eigenen Eltern wegen nazifeindlicher Gesinnung angezeigt habe. Diese seien dann bei Nacht und Nebel abgeholt worden. So etwas sei Denunzieren. Und dazu aufzuwiegeln, seinen Beruf so zu missbrauchen, wie es der Lehrer getan habe, sei ebenfalls ein Verbrechen gewesen. „Lehrer haben zu unterrichten, nicht Kinder auszuhorchen und aufzuhetzen“. Aber man habe damals nichts dazu sagen dürfen. Wer eine andere Meinung gehabt habe, sei ständig in Angst gewesen, selbst angezeigt und ebenfalls abgeholt zu werden. Wohin, wusste man selbst nicht so genau. Aber man habe es oft genug beobachtet. Nachts, hinter dem Vorhang versteckt, in großer Angst und Sorge, machtlos, hilflos diesem Terror ausgeliefert. Es sei schrecklich und sehr beängstigend gewesen. Tante Dengel erzählt, dass vor allen Dingen viele Frauen in ihrem Umfeld glühende Anhänger der Nazis gewesen seien. Unverständlich für sie, da die Rolle der Frau in der Zeit des Dritten Reichs am Ende nur noch auf ihre Gebärfreudigkeit reduziert gewesen sei. Dabei, so sagt Onkel Dengel, seien die Nachkommen ja wohl eher als so etwas wie Kanonenfutter für die Aufrechterhaltung der Kriegsfähigkeit gedacht gewesen. Verheizt, geopfert und missbraucht für die Machtgier der Führung. Aber das hätten die Frauen damals weder geahnt, noch gewusst und mit ihrem mangelnden Politikverständnis auch gar nicht durchschauen können. Von Politik habe damals doch noch kaum eine Frau Ahnung gehabt. Das weiß ich auch aus Mamis und Mimis Erzählungen. Frauen hatten über Geld und Politik nicht zu sprechen, weil sich das eben nicht schickte. Bei geselligen Anlässen zogen sich die Herren nach dem Essen ins Herrenzimmer zurück, wo sie rauchten und dabei – zumindest hieß es das für die Frauen - über Politik und Geschäfte sprachen. Frauen, so höre ich bei Dengels und habe es auch bereits daheim oder bei den Großeltern gehört, seien im Allgemeinen vor der Machtergreifung politisch vollkommen blauäugig und folglich auch leicht vor den Karren anderer zu spannen gewesen.
Aber in Papis Familie waren die Frauen seit Generationen wohl dennoch politisch gebildet. Vor allen Dingen seine Mutter, meine Oma Fennel, muss eine sehr klare politische Meinung gehabt haben und war aktiv unter anderem in der Deutschen Friedensgesellschaft tätig. Vielleicht lag ihr politisches Interesse auch daran, dass sie als junge Frau so viele Jahre in Frankreich verbracht hatte. Dort war sie in erster Ehe mit einem Franzosen verheiratet gewesen, von dem sie auch einen Sohn hatte. Sie war als junge Frau nach Paris gekommen, das danach ihre Wahlheimat wurde. Auch ihre Schwester und deren Mann lebten viele Jahre in Paris. Dort lernte meine Großmutter, nachdem ihr erster Mann verstorben war, auch meinen Großvater Friedrich Fennel kennen. Obwohl sie danach mit ihm nach Kassel zog, war sie im Herzen immer Pariserin und engagierte sich für die Völkerverständigung. Frankreich galt damals als der „Erbfeind“ Deutschlands. „Da hatten die eingefleischten Nazis sie ständig auf dem Kieker“, sagt Papi. Er sei in ständiger Sorge, ja geradezu in Panik gewesen, man könne die Mutter abholen und deportieren. Ja, das sei schon eine mutige und engagierte Frau gewesen, sagt Tante Dengel. Eine, die kein Blatt vor den Mund nahm, immer eine eigene Meinung hatte und sich selbst auch treu gewesen sei. Sie habe sie sehr geschätzt und bewundert. Immer wieder werden an diesem Tag Einzelschicksale erzählt von Leuten, die ich nicht kenne und auch niemals mehr kennenlernen werde. Dinge, die ich damals noch nicht verstehen kann. Aber bei so vielen durch meine kindliche Frage freigesetzten Emotionen traue ich mich auch nicht, genauer nachzufragen und höre einfach gut zu. So gut, dass ich auch über 50 Jahre später viele der damals gemachten Gesprächsbeiträge fast noch wörtlich in Erinnerung habe. Ich weiß auch noch genau, dass zum Schluss alle Erwachsenen geweint haben. Um ihre Freunde, Familienmitglieder, ihre verlorenen Häuser, ihre Heimat, ihr Hab und Gut und um die viele sinnlos verlorene Zeit unter den Nazis. Der anschließende Hauptgang des Essens wird sehr ruhig eingenommen. Alle Erwachsenen sind dabei, ihre Gefühle wieder in den Griff zu bekommen.
Und dann sagt mein Vater beim Nachtisch, es gäbe noch immer viele überzeugte Nazis und sie seien auch nach dem Krieg noch immer in guten Positionen. Er kenne da einen… und Tante Dengel weiß von einem anderen… Mein neu erwachtes Interesse ist an diesem Nachmittag gilt der Frage: Warum sind die Nazis nicht heute alle im Gefängnis? Na, da müsste ja heute halb Deutschland im Gefängnis sitzen! „Aber warum nicht wenigstens die Hauptnazis, die Anführer?“ will ich wissen. Die hätten nach der Nazizeit meistens gelogen und die Siegermächte- auch wieder ein für mich damals noch unbegreifliches Wort- hätten nicht genug durchgegriffen. Die, die von ihren Verbrechen hätten erzählen können, seien ja auch größtenteils im Lager umgekommen. Wo kein Richter sei, da sei auch kein Henker, meint zynisch Onkel Dengel.
„Was ist denn überhaupt mit den abgeholten Leuten passiert? Wo waren die denn anschließend? Wie kamen sie dorthin und was ist dort mit ihnen passiert? Man muss doch irgendetwas erklärt haben, wenn man die einfach bei Nacht und Nebel abgeholt hat“. „Uns hat man gesagt, sie kämen nach Madagaskar, aber in Wahrheit wurden sie umgebracht“, erfahre ich. Aber ich weiß von Frau Koblers Familie, dass manche doch auch wieder nach Hause zurückgekommen sind. „Wie konnten die überleben und wie sind die denn heimgekommen? Hat man sich bei denen wenigstens entschuldigt? Hat man ihnen etwas dafür gegeben, dass sie so sehr gelitten haben? Und warum müssen Koblers dann heute in einer so scheußlichen Wohnung leben, in einem so hässlichen Haus? Warum hat man ihnen nicht als Entschädigung für die ausgestandenen Leiden wenigstens eine schönere Wohnung oder sogar ein eigenes Haus verschafft? Die Ost-Flüchtlinge haben in Handschuhsheim auch recht ordentliche Wohnungen bekommen“, weiß ich zu berichten, da wir einige sehr nette Ungarn- und Sudetendeutsche kennen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. „Warum mussten die denn von dort eigentlich fliehen? Waren die denn alle Juden?“ Nein, die seien vor den Russen geflohen. Ich begreife fast gar nichts mehr. „Und wer hat ihnen denn dann die Wohnungen in Handschuhsheim besorgt, die Russen?“ „Nein, die Deutschen“. „Aber die haben sie doch gar nicht verfolgt. Die hätten dann doch besser den Juden und Frau Kobler etwas geben müssen als den Flüchtlingen. Sind Koblers denn überhaupt Juden?“ Nein, sie sind Christen, aber sie gehören zu einer Volksgruppe, die unter den Nazis und auch in den 50er-Jahren abwertend Zigeuner genannt wurde, erfahre ich. „Was haben denn die Nazis gegen diese Zigeuner gehabt?“1
Kinderfragen, die bis heute nicht zufriedenstellend beantwortet worden sind. Erst 1968, da schon 17-jährig, werde ich Antworten auf einige Fragen bekommen, die mir absolut nicht gefallen. Nicht mir und nicht den anderen jungen Menschen meiner Generation. Und viele von uns Jungen werden den Fehler begehen, alle, die zur alten Generation gehören, in einen Topf zu werfen. Da so viele gelogen haben, können ja auch noch mehr gelogen haben, warum eigentlich nicht gleich alle? Da weiß ich zum Glück von meinen Kindheitsgesprächen und auch, von den vielen kindgerecht, aber stets ehrlich gegebenen Antworten meiner Eltern, Großeltern und Dengels. „Nein, nicht alle“, sage ich zu meinem damaligen Freund, der zwölf Jahre älter als ich ist, ein ewiger Politologie-Student, der vor lauter Studentenrevolte gegen das Establishment und sein autoritäres Elternhaus fast nicht zum Studieren kommt. Er bekommt eine Riesenwut, weil ich angeblich so leichtgläubig sei. Ja und was er denn sei: Er werfe alle in einen Topf, kenne meine Eltern doch noch nicht einmal. Wie käme er denn dazu, sich ein Urteil anzumaßen? Und er könne mir jetzt mal den Hobel blasen. Die Beziehung ist danach am Ende. Die Zeit der braunen Gedankengutes leider noch immer nicht. Wie ein Herpes Virus hat es sich unbemerkt ins Nervensystem der Gesellschaft zurückgezogen, wo es lange Zeit geschlummert hat, jedoch noch immer gefährlich und hochgradig infektiös ist.

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1 Die Sinti (West- und Mitteleuropa) und Roma (Ost- und Südosteuropa) leben als historisch gewachsene Minderheiten bereits seit Jahrhunderten in Europa, in Deutschland seit etwa 600 Jahren. Sie sprechen neben ihrer jeweiligen Landessprache noch ihre eigene Sprache Romanes, die mit der altindischen Sanskrit-Sprache verwandt ist. Ab dem 15. Jahrhundert wurden sie zunehmend unterdrückt, ausgegrenzt und verfolgt.



Leseprobe aus dem Überkapitel "Schule und Gesellschaft im Umbruch"

Erwachsenwerden zur Zeit der 68er-Bewegung
 
Man schreibt das Jahr 1968, die Universität ist voll im Umbruch, Studentenrevolte, Streiks, Sit-Ins, Demonstrationen, bei denen es von Seiten der Polizei auch bisweilen heftig zur Sache geht, wenn sie mit Wasserwerfern und Schlagstöcken auf die jungen Menschen losgehen, von denen sie sich provoziert fühlen. Da stehen sich dann oft sogar Gleichaltrige gegenüber, die in zwei Lagern daheim sind, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Streik- und Demonstrationskultur gibt es vorher in der Bundesrepublik Deutschland noch nicht oder auch nicht mehr. Wer nicht bei den „Umstürzlern“ dabei ist, fühlt sich von ihnen bedroht. Welten prallen aufeinander. Dabei wollen die jungen Menschen unterm Strich nichts anderes als eine gerechte, friedliche Welt, „Make love not war“. Man hört ihnen im verfeindeten Lager des „Establishments“ selten oder gar nicht zu. Schon gar nicht setzt man sich inhaltlich mit ihren Wünschen und Argumenten auseinander. Beschimpft sie als Gammler und Langhaarige. Sprüche werden geäußert, wie dass es unter dem Führer solche Typen nicht gegeben habe, die seien damals gleich ins Arbeitslager gekommen, wo sie auch heute noch gut aufgehoben wären. In Heidelberg gibt es damals einen Mann, den wir Knüppel- Karle nennen. Er drischt wahllos auf junge Menschen mit einem Gummiknüppel ein, immer gleich auf den Kopf. Die Polizisten scheinen ihn nicht zu sehen. Bei jeder Demo mischt er mit. Die braune Farbe leuchtet ihm geradezu aus allen Poren. Wir alle, Studenten und die meisten Schülerinnen und Schüler, wollen eine bessere Welt schaffen. Eine, in der man auch Verantwortung trägt für seine Fehler und für seine Mitmenschen. In der kriegerische Auseinandersetzungen geächtet sind. Wo nicht das Bankkonto, der Name und die Herkunft eines Menschen seinen Wert bestimmen. Wo alle die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben sollen und selbst verantwortlich für ihr weiteres Leben sind. Ohne alte Zöpfe und verstaubten Muff. Man darf nicht vergessen, dass zu dieser Zeit noch immer keine Aufarbeitung der NS-Vergangenheit stattgefunden hat. Noch immer sitzen in vielen Gremien, Ämtern, Pressezentralen usw. die gleichen braunen Köpfe wie zwanzig oder dreißig Jahre davor.
Bei uns zu Hause wird offen und viel über diese Themen diskutiert, bei vielen anderen meiner Freunde und Freundinnen wird das Thema aber konsequent vermieden. Und was reizt einen jungen Menschen mehr als ein Thema, bei dem die Alten immer dichtmachen? Auch in der Schule ist angeblich nie der richtige Zeitpunkt, über das dritte Reich zu sprechen. Entweder kommt es erst später dran oder es passt gerade nicht. Genau genommen passt es damals nie. Es ist einfach ein Thema, über das- sicher sogar aus ganz unterschiedlichen Gründen- vorwiegend geschwiegen wird. Verbitterung bei denen, die im Krieg zu viel verloren haben, Angst vor nachträglicher Entdeckung bei denen, die ein schlechtes Gewissen haben müssen, unbewältigte Trauer über verlorene Menschen, traumatische Erinnerungen- die Gründe sind vielfältig. Aber für uns Junge zählt nur das Resultat: Die Alten verweigern uns die Antworten.
Diese Zeit des Aufbruchs ist auch eine Zeit der groben Verallgemeinerungen: Alt gegen Jung. Anständig gegen anstößig. Ordentlich gegen Lotterleben. Lange Haare gegen kurze. Vorurteile und Verletzungen verhindern zuletzt auch jeden konstruktiven Dialog. Der Slogan „Trau keinem über 30“ bringt es auf den Punkt. Alt ist schlecht, jung ist gut. Oder anders herum- je nachdem, welcher Altersgruppe man selbst angehört. Mir ist das immer viel zu radikal, denn in meinem Elternhaus stimmen diese Feindbilder einfach nicht. Und doch ist diese Zeit meine größte Chance, denn ich bekomme die Möglichkeit, aus dem Schatten meiner Halbschwester herauszutreten. Der reichen, vornehmen, noblem Greta mit dem persischen Ehemann, die ohne jegliches Dazutun von ihrer Seite her einfach „gottgegeben“ auf einem Podest zu stehen meint, von dem sie auf mich herabschauen kann. So eine Einstellung ist 1968 und die folgenden Jahre total unangesagt. Da heißt es, jeder verdient im Leben das, was er sich selbst erarbeitet und erreicht. Ohne Ausbeutung, Krieg, Dünkel, Bevorzugung oder durch Beziehungen und Vetterleswirtschaft oder weil er zufällig Geld geerbt oder reich geheiratet hat. Es verhilft mir, meinen Platz in meiner eigenen Werteskala zu finden. In gewisser Weise ist damals eine ähnliche Zeit für mich wie heute. Ich entdecke mich selbst und meinen eigenen Wert. Nur leider bin ich damals noch etwas zu jung. Eben noch Schülerin, nicht Studentin. Zudem nach der damaligen Gesetzeslage noch minderjährig, da man bis 1975 erst ab dem 21. Lebensjahr volljährig wird. Dadurch auch in den Augen der Älteren noch weit davon entfernt, ein erwachsener Mensch zu sein. Doch ich bin mit meinen fast achtzehn Jahren genauso reif oder unreif wie es die heute Gleichaltrigen sind. Der jahresmäßige Abstand bis zum Erreichen der Volljährigkeit gibt mir ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber den auf der Welt herrschenden Missständen. Zudem bin ich, wie die Mehrzahl der jungen Leute zu dieser Zeit, politisch noch völlig ungeschult- ein Versäumnis der damaligen Lehrpläne. So entscheide ich mich wie auch die meisten anderen gefühlten Fast-Erwachsenen weniger aufgrund rationaler Erwägungen für die neue Zeit, sondern eher aus dem Bauch. Wir jungen Leute wollen eine liebevolle, empathische Welt, in der die Menschen miteinander, nicht gegeneinander, an einer für alle besseren, gerechteren Zukunft arbeiten. Die neue Zeit mit ihren speziellen Heidelberger Ausblühungen zieht mich in ihren Bann. Man kann sich den Veränderungen nicht entziehen. Bereits im Dezember 1964 hatte es eine studentische Demonstration anlässlich eines Besuchs des Ministerpräsidenten von Kongo-Kinshasa, Moise Tshombé, gegeben, der von meinem Vater als Repräsentanten der Stadt Heidelberg empfangen wurde. Nun stand er plötzlich auf der „anderen Seite“, obwohl er selbst Tshombé gegenüber eine sehr kritische Haltung einnahm, da man diesem nachsagte, an der Ermordung des vorausgegangenen Ministerpräsidenten und Führer der Unabhängigkeitsbewegung, Patrice Lumumba, verantwortlich gewesen zu sein. Auch Rudi Dutschke 1, war bei dieser Demonstration anwesend. Nach dieser Generationen- und Weltenkonfrontation ist auch bei uns zu Hause vieles anders als zuvor und ich bekomme zum ersten Mal richtig mit, wie mein Vater als Journalist recherchiert und argumentiert. Der schwelende Krieg, der so viele Glutnester auf der Welt hat, belastet ihn stark. Alte Ängste und Ohnmachtsgefühle werden wieder wach. Viele Deutsche schließen zu dieser Zeit ganz bewusst die Augen und wenden sich unverfänglicheren Themen zu, bei denen man nicht auf Kollisionskurs mit anderen Meinungen und Weltanschauungen gehen muss. Unangenehme Themen, noch dazu solche mit Konfliktpotential, vermeidet man. Das hat man in den Jahren nach dem Krieg erfolgreich praktiziert, statt die Nazizeit aufzuarbeiten. Wir Junge verstehen die Älteren nicht mehr. Ihr beharrliches Schweigen und Ausweichen provoziert uns. Auch im Unterricht werden diese Themen nicht zur Sprache gebracht. Es ist , wie es immer wieder heißt, gerade nicht „dran“. Noch nicht einmal der Vietnamkrieg kann ein Abweichen vom Lehrplan-Trott bewirken. Und das, obwohl in Heidelberg durch die Anwesenheit der vielen in und um Heidelberg stationierten Amerikaner jede Menge Bedarf vorhanden wäre, sich mit dem Thema besonders ausgiebig auseinanderzusetzen.
Was soll ich, so meine ich damals, im Unterricht herumsitzen, wenn ich doch gleichzeitig bei Sit-ins und Podiumsdiskussionen die Welt verändern kann? Und die Welt muss verändert werden, die Bilder von dem grauenvollen Vietnamkrieg, die wir überall sehen können, zeigen auf erschütternde Weise, wie sehr und wie schnell eine Änderung erfolgen muss. Sie lassen uns begreifen, wie unwichtig unser ganzes braves, bürgerliches, etabliertes Leben ist. Dieser schreckliche Krieg muss aufhören. Dafür ziehen wir auf die Straße. Setzen uns Typen wie dem böswilligen Knüppel-Karle und den polizeilichen Wasserwerfern aus. Dass gleichzeitig Mathematik oder Latein ist? Ist das angesichts von so viel menschen- und menschlichkeitsverachtender Grausamkeit nicht völlig unwichtig? Meine Lehrer sehen es allerdings ganz anders als ich. Sie müssen ja, Studentenrevolte oder Vietnamkrieg hin oder her, dennoch am Ende des Schuljahres meine Leistungen bewerten. Aber es ist trotzdem ist ein Armutszeugnis für fast alle unsere Lehrer der damaligen Zeit, dass kaum einmal einer von ihnen bereit ist, mit uns zusammen die auf der Straße und in der Presse täglich erörterten Themen aufgreifen. Das wäre, auch noch nach meiner Jahrzehnte späteren Ansicht, damals ihre Pflicht. Sie könnten noch am ehesten zwischen den Generationen vermitteln. So stehen sich am Ende stattdessen zwei fast gänzlich entfremdete Lager gegenüber, die noch nicht einmal mehr die gleiche Sprache zu sprechen scheinen. Verletzungen von beiden Seiten her werden ausgesprochen, die Fronten verhärten sich, Tabus zwischenmenschlichen Umgangs werden von beiden Lagern gebrochen. Hinzu kommt die damals noch als unumstößlich geltende Forderung und Meinung, ein älterer Mensch habe schon allein dadurch Respekt verdient und das Recht auf seiner Seite, weil er der Ältere ist. So war es für ihn selbst ein Leben lang. Nun, da er selbst zu den Alten gehört, will er sein Recht auch einfordern, auf das er lange genug gewartet hat. Und da kommen nun wir Jungen mit unserem völlig neuen Weltbild und kratzen am Lack der Älteren. Und ebenso unberechtigt erheben nun Junge die Forderung, das Recht auf ihrer Seite zu wissen. Einfach, weil sie die Jungen sind, die unter dreißig. Einige der Jungen beginnen zunehmend mit radikalen Gruppen zu sympathisieren. Auch ich kenne damals viele solche Studenten. Mit einem von ihnen habe ich eine kurze Beziehung, die aber genau an dieser schwarz-weiß-malerischen völlig radikalisierten Einstellung meines Freundes zerbricht. Seine absolute Intoleranz gegenüber allen, die nicht seine Meinung vertreten, die überdies gar nicht seine eigene ist, sondern die der marxistisch-leninistisch ausgerichteten studentischen Zelle, in der er aktiv dabei ist, stößt mich am Ende einfach nur noch menschlich ab. Mag er auch noch so gut als Liebhaber sein, was zweifellos eine gute Qualität bei ihm ist.
Mich hat die Zeit der Studentenrevolte in vieler Hinsicht geprägt. Es ist eine absolut faszinierende, elektrisierende Aufbruchsstimmung zu spüren, die fast alle jungen Menschen erfasst. Eine Art Taumel. Ein Zugehörigkeitsgefühl. Über alle Arten von Grenzen hinweg. Das Woodstock-Gemeinschafts-Gefühl. Und alle, die dazugehören, scheinen sich auch äußerlich zu gleichen. Männer wie Frauen lassen die Haare so lang wachsen wie nur möglich. Männer tragen dazu in aller Regel zusätzlich noch einen Vollbart. Manche von ihnen würde ich heute gar nicht mehr erkennen- nicht, weil sie so viel älter geworden sind, sondern weil ich sie ohne einen Wust Haare im Gesicht niemals gesehen habe. Frauen verbrennen öffentlich ihre BHs. „Ich bin so wie ich bin“, ist die Devise und „Ich zeige, was ich habe. Wem es nicht gefällt, der kann ja wegschauen. Äußerlichkeiten sind ohnedies nicht wichtig. Was zählt, ist die Person, die dahintersteht“. Es ist so gesehen eine ehrliche Zeit- bisweilen aus heutiger Sicht sicher auch oft allzu ehrlich, da nicht alle Frauen über wirklich vorteilhafte Figuren verfügen. Aber darum geht es uns damals nicht. Es geht vor allem darum, sich selbst zu akzeptieren wie man eben ist, und von den anderen nicht an Äußerlichkeiten gemessen zu werden. Es ist in vieler Hinsicht also eine Zeit mit ganz anderen, sogar gegensätzlichen Vorzeichen als heute, wo das Aussehen oft wichtiger zu sein scheint als der Mensch, der in dieser vorzeigbaren Hülle steckt. Heute bin ich der Überzeugung, jede Generation begehrt prinzipiell gegen das auf, was der älteren noch wichtig war. Wir haben das so gemacht und die heutige Jugend macht es ebenso. Und daher wird es wohl auch immer ein alternierenden Zeitgeist und Geschmack geben. Wir sind damals die „Generation langhaarig, barbusig, freizügig, sexuell befreit, politisch stark engagiert“ und provozieren die Generation der Eltern durch unser Verhalten und unsere Ansichten ganz bewusst, ohne wirklich einen kreativen Dialog zu suchen. Dadurch nähren wir auch regelmäßig unsere Vorbehalte gegen die ältere Generation der in unseren Augen „Angepassten“, des Establishments. Wer uns auch nur schräg anzuschauen wagt, ist für uns gleich ein reaktionärer Knochen. Oft bin ich damals trotz aller Ausbruchsstimmung unendlich traurig, weil es scheint, als verliefe ein sich selbstständig unaufhaltsam von allein vertiefender Graben zwischen den Generationen, der immer schwerer zu überwinden wird. Aber in die Generation auf der anderen Grabenseite gehören die Menschen, die ich am meisten auf der Welt liebe und von denen ich mit Sicherheit weiß, dass sie mit dem postulierten Feindbild der Generation der Nazis und ihrer Sympathisanten nichts zu tun hat. Ganz im Gegenteil. Einmal ist mein Vater gerade aus beruflichen Gründen im Amerikahaus, um dort irgendeine Zeitung einzusehen. Gleichzeitig tobt dort vor der Türe plötzlich ein Krieg zwischen Polizei, Militärpolizei und Studenten, der sich nach einer Anti-Vietnam-Kriegs-Demonstration spontan entwickelt hat. Es geht alles andere als zimperlich zu, auch Blut fließt. Stunden später kommt mein völlig erschöpfter Vater heim. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes zwischen die Fronten geraten. Nur weil er Angehöriger der Generation über 30 ist, gehört er für die Studenten und Schüler vor der Türe auch automatisch zur Seite der Gegner. Und da er auch noch aus dem Amerikahaus kommt, ist er erst recht ein Gegner, ein Befürworter eines Staates, der gegen das kleine Vietnam einen Krieg mit ungleichen Waffen führt. Ausgerechnet mein Vater, ein Pazifist aus Überzeugung! Nein- auch die aufgebrachten jungen Leute sind voller Vorurteile wie schon die, die sie bekämpfen wollen. Dieser Tag der Angst um meinen Vater rückt mein Bild von der absoluten Rechtmäßigkeit der Studentenrevolte und der Unfehlbarkeit der damals unter Gleichgesinnten angesagten Meinungen in ein anderes Licht. Und danach frage ich mich immer öfter, ob der bei den jungen Menschen so angesagte Kommunismus nach chinesischer Strickart tatsächlich eine Alternative zu Kapitalismus und Imperialismus, Neokolonialismus, Ausbeutung und Kriegstreiberei sein soll. Viele Nachmittage verbringe ich zur Klärung dieser Frage in der Universitätsbibliothek, studiere dort Abhandlungen, gehe auch zu Vorlesungen in Soziologie, Politik und Geschichte und spreche danach mit Studenten. Dadurch erfasse ich erstmals die Dimensionen und Gefahren des damals in vollem Gang befindlichen „kalten Krieges“ zwischen Ostblockstaaten und den Westmächten, vor allen Dingen den USA. Bis zu diesem Tag der Angst um meinen Vater habe ich noch ein rein „bauchgeschaffenes“ Politikempfinden, nun bekommt es einen täglich wachsenden soliden Wissens-Unterbau, den ich mit meinem dürftigen politischen Schulwissen bislang nicht hatte. Unglaublich, dass man nach so vielen entsetzlichen Erfahrungen der Kriegsjahre bis zum Beginn der 70er-Jahre noch immer nicht bereit ist, jungen Menschen eine solide politische Grundbildung zu vermitteln. In der Folgezeit führe ich mit meinem Vater heiße Diskussionen, die auf einer ganz anderen Ebene als alle unsere vorherigen Gespräche liegen. Manchmal fliegen die Fetzten, andere Male sind wir uns völlig einig. Hier begegnen sich zwei erwachsene Menschen auf Augenhöhe und tauschen sich aus. So hat bei uns die Zeit der Entfremdung zwischen zwei so unterschiedlichen Generationen erst dazu geführt, dass wir einander auf dieser erwachsenen und äußerst fruchtbaren Ebene begegnen können. Aber nicht nur in meinem Elternhaus wird vermehrt der Dialog gesucht. Mit der Zeit kühlen sich die meisten aufgebrachten Gemüter in beiden Lagern wieder herunter. Als ich 1971 selbst an die Uni komme, haben sich die tiefen Gräben zwischen den Generationen wieder einigermaßen verfüllt. Hinzu kommt, dass auch in den Instituten ein viel frischerer Wind weht. Da gibt es keinen Raum mehr für aufeinanderprallende Auseinandersetzung, stattdessen wird echte, konstruktive Zusammenarbeit praktiziert. Speziell bei uns Biologen. In Heidelberg hat man aufgrund irgendeines Fehlers keinen Numerus clausus für Biologie eingeführt und über 700 Biologie-Studenten für nur etwa 150 Plätze zugelassen. Da sitzen nun Studenten und Dozenten in einem Boot und versuchen tatkräftig, die Situation zu bereinigen. Viele der Studenten bekommen an anderen Universitäten mit Hilfe der Interventionen noch nachträgliche Studienplätze zugeteilt. Manche, wie auch ich, weichen auf Nebenfach-Plätze aus und schreiben sich nach ein paar Semestern einfach auf Hauptfach um. Der Rest, immer noch mehr als doppelt so viele Studenten wie Praktikumsplätze da sind, wird in „Schichten“ ausgebildet. Notpraktika in den Semesterferien für die, die während des regulären Semesters keinen Platz bekommen haben, werden angeboten. Für die Lehrenden zusätzlich zu ihrem normalen beruflichen Verpflichtungen. Durch die beliebige Reihenfolge der Grundpraktika 1,2 und 3 wird der Andrang zu den Praktikumsplätzen zusätzlich reduziert. Das Meistern all dieser Schwierigkeiten schweißt nun zumindest bei uns Biologen die Generationen und Jahrgänge, Kommilitonen und Lehrende, zusammen. Ein herrliches Gemeinschaftsgefühl ist zu spüren, das allen, egal welcher Generation zugehörig, zu behagen scheint. Eine riesige Familie. Mein späterer Mann wird in das Streikkomitee gewählt, das von Seiten der Studenten her seinen Beitrag erbringt, um zu allen diesen Lösungen zu kommen. So lerne ich ihn sozusagen auf Distanz kennen: Pragmatisch, sachlich, zielstrebig, ruhig, sehr gut aussehend und mit wesentlich kürzeren Haaren und gepflegterem Bart als alle anderen Studenten im Raum, da er gerade erst von der Bundeswehr gekommen ist, wo er freiwillig zwei Jahre verbracht hat und sogar noch jahrelang Wehrübungen machen wird. Das scheint in meinen damaligen Augen nicht mit der Tätigkeit im Streikkomitee zusammenzupassen. Heute denke ich, dass er sich bereits damals klar gezeigt hat als ein Mensch, der sich in erster Linie für seine eigenen Interessen einsetzt. Bei der Bundeswehr, weil es Geld bringt, im Streikkomitee, weil es ihm selbst das Studium ermöglicht. Der in ihm gesehene Widerspruch war in Wahrheit eben doch keiner. Er ist niemals ein altruistischer Idealist gewesen, sondern immer vor allen Dingen ein Pragmatiker. Weil er für mein damaliges Dafürhalten so viele Widersprüche in sich vereint, scheint er mir wie ein Typ von einem ganz anderen Stern zu sein. Einer, der sogar freiwillig bei der Bundeswehr war. Alle meine bisherigen Freunde haben aus Überzeugung trotz damals noch damit verbundener gravierender persönlicher Nachteile den Kriegsdienst verweigert. Er ist ein nachtaktiver Kettenraucher, der Unmengen von Alkohol vertragen kann, und scheint in meinen Augen ein ziemlich kaputter Typ zu sein. Zunächst einmal bin ich einfach neugierig auf so einen Menschen. Dann spricht er mich eines Tages in der Chemie-Cafeteria an, weil an dem Tisch, an dem ich sitze, noch ein Platz frei ist: „Ich muss mich zu euch an den Tisch setzen, obwohl ihr immer so dumme und kindische Gackerhühner seid. Aber leider gibt es sonst hier keinen anderen Platz“. Vielleicht wäre zwischen uns nichts passiert ohne diesen Satz, denn der Vorwurf kindisch und dumm zu sein, erregt meine Gegenwehr. Dem arroganten Typen will ich es unbedingt zeigen. Wir kommen also das erste Mal im Leben miteinander ins Gespräch. Letztendlich werden wir gute Freunde, sogar die allerbesten, schließlich unzertrennlich. Dann schließlich ein Liebespaar, Ehepaar, werden Eltern einer gemeinsamen Tochter und nach 37 Jahren Beziehung sind wieder einmal unüberwindliche Gräben in meinem Leben aufgetaucht: Zwischen mir und dem Menschen, der mir in meinem vorherigen Leben eine so überaus wichtige Bezugsperson war. Vielleicht war das für mich der schlimmste Graben, die verheerendste Spätfolge der letztlich durch die Zeit der Heidelberger Studentenrevolte in mir ausgelösten Persönlichkeitsentwicklung. Ich habe als junge Frau der rebellischen Zeit der späten 60- er Jahre versucht, zu den Menschen Abstand aufzubauen, die mich bis dahin am nachhaltigsten geprägt haben und habe mir deshalb einen immer ruhig wirkenden, bedächtigen, vernünftigen, naturwissenschaftlich begabten, rein rational handelnden Menschen ausgesucht- als Gegenstück zu meinem Vater, der impulsiv, überschwänglich, begeisterungsfähig, zärtlich, verletzlich und künstlerisch sehr begabt war. Da mein Elternhaus sonst nur so wenig Reibungsfläche bot, habe ich ausgerechnet dort Reibung gesucht und Loslösung erfahren, wo es für mich selbst am unsinnigsten war. Andere Menschen meiner Generation hatten es vielleicht leichter sich abzugrenzen, ohne sich gleich einen falschen Partner fürs Leben auszusuchen. Sie haben, wie kaum eine Generation vor ihnen, mit aller Kraft Abstand zu der etablierten Generation der Eltern, dem Establishment, genommen. Dazu haben sie rebelliert, gekämpft, sind oft sogar ins radikale Lager abgerutscht- alles nur, um ganz anders zu sein als die so heftig von ihnen kritisierte Generation vor ihnen. Ich fand hingegen nichts, was ich an meinen Eltern wirklich ernsthaft kritisieren konnte und habe meine eigene familiäre Minirevolte folglich auf der Beziehungs- und Partnerschaftsebene durchgeführt und mir einen Mann ausgesucht, der so anders wie nur möglich als mein Vater war und damit auch so anders als ich selbst, die ich sehr vieles von meinem Vater in meinem Charakter, meinen Genen, meinen Talenten und meinen Schwächen in mir trage. So gesehen habe ich sogar versucht, den von meinem Vater kommenden Anteil in mir zu verleugnen, um meinem Partner zu gefallen. Erst nach meiner Trennung und durch die intensive Beschäftigung mit meinen Kindheitserinnerungen habe ich den Wert der väterlichen Anteile in mir zu schätzen, akzeptieren und sogar lieben gelernt. Aber dazu musste ich mich erst einmal wieder daran erinnern, was nicht einfach war, da mein Vater bereits drei Jahre nach meiner Hochzeit nach fast zwei Jahre andauernder schwerster und qualvoller Krankheit verstorben ist. Danach hat es lange Zeit noch zu weh getan, über verpasste Gelegenheiten nachzudenken oder über Schuldgefühle und Gewissensbisse darüber, dass ich dabei war, meinen Lebensweg neu auszurichten, in die Zukunft zu schauen und berufliche und partnerschaftliche Pläne zu schmieden, während er gleichzeitig bereits mit dem Tod rang. So habe ich ihn damals gleich doppelt verloren. Einmal ihn selbst und einmal seine Anteile in mir, die ich meinem Partner zuliebe jahrzehntelang weitgehend unterdrückt und verdrängt habe. Heute meine ich, ich habe meinen Vater damit lange Zeit ein Stückweit verraten, ebenso mich selbst und auch meine eigenen Ideale der späten 60er-Jahre, die von seinen Idealen nie weit entfernt lagen. Er würde sicher stolz und glücklich darüber sein, dass ich heute, nach so langer Zeit, endlich auf den Weg eingeschwenkt bin, den er mir einmal liebevoll geebnet hat. Gerade diese Aufbruchszeit vor fast vier Jahrzehnten hat mich, trotz des langen Irr- und Umweges, letztlich zu der Person gemacht, die heute in der Lage ist, sich wieder zu erinnern und die Fehler zu erkennen, die sie bei der Wahl des falschen Lebenspartners und beim Einschlagen des falschen Lebensweges einmal begangen hat. Die sogar den Mut dazu gefunden hat, die Weichen so spät in ihrem Leben noch einmal umzustellen. Genau das ist es, was die junge Marion vor über vierzig Jahren von mir, der alten Marion, in dieser Situation heute erwarten würde.
 
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1 Marxistischer Soziologe, politischer Aktivist und Wortführer der westdeutschen und West-Berliner Studentenbewegung der 1960er Jahre.

 

 

 



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