Armins Party

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Kontoeröffnung                             
Die Sache ist so gewesen:

Ich hatte kein Geld mehr. Wieder mal. Das hört sich so leicht dahingesagt an. Aber vergiss es! Das ist es nich. Sowas geht dir ganz schön auf´n Senkel. Ich meine: Deine Existenz ist bedroht. Und das ist nich lustig, sag´ ich dir.

     Also, das mal vorweg. Okay? Damit man versteht, was da passiert ist.

     Letzten Endes: Ich konnte gar nichts dafür. Soll ich dir jetzt auch noch all die anderen Sachen aufzählen? Vater Alkoholiker - Mutter auch irgendwann – üble Kindheit – schlecht in der Schule – keine Ausbildung? Ich lass das. Bringt eh´ nichts.

 

     Also, die Sache ist so gewesen: Ich geh´ wie jeden Tag zum Sani –  das ist so´n abgewrackter Krankenwagen, der bei uns um die Ecke steht. Ohne Räder und so. Natürlich privat, sonst hätte die Stadt den ja schon längst weggeholt. Da haben wir vom Viertel unseren Clubraum: ´n paar alte Sessel, ´n Sofa, Campingtisch, Kühlschrank und – so´n richtig geilen Ghettoblaster. Lautsprecher links und rechts unter der Decke.

     Da treffen wir uns. Wenn wir alle da sind, sind wir zehn. Drei Torten sind auch dabei.

     »Dreh´ den leise da!«, sagt Benny. Und macht mit dem Kopf so´ne Bewegung zum Radio hin.

     »Wieso?«, will Kevin wissen. »

     »Mach einfach!«, antwortet der.

     Er macht also – Kevin.

Alle kucken Benny an. Der will ja was sagen – so sieht´s aus.

     »Also – ich hab da was gehört.«, erzählt er dann auch, »ich will ja nichts gesagt haben. Aber dass wir klamm sind – wir alle – das weiß ja wohl jeder.

     Ihr kennt die Sparkasse. In der Marktstraße. Oder? Wenn du´n  Konto eröffnest, geben sie dir 100 Euro. Is auch Geld. Und nu rechne mal! Zehn Konten mal hundert. Macht wie viel?«

     Er lässt die Frage im Raum stehen. So ohne Kommentar. Und wartet.

     »Na?« fragt er nach – ´n bisschen ungeduldig, »Macht wie viel?«, wiederholt er. Schon ungeduldiger.

     »Tausend?«, antwortet Nicki zaghaft.

     »So isses!«, meint er – er, Benny.

     Keiner sagt was. Konto eröffnen! Wie jetzt? Wozu´n  Konto? Wer braucht´n  Konto? Aber dann sind alle schnell bei diesem Geldbetrag, den Benny da in den Raum geworfen hat. Tausend Euro! Mann!

     »Dann haben wir tausend Euro, also?«, fragt einer.

     »Hast es erfasst, Digger«, antwortet Benny. »Sieht so aus.«

     »Das Konto gibt´s  doch nur, wenn du ´ne Arbeit hast«, mach´ ich ihm klar. «Also, vergiss es!«

     »Stimmt nich!«, kontert er, »jeder hat Anspruch auf´n  Konto. Jeder!«

     »Also ich auch?«,fragt Bastian. Der ist erst fünfzehn.

     »Logo!«, erwidert Benny. »Gehörst du nich zu jeder? Oder was?«

     »Glaub´ schon«, meint der.

     »Und was wollen wir mit dem Geld?« Die Frage kommt von Kristin. Die ist auch schon achtzehn und Friseurin beim  Stegner drüben. Ihr wisst ja: Friseurinnen haben nich so scheußlich viel. Also sind die auch zufrieden mit weniger.

     Ich überlege schon. Ich weiß auch ganz genau, was tausend heißt. War in Mathe immer ganz gut.  

     Aber andererseits: Die tausend wären ja nich für mich allein. Das wär sonst schon  ´ne Zahl: Tausend! Aber –wie gesagt – für zehn Leute? Irgendwie lande ich also immer dabei, dass es hier nur um einhundert geht für jeden von uns.

     »Also? Was is?«, drängelt Benny.

     »Was is was?«, will ich von ihm wissen.

     »Aaah! Mann! Wollen wir auf der Sparkasse ´n Konto eröffnen oder nihich?«

    

Also. Langer Rede kurzer Sinn: Wir wollten nich. Keiner wollte, außer Benny eben.

     Also, genau genommen – bei Licht betrachtet – wenn wir mal ehrlich sind: Das bringt gar nichts. Du hast die hundert Euro schneller ausgegeben, als du´n  Joint durchziehst. Und dabei ist immer noch nich klar, ob wirklich jeder´n Konto eröffnen kann überhaupt.

 

So fing das alles an. Ist ja noch nich verboten. Oder? Das Ganze. Kann man sich doch drüber unterhalten. Oder nich?

     Abends sind alle weg. Zu Mama. Essen. Einer ist noch da: Benny. Benny und ich sind noch da.

Hören Ghost und Metallica. Ich fahr´ auch voll auf Slayer ab – die, wo der eine so´n Zopf im Bart hat, Kerry King

     Und ziehen uns das ein oder andere Bier rein. Oder auch beide – Okay! Okay! War´n Scherz, Mann!

     Also, wir hängen da jedenfalls so ab, ´ne Stunde vielleicht oder so. Da schrei ich zu Benny rüber:

     »Wieso nich Sparkasse?«

     Er: »Sag ich doch: Wieso nich Sparkasse?«

     Ich: »Nich, was du denkst. ´Ne ganz andere Dimension.«

     Ich lass das Wort erstmal sacken bei dem, damit er merkt, mit wem er es zu tun hat, und damit er mich ernst nimmt.

     Dann schrei´ ich weiter gegen die Mucke: »Also: Du hast kein Auto. Ich hab´ kein Auto. Schon mal klar, oder?«

     Ich glaub´, der versteht nur Bahnhof. Soll er! Ich muss meinen Plan ja erst so richtig entwickeln. Vor meinem geistigen Auge sozusagen entstehen lassen – ganz allmählich.

     »Hä?«, quakt der.

     »Deine Schwester hat´n  Roller.« Jetzt kuck ich ihm direkt ins Gesicht. »Oder? Hat sie doch, oder?«

     »Meine Schwester hat´n  Roller. Na und? Willst du den kaufen? Brauchst du Geld.«

     »Neiään, Alter! Wir wollen den ausleihen – du und ich. Wir beide. Wollen den ausleihen.«

     Und? Kapiert er jetzt? Ist doch jetzt ganz easy, oder?

     Ich sach: »Sparkasse, sach ich! Sparkasse, Alter!«

     Da kommt noch nichts. Keine Reaktion. Der weiß nich, worauf es hinausläuft. Ich dreh den Kasten leiser.

     »So! Jetzt aber: Du hast´n Schal. Ich hab´n  Schal. Wir leihen uns ´n Roller. Und wir brauchen beide: Kies. Mäuse. Knete. Stimmt doch!«

     Da zuckt was irgendwo in seinem Gesicht. Der zieht seine Augenbrauen hoch. Fällt der Groschen endlich?

     Ich sach: »Fällt der Groschen endlich?«

     Noch kuckt er wie´n  Auto. Aber dann: Er hat´s  endlich kapiert.

     »Mann, Alter!«, tönt er, »gar nich schlecht, dein Ansatz. Brauchen wir kein Konto eröffnen.«

     Hätte nich gedacht, dass der das so schnell checkt, der alte Schisshase.     

     »Also – Kapiert? Kapiert, was ich mein´?«

     «Na, und ob«, sagt er. »Hab´ immer gedacht, du bist´n Schisshase. Woher kommt denn deine wilde Begeisterung?«

     Wer ist hier ´n  Schisshase?, denk´ ich so bei mir und will schon rumzicken. Lass es aber lieber. Will keinen Zoff. Ich brauch´ ja das Teil  von seiner Schwester.

     »Was anderes«, er dann weiter. »So´n Roller ist ja nichts Schlechtes«, sagt er. »Davon ab. Aber wie willst du denn deine Verfolger abschütteln? Mit dem Ofen bist du nich schneller als 50, sag´ ich mal.«

     Wo er Recht hat – keine Frage. Ich muss schnell mal improvisieren.

     »Kein Problem«, sag´ ich so dahin. Und spontan fällt mir ein, dass wir ja hier die Wege kennen und nich die Verfolger – so kleine Wege, wo kein Auto raufpasst.

     »Du kennst dich doch aus hier«, mach´ ich ihn an. »Gibt doch so Wege, so kleine, wo man mit´m  Auto nich hinterherkommt.«

     »Okay, das kriegen wir.«

     Er ist jetzt ganz locker. »Lass mich machen. Ich weiß schon, wie«, sagt er so.

 

Tja! So fing das an.

     Ich dreh´ die Mucke hoch. Und dann geht unser Headbanging wieder von vorne los. Der eine wilder als der andere. Die jetzt live, Alter!

     »Und was ist mit  ´ner Wumme?«, hör´ ich da plötzlich. Ich hör´ wohl nich richtig. Bin ganz baff.

     »Wie jetzt? Bist du bescheuert?«, schrei ich ihn an.

     Er dreht die Mucke leiser.

     »Wie willst du denn, bitteschön, deine höfliche Aufforderung durchsetzen? Hä? Bei den Leuten da in der Sparkasse.«

     Tut mir ja leid: Der hat Recht. Fällt mir schwer, das zuzugeben. Und ich muss schon wieder improvisieren. Da bin ich groß drin.

     »Ich glaub´, mein Alter hat so´n  Ding. Braucht er im Schützenverein. Kann ich rankommen.«

     Also, ehrlich: Wo er Recht hat … Muss man ihm lassen.

     »Und?«, fragt er so nebenbei, »Muni?«

     «Ja, ja, Mann! Muni auch.«

     Wenn mir einer gesagt hätte, dass das so´n Krampf ist – Planung und Vorbereitung und so – Na ja, dann weiß ich auch nich.

 

Ja. So fing alles an.

Und dann kommt der Freitag. Es ist kurz vor Schluss. Also, Kassenschluss, mein´ ich. Wir kutschen schon mal um den Block. Ich fahre. Er hinten drauf. Die Schals haben wir natürlich noch nicht um. Fällt ja auf. Kann man nicht machen, solange vorher. Kennt man doch aus der  Glotze.

     Ich bremse ab. Schiebe den Roller an die Wand. Kuck noch mal zu Benny, der hinter mir geht und vorsichtig die Wumme aus der Jacke zieht. Glastür aufdrücken. Und dann fummeln wir unauffällig unsere Schals vor die Nase.

     Wir schlendern zur Kasse. Nebenan steht einer an so´m  Kundentresen und kuckt zu uns rüber.

     »He, Benny! Bist du das?«, ruft der.

     Das ist doch Bastian! Der dreht sich´n  Stück zur Seite und kommt auf uns zu.

     Ich seh noch die Panik in Bennys Augen, als er den Kleinen erkennt.

     »Ich eröffne ´n Konto«, will der sagen. Sagt er aber nich mehr. Hör ich nur so raus. Er verschluckt das letzte Wort, denn Benny schießt ihm mit seiner Knarre in den Bauch. Dann kippt er um – der Bastian.

     Also – letzten Endes – ich konnte gar nichts dafür. 


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