soll werden: Rosemarie

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Rosemarie - Teil I

 

Das Leben ist mal Freund, mal Feind, mal rosa, mal rot oder rosarot.

Diese Anwandlung verknüpfe ich mit Rosemarie.

Mein Stimmungsbild weicht allerdings von der ursprünglichen Namensbedeutung ab, es bewirkt schlicht und einfach den Brückenschlag zu einem Mädchen in unserer Straße. Mochte es an ihrer Haarpracht oder am heiteren Gesichtsausdruck liegen, ab und an, so auch heute, führen mich gedanklich die rötlichen Farben wieder einmal zu ihr. Mit meiner Farbsymbolik hatte sie allerdings nie was am Hut.

Steckte sie Jahre später im Stimmungstief, stand bis auf den Grund im Sumpf des Tages, empfand die Düsternis gleichwohl als tristes Dunkelgrau.

Das kleine und große Leben der Rosemarie verlief mal freundlich, mal feindlich, mal schwebte sie im Himmel, mal stand sie in der Hölle.

Mir scheint, als würde ich Röschen schon ewig kennen.
Damals war sie das kleine verspielte Mädchen. Sie wohnte am Ende der Straße, in einem der farblosen Mehrfamilienhäuser. Beinahe jeden Tag lief sie mir über den Weg. Mal war sie alleine, mal  sah ich sie zu dritt. Schon aus der Ferne erkannte sie mich und mit der Zeit winkte sie mir fröhlich zu. Eines schönen Tages schien sie Langeweile zu haben, hüpfte den Bordstein rauf und runter und stolperte. Vor Schreck ließ sie ihr Puppenkind auf die Straße fallen. Ich sah das Unglück, schaute mir das Püppchen an, wischte Röschen die Tränen aus dem Gesicht und versuchte zu trösten.

Aufmerksam wurde ich durch ihre Fröhlichkeit, den leuchtend roten Lockenkopf, die tausendundeine Sommersprosse in ihrem lachenden Gesicht, bekomme mit, dass sie einen trefflichen Kosename hat und Röschen genannt wird.

Juhu, gab sie von sich, denn sie hatte es mal wieder geschafft, bis dahin. Sie stand zwar auf Himmel, musste aber noch zurück, drehte mit einem Hopsa, hüpfte auf einem Bein über Hölle auf die 9, dann mit Grätschsprung auf 8 und 7, hüpfte, grätschte, hüpfte, hüpfte, stand ohne zu wackeln auf einem Bein, hob den Stein in 1 auf, hüpfte und landet auf Erde. »Geschafft«, rief sie dann siegesgewiss in die kleine Runde.

Im hüpfspielen, Himmel und Hölle, war Röschen die Beste, wobei Klaus beim Murmelspielen unschlagbar war, Dieter hingegen, geschickt mit dem Fußball dribbeln konnte. Der braune Lederball war wie sein Markenzeichen, ein Geburtstagsgeschenk vom Opa. War Dieter draußen, trug er ihn stolz unter dem Arm geklemmt, um bei nächster Gelegenheit loszulassen, ihn dann geschickt mit kleinen Stößen vorwärtszutreiben. Er übte und übte, erzählte überall, er sei eines Tages ein berühmter Fußballer. 

Die Drei waren beste Freunde, trafen sich jeden Tag in der kleinen Stiege zwischen den grauen alten Wohnhäusern. Mal rannten sie ausgelassen durch die Straßen, spielten Klingelmäuschen, versteckten sich schnell, beobachteten und kicherten, wenn sie damit Erfolg hatten. Oft saßen vor der Haustür auf den steinigen Treppenstufen, sahen zu, wie einer von ihnen mit weißer Kreide die Linien vom Hinkespiel nachzog, welche vom nächtlichen Regen verwischt worden waren. 

Von ihrer unbeschwerten Kinderzeit mussten sie sich langsam verabschieden. Der Schulanfang stand bevor. Röschen konnte schon ein bisschen Rechnen, ihren Namen schreiben und das Buchstabieralphabet herunter rasseln.

Zugleich erlebten die drei Spielkameraden, wie es ist, Abschied nehmen zu müssen. Dieter ließ die Zwei allein zurück und zog mit Vater und Mutter zu den Großeltern in einem Vorort von Stuttgart. Warum, wieso, weshalb, konnte er kaum erklären, nur soviel, dass der Vater dem Opa im Geschäft helfen sollte. Röschen und Klaus begriffen das Wort Abschied erst Tage später. Dieter war auf einmal nicht mehr da, er fehlte Ihnen.

Durch die Einschulung wurden sie vom Abschiedsschmerz abgelenkt. Die Beiden gingen von nun an in dieselbe Schule, saßen in der Bank nebeneinander und es schien, als seien sie weiterhin unzertrennlich. Klaus war zwar ein guter Murmelspieler, aber kein guter Schüler, tat sich schwer und musste die 3. Klasse noch einmal wiederholen. Von da an lebten sich die Kinderfreunde peu à peu auseinander. Die Schulstunden wichen zeitlich ab, Klaus hatte neue Kameraden gefunden und Röschen ging mit kichernden Freundinnen ihren eigenen Weg.

Sie entwickelte sich zu einem temperamentvollen, aufgeweckten Teenager, durchlebte ihre pubertäre Phase, wurde aufmüpfig und forsch. Sie versuchte, sich überall durchzusetzen, wollte von nun an nur noch auf ihren Taufnamen Rosemarie hören.

All jene Tagesgeschehnisse bekam ich am Rande mit, auch, weil wir uns auf der Straße begegneten und Röschen ein klein wenig mit mir plauderte. 

Eines Tages verlor ich sie aus den Augen.

Mehr als zwei Jahrzehnte sind inzwischen vergangen ... 
https://www.Luisa-Lenz.de

 



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