Zu Tode gequält

( 0 Bewertungen ) 

Hunde bellten und das Rotorengeräusch eines Helikopters durchschnitt die Stille. Herr Baumann lief über ein Feld, den Blick zu Boden gerichtet. Ihm gegenüber lag ein Wald. Das Klingeln der U-Bahn Station wenn Fahrgäste ein oder ausstiegen erklang in seinen Ohren, doch nahm der Kommissar dieses Geräusch nur noch unterschwellig wahr. Ebenso wie das Vibrieren des Bodens wenn die U-Bahn mit über 150 Stundenkilometern durch den Tunnel raste. Nicht der kleinste Grashalm entging ihm. Seit vier Uhr durchkämmte er mit seinen Kollegen die Wald und Forstwege. Es war noch zwei Stunden hell. Ihre Eltern hatten die Polizei gerufen, weil, die kleine Carolin nicht von der Schule nach Hause gekommen war. Wie konnten Eltern ihre Kinder nur an meckern, weil sie eine schlechte Note in einer Mathearbeit oder einem Diktat geschrieben hatten? Es gab so viel wichtigeres im Leben und eine schlechte Note war kein Weltuntergang. Ihre Eltern hatten Freunde und Bekannte angerufen um zu erfahren, ob Carolin vielleicht mit einer Freundin nach Hause gegangen war? Fehlanzeige, keiner wusste wo das Mädchen steckte. Wie verzweifelt mussten Kinder sein, wenn sie zu so einem Schritt griffen? Die meisten Kinder tauchten nach ein paar Stunden wieder völlig unversehrt zu Hause auf. In 95 % aller Vermisstenmeldungen war dies der Fall. Aber es geschah auch, dass Kinder nicht mehr Zuhause auftauchten, weil jemand sie ermordet hatte, oder sie gegen ihre Willen festgehalten wurden. Manche Kinder zog es auch auf die Straße, wo sie ein Leben am Rande der Gesellschaft führten. Drogen, Alkohol, Diebstahl und Prostitution waren nur ein paar der täglichen Begleiter der Straßenkids. Herr Baumann griff zum Funkgerät. Eventuell konnten seine Kollegen beim Jugendamt, die Streetworker die Kleine aufspüren. Die Polizei war bei den Straßenkids nicht besonders beliebt, weil sie ihnen ihr Drogen wegnahmen. Er griff zum Funkgerät. „Herr Baumann an Zentrale könnt ihr mich bitte mit folgender Nummer verbinden? 0231 8108-81. Wie verzweifelt musste ein Kind sein, wenn es das Leben auf der Straße dem innerhalb seiner Familie vorzog?

„Jugendamt Dortmund Tom Hülser Guten Tag“

„Guten Tag Tom Walter hier, pass mal auf, wir suchen ein acht Jahre altes Kind, blonde Haare, braune Augen, ist 1,34 m groß trägt ein weißes Kleid mit roten Rosenblüten drauf. Weiße Socken und rosa Sandalen. Sie besitzt einen rosafarbenen Schulranzen von Scout. Kannst Du Dich mal bei den Straßenkindern umhören, ob so ein Mädchen eventuell dort ist? Ich sende Dir auch gleich ein aktuelles Foto der Kleinen. Das Mädchen ist heute Mittag von der Schule nicht nach Hause gekommen.“

„Ist in Ordnung, Herbert, wenn ich etwas rausfinde werde ich es dir mitteilen. Ich werde mich umhören. Habt ihr bereits eine Spur von dem Mädchen?“

„Bisher nicht danke, wir hören voneinander.“

In den meisten Fällen wurden diese Verbrechen recht schnell aufgeklärt, besonders dann, wenn Hinweise auf ein Gewaltverbrechen vorlagen. Es geschah jedoch auch, dass Kinder nie gefunden wurden, weder tot noch lebendig. Was ging in Eltern vor, deren Kinder nie gefunden wurden und sie die Akte schließen mussten? Ein Taucher kam gerade aus dem Wasser, er hatte den See abgesucht doch anscheinend ohne Ergebnis. Herr Baumann verstand die Leute nicht, erst vor zwei Wochen hatten sie ein Kind aus einem Haushalt geholt. Die Eltern hatten den Jungen mit Klebeband gefesselt und im Kinderzimmer eingeschlossen. Es hatte nach Fäkalien und Urin gestunken, als er mit seinen Kollegen das Schloss aufgebrochen hatte. Der Junge war verwahrlost und unterernährt gewesen.. Aufmerksame Nachbarn, hatte den Geruch im Hausflur wahrgenommen und aus diesem Grund die Polizei gerufen. Warum aber hatten die Nachbarn drei Jahre lang gewartet? Wie konnte man in einem Mehrfamilienhaus ein Kind drei Jahren lang gefangen halten ohne das jemand etwas mitbekam? Weil sich jeder selbst der Nächste wahr. Die meisten Leute waren nur auf ihr eigenes Glück fixiert. Sie waren egoistisch Hauptsache mir geht es gut, der Rest ist mir egal. Was ging in Eltern vor, die ihr Kind mit Klebeband fesselten und in einen Schrank sperrten? Wie verzweifelt und überfordert musste die Mutter des Kindes gewesen sein? Aber warum holten sich die Eltern keine Hilfe vom Jugendamt oder der Caritas? Es gab genug Institutionen wo man sich Hilfe holen konnte.Wie sich herausgestellt hatte, war der Junge bereits seit drei Jahren im Kinderzimmer gefangen gehalten worden.

„Weil sie sich schämen.“, erklang eine Stimme aus seinem Innerem. Sie waren zu stolz um sich helfen zu lassen. Gefunden hatten sie bisher nichts, nicht die kleinste Locke von ihrem Haar oder einen Faden von ihrer Hose. Carolin schien wie vom Erdboden verschluckt. Bald würde es von Presseleuten und Fernsehteams nur so wimmeln. Das Funkgerät an seinem Gürtel knackte.

„Beamter Baumann, hier spricht Beamter Heckenbruch wir haben eine Spur, kommen Sie zurück und gehen Sie vom Elternhaus drei Schritte nach Südwesten. Ich wiederhole wir haben eine Spur Ende.“

„Verstanden, ich bin in fünf Minuten bei Ihnen. Ende.“, sagte der Kommissar.

Herr Baumann rannte zurück, so schnell ihn seine Füße trugen. Herr Heckenbruch hob einen weißen Kinderschuh mit einem Barbiesymbol an der Seite in die Luft. „Wir haben Reifen und Bremsspuren in der Nähe des Schuhs gefunden. Jemand muss das Mädchen gesehen haben. Aber ich vermute eher, dass sie entführt worden ist.“, sagte Herr Heckenbruch.


Herr Baumann ging in die Knie um die Bremsspuren zu untersuchen. Es sah so aus, als ob es jemand sehr eilig hatte wegzukommen. Er nahm eine Polaroid aus der Jackentasche um die Reifenspuren zu fotografieren, dann griff er zum Funkgerät.
 
„Der Hundeführer soll mit seinen Hunden sofort zurück kommen und nach Südwesten gehen, vielleicht haben wir Glück.“, sagte Herr Baumann.

 

 

 



Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren