Die schwarzen Steine (Kataria Bd.2)

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Kapitel 17: Aussichtsloser Kampf


Nachdem Yalsa mit den anderen verschwunden war, nahm sich Nairi die Zeit, um dem Schamanen grob zu erklären, was es mit den schwarzen Steinen auf sich hatte. Sie erwähnte sogar die mögliche Verbindung zu den Xaovoun in der Hoffnung, dass Lugaan ihr mit diesem Wissen einen etwas besseren Beistand leisten konnte. Das Risiko sich später erklären zu müssen, sobald bekannt wurde, dass sie mehr wusste, als bei der jüngsten Befragung angegeben, nahm Nairi billigend in Kauf. Immerhin hatte sie sich von Landir und allem, was mit ihm zu tun hatte, weit distanzieren müssen. Dieses Stückchen Wissen gehörte leider mit dazu.

 

Aber das war nun egal. Für sie zählte nur noch die Suche nach den schwarzen Steinen und den Spähern sowie weiteren Überlebenden. Ihre persönlichen Konsequenzen verkamen angesichts dieser Dringlichkeit zur reinen Nebensache. Doch bevor sie aufbrechen konnten, musste Lugaan das Gehörte akzeptieren und damit tat er sich sichtlich schwer. Sein Erstaunen grenzte schier an Unglauben. Nairi nahm es ihm nicht übel. Es klang selbst für sie immer noch total verrückt, und dass, obwohl diese Informationen schon lange keine Neuigkeit mehr für sie waren.

„Deswegen haben uns die Shivoun also verlassen“, entfuhr es Lugaan plötzlich und auf eine Art, als ginge ihm soeben ein Teil seiner Glaubenskraft verloren. „Sie müssen denken, wir haben uns von ihnen abgewendet.“

„Nein, nein“, hielt Nairi widersprechend dagegen, „sie haben uns nicht verlassen. Einer von ihnen hat uns auf der Jagd beigestanden. Nur so konnten wir ...“

Sie verstummte mitten im Satz, derlei zurückreichende Erklärungen führten jetzt zu weit. Lugaan stand in erwartungsvoller Haltung vor ihr. Nairi atmete kurz durch und fuhr mit einem anfänglichen Kopfschütteln fort.

„Ich kann das jetzt nicht alles erklären, aber bitte glaube mir. Sie stehen nach wie vor auf unserer Seite, auch wenn sie jetzt nicht hier sind. Wir müssen uns auf die schwarzen Steine konzentrieren und auf diejenigen, die wir vermutlich noch retten können. Also, wo halten sie sich auf?“

Lugaan nickte zögerlich. „Ja, du hast recht.“ Nairi sah ihm an, dass er nur zu gerne mehr von ihr erfahren hätte. Dennoch konzentrierte er sich auf ihre jetzige Situation. „Aber ... retten können wir niemanden mehr. Neela, Raavia, Keeno und Lakaat waren als Einzige noch bei Sinnen und kräftig genug, als ich sie fand und mitnahm. Nahezu alle anderen, die hier unten nach Schutz und Heilung suchten, sind tot oder werden es bald sein …“

Nun war es an Nairi ungläubig und aus geweiteten Augen dreinzuschauen. Obgleich sie wusste, dass es wohl nur noch wenige Manori hier unten gab, denen sie hätte helfen können, fühlten sich Lugaans Worte an wie ein Hieb in die Magengegend.

„… und die noch lebenden Schamanen werden von etwas getrieben, das sie den großen Schatten nennen. Und wenn ich dein Gesagtes bedenke, wird es sich wohl um einen Xaovoun handeln. Aber ich verstehe das alles nicht.“

Nairi ging es nicht anders. Der tiefere Sinn hinter all den Ereignissen der letzten Zeit war auch ihr bislang verborgen geblieben. Das einzige Bestreben der Xaovoun konnte doch unmöglich sein, zu verderben und zu töten. Wenn es ihnen nur darum gegangen wäre, dann hätten sie es, bei der Macht die sie besaßen, viel einfacher und vor allem schneller haben können als durch diesen schleichenden Prozess. Auf diese Weise waren ihnen so einige Manori entkommen, an deren Tod sie sich hätten ergötzen können.

„Was ist mit den Verstorbenen passiert?“, wollte Nairi einer inneren Eingebung folgend wissen. Zunächst erhielt sie lediglich einen fragenden Blick. Ohne sich näher zu erklären, fügte sie hinzu: „Es ist wichtig.“

„Sie befinden sich aufgebahrt ...“, begann Lugaan und zögerte kurz, „... in den Räumen vor den Heilerhallen. Es gab kein Totenritual.“

Die Antwort überraschte Nairi nicht wirklich. Insgeheim rechnete sie bereits mit so etwas. Ihre Befürchtung wuchs, dass die Toten nicht mehr lange tot bleiben würden. Wie schnell das ging, hatte sie an dem verstorbenen Jharuun gesehen. Allerdings konnten auch die desaströsen Umstände der letzten Zeit für die Lagerung der Verstorbenen verantwortlich sein.

Vielen Manori war es immer schlechter gegangen. In dieser Situation noch die Kraft für unzählige Totenrituale zu finden, erschien ihr ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Trotzdem ließen sie die Zweifel nicht los. Uneins mit sich, ob es Sinn machte weiter nachzufragen, ruhte ihr Blick auf Lugaan. Schließlich entschied Nairi sich dagegen. Ihnen rann die Zeit davon.

„Führ mich zu den Schamanen“, forderte sie ihn kurzentschlossen auf.

Lugaan sah sie entgeistert an, aber erhielt weder, eine Möglichkeit zu widersprechen noch etwas dazu zu sagen. Mit ein paar beherzten Schritten verließ Nairi den Gemeinschaftsraum. Dem Schamanen blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen oder im Zweifelsfall zurückzubleiben. In Anbetracht der zurückliegenden Ereignisse war sie sich ziemlich sicher, dass der ein oder andere noch lebende Schamane einen schwarzen Stein bei sich tragen musste.

Da ansonsten jede Hilfe für die Zurückgebliebenen zu spät kam, konzentrierte Nairi sich nur noch auf diese eine Aufgabe. Die vermissten Späher waren indes komplett aus ihrem Bewusstsein verschwunden. Jeder ihrer Gedanken drehte sich nur noch um die schwarzen Steine, welches Unheil ihnen noch bevorstand und wie es sich vielleicht verhindern ließ. Nur beiläufig registrierte sie Lugaans Gegenwart. Er folgte ihr.

Bereits nach kurzer Zeit zahlte sich dessen Begleitung aus. Seinen richtungsweisenden Äußerungen verdankten sie ein recht zügiges Vorankommen. Das war aber auch schon das einzig Gute an ihrer Situation, da die Luft stickig blieb und der Einfluss des verdorbenen Makras wieder stärker wurde. Nairi nahm dies irritiert zur Kenntnis. Bis vor Kurzem machten ihr die Schmerzen noch etwas weniger aus und nun änderte sich die Empfindung erneut. Entweder gab es irgendwo in der Nähe eine gravierende Veränderung in der magischen Strömung oder ihre Sinne spielten langsam verrückt. Was genau es war, konnte Nairi nicht sagen und versuchte sich davon abzulenken, indem sie sich auf die unmittelbare Lage konzentrierte.

Je tiefer beide in das Labyrinth vordrangen, umso komischer kam ihr die Ruhe hier vor. Irgendwer musste doch schon längst die Abwesenheit von Lugaan und seinen Begleitern bemerkt haben und sie suchen. Raavias Gefühlsausbrüche waren bestimmt nicht ungehört geblieben. Allerdings sah sich Nairi außerstande, eine Erklärung dafür zu finden. Wie die fehlgeleiteten Männer und Frauen dachten und was für Befehle sie durch den Xaovoun erhielten, der sich offenbar ihres Geistes bemächtigt hatte, entzog sich ihrer Vorstellungskraft. Fest stand für sie nur, auf alles gefasst sein zu müssen. Die Situation konnte sich jederzeit ändern.

Zügig ließen sie daher eine Abzweigung nach der anderen hinter sich. Sämtliche Gänge und die wenigen leeren Räume, an denen Nairi und Lugaan vorbeikamen, waren größtenteils genauso von Dunkelheit oder ersterbendem Licht erfüllt wie der von ihnen gewählte Weg. Zu ihrer Erleichterung musste der Schamane nicht geführt werden. Seine Ortskenntnisse ermöglichten ihm selbst ohne silbernes Auge eine sehr genaue Orientierung. Zwischendurch warf Nairi ihm dennoch einen absichernden Blick über ihre Schulter zu und erkannte, dass Lugaan schneller erschöpfte als sie.

Erstmals dachte sie daran, ob es ihnen nach Beendigung ihrer Aufgabe möglich sein würde, sofern ihnen dieses Kunststück überhaupt glückte, zusammen das Labyrinth zu verlassen. Über diesen und andere Gedanken hinweg erreichten sie erneut eine Abzweigung, dieses Mal jedoch eine größere, die ihre gesamte Aufmerksamkeit erforderte. Der Gang vor ihnen sah nach einer Art Hauptgang aus und besaß einen breiteren Durchmesser als die zurückliegenden Tunnel.

Nairi blieb stehen, lauschte und hörte lediglich ihre eigenen Atemgeräusche und die von Lugaan. Dafür kitzelte sie ein merkwürdiger Geruch in der Nase, der von einem hauchzarten Luftzug an ihr vorbeigetragen wurde. Beide Eindrücke waren so flüchtig, dass Nairi an einen Irrtum ihrerseits glaubte. Suchend spähte sie in die unterschiedlichen Richtungen, in die sich der breitere Gang erstreckte. Doch zu sehen war nichts, wohl auch, da der Weg alles andere als geradlinig verlief.

„Wir müssen nach rechts weiter. Wir sind der Heilerhalle nun sehr nahe“, flüsterte Lugaan ihr zu.

„Heilerhalle?“, fragte Nairi in derselben Lautstärke nach. Erst jetzt merkte sie, nicht zu wissen, wohin sie beide unterwegs waren. „Befinden sich die Schamanen dort?“

Sein knappes Ja erwiderte Nairi mit einem verstehenden Nicken. Sie wollte vorsichtig weitergehen, aber Lugaan fasste nach ihrem Arm und hielt sie davon ab.

„Was ist?“

„Warte, du solltest noch etwas wissen.“

Erwartungsvoll sah Nairi ihn an und erkannte, wie Unmut und Ekel in seinem Gesicht um die Vorherrschaft rangen und ihn davon abhielten, sofort weiterzusprechen. Es dauerte einen Moment, bis Lugaan ihr mit gebrochener Stimme etwas zuflüsterte.

„Sie stellen unterschiedliche Mittel her, um die Toten haltbar zu machen.“

„Was?“, entfuhr es Nairi halblaut.

Erschrocken, vor allem von dem Nachhall ihrer Stimme in den Gängen, zuckte sie zusammen. Absichernd glitt ihr Blick umher. Doch offenbar zog diese kurze Unachtsamkeit keine unliebsame Überraschung nach sich. Darüber erleichtert wandte sie sich wieder Lugaan zu, der sich jeglichen Kommentar über ihren verbalen Ausfall ersparte und nur leicht murrte. Ohne näher darauf einzugehen, sprach Nairi mit deutlich gesenkter Stimme weiter.

„Was soll das heißen, sie machen sie haltbar?“

„In der Heilerhalle werden die Toten mit Mitteln behandelt, die in den dort angrenzenden Räumen hergestellt werden und den natürlichen Zerfall aufhalten. Wenn wir weitergehen, wirst du das alles sehen und auch riechen.“ Nairis Gesichtszüge entgleisten. Mit vor Fassungslosigkeit geweiteten Augen sah sie den Schamanen an, der ihren Blick wohl als unausgesprochene Frage missverstand und meinte: „Mir ist nicht klar, wieso sie das tun, nur, dass es so ist.“

Lugaan konnte sich nicht vorstellen, wozu dieses Prozedere gut war, Nairi allerdings schon. Es lag nicht im Brauch ihres Volkes, die Körper von Verstorbenen zu erhalten. Sie gehörten aufgelöst, um deren Seelen in die Hände der Shivoun zu legen, damit sie ihren Frieden finden und sich erholen konnten, von dem, was ihnen im Leben widerfahren war und was sie vollbracht hatten.

Für Nairi gab es nur eine Erklärung. Wiederauferstehung! Ihre Gedanken überschlugen sich schier. Es musste einen Magiewirker in der Nähe geben, einen, der genau dazu in der Lage war. Doch wer sollte das sein? Wie erstarrt stand sie einen Moment lang vor Lugaan und bemerkte seinen musternden Blick ihr gegenüber viel zu spät.

„Du weißt etwas“, sprach er mit erkenntnisreichem Unterton.

„Ja“, antwortete Nairi und fragte sich, woher er die Gewissheit nahm. Ungeachtet dessen sprach sie leise weiter. „Aber ich kann es nicht erklären ... nicht jetzt. Die Zeit drängt. Bitte führ mich weiter. Das hier muss ein Ende finden.“

„Das muss es“, pflichtete Lugaan ihr glücklicherweise bei, wenngleich er unzufrieden wirkte über ihre abweisende Antwort.

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch wandte Nairi sich ab und eilte, nach einem absichernden Blick, in Richtung der Heilerhalle weiter. Aus dem vormals vagen Luftzug, der diesen merkwürdigen Geruch mit sich führte, entwickelte sich eine gelegentlich wiederkehrende, leichte Brise. Dies war ein deutliches Zeichen dafür, wie nah sie dem von ihnen anvisierten Ziel gekommen waren. Dennoch fiel Nairi das Weitergehen nicht unbedingt leichter, im Gegenteil.

Zu der stickig erdigen Duftnote, die seit Betreten des Labyrinths jeden ihrer Schritte begleitete, gesellte sich nun ein Gemisch aus diversen ätherischen Ölen gepaart mit dem süßlichen Geruch vom warmen Baumharz. Die blanke Intensität dieser Gerüche erhob sich nach einer Weile wie eine undurchdringliche Wand vor ihnen. Unverrichteter Dinge blieb Nairi mitten im Gang stehen, begleitet von einem von Unmut zeugenden Laut an ihrer Seite.

„Wird der Geruch noch stärker?“, wagte sie, leise zu fragen.

„Unwesentlich“, raunte Lugaan ihr zu. „Wir sind gleich da.“

Nairi bemühte sich, die Worte überhaupt zu verstehen. Ihre Übelkeit nahm einen Teil ihrer Aufmerksamkeit in Anspruch. Es widerstrebte ihr zutiefst, den Weg fortzusetzen. Aber genau das mussten sie, wenn sie hier nicht entdeckt werden und ihre Aufgabe erledigen wollten. Wie zur Erinnerung daran presste Nairi mit einer Hand das mit den Runen versehene Kistchen unter ihrer Weste fester gegen ihren Körper. Der Druck lenkte sie von den Gerüchen weitestgehend ab.

Zum Glück hängt kein Verwesungsgeruch in der Luft.

Wo es den Tod gab, da gab es auch entsprechende Ausdünstungen. Woran es genau lag, dass sie davon noch nichts roch, ob nur an dem intensiven Aroma dieser Mittel, von denen Lugaan gesprochen hatte, oder etwas anderem, war ihr nicht ganz klar. Aber Nairi war heilfroh darüber, diesen Geruch nicht auch noch in der Nase zu haben. Auf den Verwesungsdunst reagierte sie seit jeher besonders empfindlich und hatte sich in all der Zeit als Späherin nicht daran gewöhnt.

Schritt um Schritt näherten Nairi und Lugaan sich einer leichten Biegung. Die Beschaffenheit des Ganges veränderte sich. Bisher formten die Wurzeln des Baumriesen die unmittelbare Umgebung. Aufgrund der dicken Rinde besaßen sämtliche Wände der begehbaren Abschnitte im Labyrinth eine gewisse raue Wölbung, die nun zugunsten einer glatteren, deutlich helleren Außenschicht wich.

Das wenige Licht, sofern vorhanden, wirkte gleich bedeutend kräftiger. Nairi empfand die Dunkelheit seit dem Erlebnis mit dem Schattenreich noch immer als sehr unangenehm. Daher begrüßte sie die neuen Lichtverhältnisse mit innerer Erleichterung, die auch sogleich wieder zunichtegemacht wurde.

Ein merkwürdiges Schleifen drang zusammen mit der Schrittfolge von mindestens zwei Personen klar und deutlich an ihre Ohren. Nairi blieb vor Schreck abrupt stehen, noch ehe sie die vor ihnen liegende Biegung erreicht hatte. Lugaan verharrte ebenso. Was sie hörten, klang sehr nah, viel zu nah für ihren Geschmack, und das versprach nichts Gutes. Instinktiv presste sie sich gegen die Wand des Ganges, um erst im allerletzten Moment gesehen zu werden. Währenddessen löste Nairi mit der freien Hand ihr Wurfholz vom Gürtel und warf Lugaan einen knappen Blick zu.

Sein Gesicht schien wie in Stein gemeißelt zu sein, nur der Lidschlag verriet, dass es sich dabei nicht um eine Maske handelte. Plötzlich verstummten die Schritte mitsamt dem schleifenden Geräusch. Das Herz schlug Nairi bis zum Hals. Abwechselnd fixierte sie die Wände und den Boden der Biegung. Doch nirgendwo entdeckte sie einen verräterischen Schatten, weder von ihnen noch von denjenigen, die sich irgendwo auf der anderen Seite befanden. Stattdessen hörte sie einen dumpfen Aufprall. Dem Geräusch nach war etwas Großes und Schweres zu Boden gefallen.

„Das war der Letzte.“

„Vorerst, ja.“

Die Worte klangen überraschend undeutlich, keinesfalls so, als würde jemand direkt neben ihnen stehen und sich unterhalten. Angespannt lauschte Nairi und ließ dabei die Biegung nicht einen Wimpernschlag lang aus den Augen.

„Die anderen folgen auch noch. Aber zunächst gehen wir ihnen voran.“ Ein zustimmendes Murmeln erklang. „Und nun wird es Zeit. Das Ritual muss abgehalten werden.“

Unmittelbar darauf vernahm Nairi wieder Schritte, dieses Mal ohne das Schleifen. Sie hielt den Atem an und umschloss das Wurfholz mit der Hand immer fester, beinahe krampfhaft. Entgegen ihrer Erwartung verliefen sich die Schrittfolgen in entgegengesetzte Richtung und wurden leiser. Als sie meinte, es riskieren zu können, wagte Nairi einen vorsichtigen Blick und erspähte in einiger Entfernung zwei in Roben gehüllte Gestalten. Mit Schrecken bemerkte sie auch, wie gering die Distanz eben noch zu ihnen gewesen war.

Nur wenige Armlängen voraus befanden sich Zugänge auf beiden Seiten des Tunnels. Sie lagen ein wenig zueinander versetzt. Jetzt wurde Nairi klar, wo sich die beiden Manori eben aufgehalten und was sie getan hatten. Kurzerhand setzte sie sich wieder in Bewegung, obwohl die zwei Schamanen sich noch immer in Sichtweite aufhielten. Diesen Umstand nahm Nairi billigend in Kauf und damit das Risiko, im Zweifelsfall entdeckt zu werden. Um nichts in der Welt wollte sie sich jetzt noch abhängen lassen. Sie musste mit eigenen Augen sehen, was genau hier vor sich ging und wer dafür die Verantwortung trug.

Nach wenigen Schritten kamen Nairi und Lugaan auf der Höhe zu einem der Durchgänge an. Trotz der Ahnung, was dort drinnen zu sehen sein würde, war der Anblick schockierend. Der kurze Seitenblick, den sie eigentlich hatte riskieren wollen, wandelte sich schlagartig in eine Ganzkörperstarre. Regungslos blieb Nairi mitten im Gang stehen und konnte nicht wegsehen, obgleich sie es versuchte. Gleichzeitig hallten Lugaans Worte von vorhin in ihrem Kopf wider.

Sie befinden sich aufgebahrt in den Räumen vor der Heilerhalle ... sie stellen unterschiedliche Mittel her, um die Toten haltbar zu machen.

Nairi schluckte schwer, erschrak, als sie am Arm gepackt und dort hineingezerrt wurde. Gerade da ihr ein Schrei über die Lippen kommen wollte, erkannte sie Lugaan vor sich stehen, spürte die Wand in ihrem Rücken und seine Hand über ihren Mund. Sein eindringlicher Blick bohrte sich in ihre Augen, bedeutete ihr, still zu sein. Vor panischer Erregung hob und senkte sich Nairis Brustkorb. Das Herz schlug ihr bis in den Hals. Von Weitem waren abermals Stimmen zu hören, allerdings kaum noch verständlich. Ein unendlich lang erscheinender Moment verging, ehe wieder vollkommene Stille herrschte. Ihre Anspannung verebbte langsam. Erst jetzt ließ Lugaan seine Hand sinken.

„Tut mir leid“, flüsterte er mit rauer Stimme, „aber den beiden kam jemand entgegen.“

Der Schreck saß ihr noch immer in den Knochen und so nickte Nairi lediglich. Langanhaltender als zuvor atmete sie ein und aus. Der penetrante Geruch von draußen war hier im Raum doppelt so intensiv. Nur mit Mühe unterdrückte sie einen sich anbahnenden Würgereflex, der mitunter auch von dem Anblick kam, der sich ihr seitlich von Lugaan bot. Der Raum, dessen Aufteilung Nairi nur am Rande wahrnahm, beherbergte eine Vielzahl an toten Körpern.

Alte und Junge, Erwachsene wie Kinder lagen geordnet und auf eine abstruse Weise anständig hergerichtet am Boden. Es schien, als würden sie schlafen. Einige von ihnen mussten bereits seit längerer Zeit tot sein. Schließlich verstarben nicht alle gleichzeitig. Doch ihnen war nicht anzusehen, wie lange sie hier schon lagen. Wie in Trance schweifte Nairis Blick umher. Dabei entdeckte sie unzählige Schleifspuren, die von der Art des Transportes hierher zeugten.

Ein Gefühl gemischt aus Fassungslosigkeit, Trauer und Wut stieg in ihr auf. Die einzelnen Emotionen wirbelten in ihrem Innern umeinander und erzeugten dadurch den Wunsch, von hier verschwinden zu wollen, allerdings nicht um zu fliehen. Noch hartnäckiger als zuvor hielt Nairi an dem Entschluss fest, diesem unheiligen Treiben ein Ende zu bereiten, sollte sich ihr eine passende Gelegenheit dazu bieten. Mit einer entschiedenen Geste wies sie Lugaan an, den Weg fortsetzen zu wollen.

Er nickte und Nairi spähte vorsichtig in den Gang hinaus. Zu sehen war niemand mehr, aber der Nachhall sich entfernender Schritte drang noch an ihre Ohren, wenngleich kaum noch wahrnehmbar. Flink huschte sie um die Ecke und eilte weiter, begleitet von Lugaan. Das Kistchen unter der Weste hielt Nairi dabei mindestens genauso fest wie das Wurfholz in der anderen Hand. Sie dachte nicht einmal daran, es wieder wegzustecken.

Die Distanz zur Heilerhalle schmolz mit jedem Schritt dahin. Ihre Anspannung nahm erneut zu. Nur noch auf den vor ihnen liegenden Durchgang fixiert verkamen der Geruch, der sich in ihrer Nase eingezeckt hatte, der empfundene Schmerz und sogar ihr Sinn für Gefahr zur Nebensächlichkeit. Kaum dass Nairi und Lugaan an der Grenze zur Heilerhalle, und damit unmittelbar unter dem Baumriesen angekommen waren, suchten sie Schutz an einer der Seiten des Durchganges, um im Zweifelsfall nicht sofort entdeckt zu werden.

Immerhin verbesserte sich die Sicht, nur leider nicht sehr stark. Verantwortlich dafür waren die fluoreszierenden Knospen an der Decke und den Seitenwänden. Zwar gaben sie nur sehr wenig Licht von sich, aber waren zahlreicher als jene in den Gängen. Zusammen mit der hellen Maserung des Holzes wirkte die Halle geradezu gut ausgeleuchtet in Anbetracht der hiesigen Umstände. Daher genügte Nairi ein rascher Blick, um sich zu orientieren.

Die kuppelartige Halle war von beachtlicher Größe, ähnlich der Gemeinschaftshallen direkt in der Stadt und die besaßen im Innenbereich beinahe den Umfang des Stammes. Genau mittig stand der verholzte Urspross des Baumriesen, dessen Umfang mehrere Schritte maß. Sein Fuß war tief in der Erde vergraben und auf Hüfthöhe eines erwachsenen Manori befand sich eine ringförmige Vertiefung. Normalerweise sammelte sich dort das Wasser, das der Spross aus der Erde aufnahm. Jetzt allerdings schimmerte nur noch ein karges Rinnsal in dem schwachen Licht der darüber rankenden, lichtspendenden Knospen.

Von dort glitt Nairis Blick unbeirrt weiter zu den aus dem Stamm gewachsenen übermannshohen Trennwänden am Rand der Halle. Die daraus geformten, gekammerten Areale dienten der Versorgung von Kranken und Verletzten. Dazwischen verliefen vier Zuwege, die hierher führten und von hier fort. An einem davon standen derzeit Nairi und Lugaan.

Alles in allem war die Halle schwer einsehbar. Die Behandlungsbereiche zu den Seiten verwehrten es ihr die Zuwege genau in Augenschein zu nehmen und auch der Urspross war breit genug, als dass sich genau auf der gegenüberliegenden Seite eine unschöne Überraschung verbergen konnte. Angespannt stand Nairi da und überlegte. Kein fremdes Geräusch drang an ihre Ohren, nicht einmal die Schritte der Abtrünnigen von eben.

Die Akustik der Halle hätte die Anwesenheit anderer Personen sehr schnell verraten, besonders jetzt, durch die hier unten allgegenwärtige und unnatürliche Stille. Sie hatten die Schamanen von eben verloren, von denen Nairi hoffte, zur Wurzel allen Übels hier unten geführt zu werden. Entgegen des Wunsches, der sie dazu antrieb blindlings loszulaufen, in der Hoffnung auf Anhieb den Anschluss wiederzufinden, zügelte sie ihren Übereifer.

„Wohin genau führen die Gänge?“, fragte Nairi leise, ohne die Halle aus den Augen zu lassen.

„Der Weg rechts von uns führt hinaus, der daneben dient als Verbindung zu einem der anderen Baumriesen. Dort befinden sich auch die zusätzlichen Krankenlager. Und durch den Weg zu unserer Linken gelangt man zum Saal der Aufzeichnungen“, klärte Lugaan sie ähnlich leise sprechend auf, um kein unliebsames Echo in der Halle zu erzeugen. „Der Saal liegt genau im Zentrum des Labyrinths. Es ist nicht weit bis dorthin.“

Nairi nickte verstehend. Zwei der insgesamt vier Möglichkeiten konnte sie getrost unbeachtet lassen, ebenso die offenbar verlassene Heilerhalle.

„Weißt du, ob unterhalb jedes Baumriesen dasselbe vor sich geht?“

„Vermutlich, aber mit Sicherheit weiß ich es nur von diesem Teil des Labyrinths“, antwortete Lugaan. „Nachdem die Hallen keinen einzigen Kranken mehr aufnehmen konnten, schufen wir freie Plätze in den angrenzenden Räumen. Die Männer, Frauen und Kinder in den Hallen starben teilweise zuerst. Statt sie den Shivoun zu übergeben, fingen wir an, sie zu balsamieren und in die Räume direkt hinter uns zu legen.“

Die letzten Worte sorgten bei Nairi für einen Anflug von Befremdung gegenüber Lugaan. Bis jetzt hatte sie keinen Gedanken daran verschwendet, ihn direkt mit den Ereignissen hier unten in Verbindung zu bringen, obwohl es eigentlich auf der Hand lag. Er war schließlich ein Schamane. Offenbar verriet ihr Blick die gehegten Gedanken, denn Lugaan sah beschämt zur Seite. Was er getan hatte, musste ihn schwer belasten und stellte wahrscheinlich auch den Hauptgrund dar, weshalb er sie unterstützte. Mit Sicherheit konnte Nairi dies nicht sagen, beließ es jedoch dabei. Es gab jetzt Wichtigeres zu erledigen und so konzentrierte sie sich auf die bisherigen Erkenntnisse, die zu einem großen unangenehmen Ganzen gehörten.

Alles hier unten folgte offenbar einer bestimmten Ordnung. Direkt hinter ihnen lagen die provisorischen Totenräume, in der Heilerhalle wurden die Verstorbenen balsamiert und seitlich der Verbindungswege hielten sich bestenfalls noch lebende, aber dem Tod geweihte Manori auf. Wenn es also ein Ritual gab, das es durchzuführen galt, dann musste es ganz woanders stattfinden. Zwar glich niemals ein Labyrinth einem anderen, doch es gab bestimmte Gemeinsamkeiten und dazu gehörte mitunter die Lage der Heilerhallen mit den davon abgehenden Verbindungsgängen.

Ihrer Meinung nach existierte genau ein Ort, der für das Ritual infrage kam, nämlich das Zentrum, der Saal der Aufzeichnungen. Ehe sie mit neuem Ziel die sichere Umgebung des Ganges verließ, atmete Nairi durch und gab Lugaan ein Zeichen. Es bedeutete ihm, erst einmal hier zu warten und die Augen sowie Ohren offen zu halten. Leicht geduckt und entlang der nicht einsehbaren Behandlungsräume zu beiden Seiten eilte sie auf den Urspross zu. Dort suchte Nairi Deckung und versicherte sich davon, dass ihnen niemand auflauerte. Erst danach ließ sie Lugaan nachkommen.

Beide beeilten sich, den ins Zentrum führenden Gang zu erreichen. Die zu bewältigende Distanz war verhältnismäßig kurz. Dennoch schaute sie sich immer wieder hoch nervös zu allen möglichen Seiten um. Für einen Moment war Nairi, als würde ihnen ein Schatten folgen. Allerdings musste sie sich bei einem weiteren Blick eingestehen, sich wohl verguckt zu haben. Hinter ihnen war niemand. Zeit über diese Sinnestäuschung nachzudenken, blieb ihr keine, da sie kurz darauf mit Lugaan den anvisierten Zuweg erreichte und in das dahinterliegende Dunkel trat.

Nach den ersten Schritten hielt Nairi naserümpfend an. Der von der Balsamierungsflüssigkeit stammende Geruch besaß in diesem Gang eine schier unfassbare Intensität. Der Fertigungsort musste in unmittelbarer Nähe liegen. Zu ihrer eigenen Überraschung reagierte sie weniger stark, als zunächst erwartet. Trotzdem dauerte es einen Augenblick, bis Nairi sich wieder fing. Währenddessen behielt Lugaan die hinter ihnen liegende Halle im Auge.

Ihm schienen die widrigen Umstände absolut nichts auszumachen, wie sie bei einem Seitenblick zu ihm bemerkte. Geleitet durch einen flüchtigen Gedanken steckte sie das Wurfholz an ihren Gürtel zurück und fasste nach seiner Hand. Erschrocken zuckte er zusammen, sodass Nairi sofort wieder von ihm abließ. Sie hatte in Erfahrung gebracht, was sie wissen wollte.

„Was ist?“, fragte Lugaan leise und warf ihr einen irritierten Blick zu.

„Nichts, schon gut“, log Nairi. „Mir wurde nur kurz schwindelig ... der Gestank ... aber es geht schon wieder.“

„Sicher?“

Mit einem knappen Nicken schaute sie wieder nach vorne und war froh, dass sich ihre Vermutung nicht bestätigt hatte. Seine Hand war warm, er lebte also. Eigentlich konnte es auch nicht anders sein. Wie ein untoter Manori aussah, wusste Nairi schließlich. Aufgrund seiner ungerührten Art zweifelte sie jedoch an ihrer eigenen Einschätzung und Wahrnehmung. Zum Glück hinterfragte Lugaan ihr Verhalten nicht und glaubte ihr augenscheinlich. Zumindest kam seinerseits keine gegenteilige Reaktion.

Um diese nicht vielleicht noch nachträglich zu provozieren, spähte Nairi in den Gang hinein und kniff erstmals, seit Betreten des Labyrinths, die Augen leicht zusammen. Es war, als würde inzwischen dichter werdender Nebel ihre Sicht trüben. Sie hatte Mühe, noch genug zu erkennen, ein Umstand, der ihr absolut missfiel. Aber aufgeben wollte Nairi nicht. Noch überwog ihre Hartnäckigkeit die Stimme der Vernunft, die so langsam zum Umkehren riet.

Vorsichtig ging sie voran und entdeckte nach den ersten Schritten in einiger Entfernung zwei Durchgänge links und rechts des Weges. Von dort kam kein einziges Geräusch, weshalb sie zügig darauf zuging, dicht gefolgt von Lugaan. Nairi warf einen schnellen, aufmerksamen Blick in den vorderen der beiden schräg zueinander liegenden Räume. Bis auf die alchemistischen Aufbauten an den Tischen und Wandregalen, die davon zeugten, dass hier noch vor Kurzem jemand mit den Gerätschaften hantiert haben musste, war nichts zu sehen.

Angewidert von dem Gestank der frisch angesetzten Balsamierungsflüssigkeiten und dem Anblick der dafür offen herumliegenden Zutaten verzog Nairi das Gesicht. Eilig schaute sie in dem anderen Raum nach, in dem es genauso aussah. Entschieden wandte sie sich ab und wollte weiter in Richtung Zentrum vordringen, aber Lugaan blieb stehen.

„Ich halte es nicht für klug weiterzugehen“, raunte er ihr zu. „Dir geht es nicht mehr so gut wie noch vorhin. Wir sollten umkehren bevor ...“

„Nein.“ Nairi fiel ihm schneidend, aber leise ins Wort. „Selbst wenn wir die schwarzen Steine nicht finden sollten, dann vielleicht Antworten und die sind mindestens genauso wichtig für uns. Ich bin mir sicher, dass wir kurz davor sind herauszufinden, was das alles zu bedeuten hat und wer dafür verantwortlich ist.“

„Ich halte es dennoch für falsch“, entgegnete er standfest.

Nairi gab einen von Unmut kündendes Murren von sich.

„Ich gehe weiter. Mit dir oder ohne dich.“

Nun war es an Lugaan, eine entsprechende Lautäußerung hören zu lassen, gleichzeitig legte er aber auch eine Hand auf ihre Schulter.

„Ich gab mein Wort und werde es halten. Doch nur zur Sicherheit möchte ich, dass du mich führst. Vor uns liegt tiefste Dunkelheit und ich besitze kein silbernes Auge.“

Nickend nahm Nairi seine Worte zur Kenntnis, ohne seine Bitte zu hinterfragen. Sie wollte nur den Saal der Aufzeichnungen schnellstmöglich erreichen. Langsamer als zuvor setzte sie ihren Weg fort, damit es Lugaan nicht unnötig schwer fiel, mit ihr Schritt zu halten. Gleichwohl kostete Nairi diese Rücksichtnahme einiges an Selbstbeherrschung. Es ging ihr schlichtweg nicht schnell genug. Erfüllt mit einer Mischung aus Ungeduld und unheilvoller Vorahnung tastete sie mit der Hand nach ihrem Wurfholz am Gürtel und hielt es eisern fest, ganz so, als könnte es ihr genügend Halt geben.

Auch das runenverzierte Kistchen unter der Weste presste Nairi stärker als nötig gegen ihren Oberkörper. Von beidem spürte sie kaum mehr etwas und nahm nur beiläufig wahr, dass eine merkwürdige, nahezu betäubende Leichtigkeit allmählich ihren gesamten Körper erfüllte. Sie musste zweimal in sich hineinhorchen, um zu merken, dass ihr Herz inzwischen heftig gegen das Innere ihres Brustkorbes hämmerte. 



Taschenbuch ISBN: 978-3-7418-9491-6
ebook ISBN: 978-3-7427-7305-0

 



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