Trugbild der Schatten: Erster Teil der Aedon-Vohrn Trilogie

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Trugbild der Schatten
1. Teil der Gefallenen-Trilogie
Von Helmut Aigner


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Andauernd, jede Nacht, plagten sie düstere Albträume. Es blieb falsch, egal wie oft sie es durchlebte.


Unerklärliche Bilder verblassten nach dem Erwachen, mit rasendem Herzen suchte sie nach einer Erklärung.

Im Schlaf wurde Etaila zu jemand anderem, einer Frau, die in Furcht lebte vor ihren Verfolgern.

Sie rannte durch einen dichten Wald, gehetztvon einem Jäger. Oder glaubte es nur. Wenn sie sich umdrehte, war da nichts, nichts außer der Kälte zwischen den Ästen, dünnem aufsteigendem Rauch und purer Einsamkeit. Sie landete an einem anderen Ort, herausgerissen aus der Vergangenheit.

Grübelnd sah die Träumerin eine Siedlung, klein, friedlich und abgelegen in den Bergen, die sie nie bereist hatte. Sie erspähte eine alte Frau mit sorgenvollem Blick, die Sorgfalt galt allein dem Schicksal der Besucherin.

Der Tod kam in die kleine Siedlung.

Die Vorsteherin wurde erstochen von einem Mann bewaffnet mit schlichtem Dolch. Er wechselte sein Angesicht, war erst jung, später alt und wieder umgekehrt.

Doch das war nur der Beginn, die Eindrücke änderten sich rasch, sie konnte kaum folgen.

Sie sah ein Heer von Angreifern, keine Menschen, sie brachten das Leid in die entlegenen Täler des Grenzlandes der Thärden, den kriegerischen Clansleuten und verhassten Nachbarn der Elfen.



„Es sind Orks, flieht, wenn Ihr sie bemerkt, sonst ist es um Euch geschehen“, flüsterte eine leise ängstliche Stimme ihr in den Nächten zu.

Diese Warnung flößte ihr Angst ein und machte sie panisch. Wieder befand sie sich in dem lichtlosen Wald unter schiefen Baumreihen. Sie zitterte vor Angst und Kälte, und als sich Etailas anderes Ich umwandte, stand jener, der seine Form wechselte, hinter ihr, mit gezogenen Dolchen und einem frostigen, mordgierigen Glitzern in den Augen. Die ängstliche Stimme in ihr begann zu sprechen. Sie flüstere nur einen Namen. Es war derselbe, den die alte Frau kurz vor ihrem Tod gehaucht hatte. Ein mächtiger Name, so althergebracht wie die Sagen ihres Volkes

„Viondars“. Dann wachte sie auf, den Klang ihres eigenen Schreies in den Ohren. Der wirre Traum riss sie aus dem Schlaf. Sie setzte sich auf ihre einfache Schlafstätte, Säcke, gefüllt mit Stroh.



Die Söldnerin benötigte eine Weile, um frei durchatmen zu können. Es waren nur Spukbilder, sagte sie sich. Und doch war sich die Frau unsicher. Sie hatte eine völlig andere Person gemimt, jemanden mit anderer Vergangenheit, mit sensiblem Charakter, das komplette Gegenteil ihrer selbst.

Anfangs grübelte sie über den Irrsinn nach, den sie empfand, dann betrachtete sie die junge aufgehende Sonne durch die geöffnete Dachluke. Und der Traum der vergangenen Nacht verschwand im hintersten Winkel ihres Unterbewusstseins.

Es gab Wichtigeres zu tun. Sie sprang auf und kleidete sich an. Hose, Gürtel, Wams – einfache Kleidung zum Arbeiten, geeignet für viele Berufe in Courant, ihrer erwählten und ebenso schäbigen Heimatstadt. Berufe, bei denen das Schwert das wichtigste Werkzeug darstellte.

Sie wusch sich das Gesicht in einer hohen Schüssel gefüllt mit eiskaltem Wasser.

Zum Frühstück setzte sie sich an einen schiefen Tisch, der kaum sein eigenes Gewicht tragen konnte. Es gab Haferbrei zum Essen, schal wie üblich, zu mehr reichte das Geld kaum aus.

Man konnte nicht behaupten, dass sie in Luxus schwelgte.

Jetzt, so früh am Morgen, lag der kleine Raum fast in völliger Dunkelheit, ihr Ruhelager, ein schiefer Schrank und eine Truhe, alles war nur spärlich beleuchtet. Ein Kienspan spendete ein wenig Helligkeit, damit die junge Frau sich im Inneren zurechtfand.

Sie bereitete sich auf ihren neuen Arbeitstag vor.

Die Eskorte von Händlern und anderen Kunden war im unruhigen Süden keine Seltenheit. Einige Abgesandte aus der örtlichen Händlergilde hatten sie angeworben, als Begleitung zum Schutz ihrer Leben und ihrer Waren.

Ihr guter Ruf war ausschlaggebend gewesen. Sie wurde als Söldnerin zu den wenigen gerechnet, die an untätigen Tagen nicht schon am frühen Mittag betrunken in ihrem eigenen Erbrochenem lagen.

Sie nahm ihr Handwerk ernst.



Sie würde stundenlang neben einem Kutschbock sitzen und einige Dutzend Fässer bewachen; Abenteuer sahen anders aus.



Dafür gab es dann am Ende des Tages einige Münzen Besser als mit knurrendem Magen schlafen zu gehen, dachte sie nüchtern. Es gab in Courant als Frau nur zwei Möglichkeiten: entweder man wurde die Ehefrau eines Halsabschneiders, oder selber einer. Das hatte ihr Vater ihr einst als Rat mitgegeben. Sie machte es anders. Denn sie hatte schon viele Halsabschneider gesehen, die am Strick endeten.



Sie ging einige Schritte, griff in die Dunkelheit hinein.

Aus der Truhe nahm sie ihr Kopis heraus, einen Schildbrecher, der Rundschilde mit Wucht durchdrang und zu Kleinholz verarbeitete. Eine gut geschmiedete Waffe, wenn man bedachte, dass ihr alter Herr, der Hufschmied eines Dorfes nah der Marschen, es damals aus Altmetall hergestellt hatte. Fieber in Winter hatte ihr den Vormund geraubt, ihre Mutter kannte sie kaum, sie war noch während ihres Kindesalters fortgegangen.



Nicht ungewöhnlich; das raue Land um Courant raffte jedes Jahr genug Menschen dahin.



Das Schwert war das einzige Erinnerungsstück, das von ihrem Vater blieb, und es hatte ihr in ihrer Jugend genügend ausgehungerte Wölfe aus den Bergen vom Leib gehalten.

Sie hatte es gestern Abend vorsorglich geschliffen.

Alles war vorbereitet. Die einfache Schutzkleidung, in der sie steckte, war vor einer Woche geflickt worden. Sie fuhr in einem Wagen heraus aus dieser großen Ansammlung von heruntergekommenen Hütten, die sich eine Stadt nannte. Vielleicht kam sie sogar für längere Zeit heraus.

Sie machte sich Mut für die Zukunft, als sie ihr Häuschen verließ und in den grauen morgendlichen Himmel hinaus spähte.

Die Sonne blieb eine kleine matte Scheibe am Horizont, die heute kaum Licht gab.

Die Straßen sollten zu dieser Uhrzeit menschenleer sein, selten hatte einer der Bewohner einen Grund so früh seine Behausung zu verlassen. Diesmal war es ähnlich. Nur Irna die alte Vettel, die auf der Veranda ihrem Haus gegenübersaß, war schon wach und reckte sich in einem Schaukelstuhl. Ihre Vermieterin, ein schrecklich geiziges Weib, das sie am ausgestreckten Arm verhungern ließe, nur um sich ein paar Geldstücke zu sparen. Sie grüßte das böse Weib und erntete aus der Entfernung ein herablassendes Grinsen, fehlte nur die Aufforderung, die Miete rechtzeitig zu begleichen.

Aber sie suchte kein Ärger mit ihr, die Anwohnerin bezahlte bisher immer pünktlich und machte selten Schwierigkeiten. Die Söldnerin grinste zurück, fluchte in Gedanken laut auf und ging die matschige Straße entlang.

Alte Schlampe, soll dich doch der Teufel holen.



Ein bis zwei Wochen nicht hier zu sein, würden ihr gut tun.

Etaila, die junge Frau mit dem hübschen Gesicht, dem blonden Haar und der frischen Erscheinung, ging an einem verschlammten Tümpel vorbei, passierte eine schmale Brücke, nur ein breites Brett über einen schlammigen Weiher. Die Wolkendecke am Firmament färbte sich weiter grau, ein leichter Schauer kündigte sich an. Kaum ungewöhnlich in dieser Ecke der Welt, die raue See der Frostbanninseln brachte reichlich schlechtes Wetter in den Süden.

Entfernt hörte sie Reiter, sie besaß kein Pferd und durfte nicht zu spät zur Handelsstation gelangen, man würde nicht wegen einer einzelnen Person die Karawane warten lassen. Zeit war Geld und sie nahm die Beine in die Hand.

Sie rannte an weiteren, immer gleich aussehenden Rundhütten vorbei, jederzeit darauf bedacht, nicht im Schlamm oder Pferdemist auszurutschen oder stecken zu bleiben.

Großartig, der Tag begann mit einem Sprint, hoffentlich war sie nicht überfällig, so einfache Arbeit gab es in den nächsten Tagen nicht erneut.

Sie hörte das Gebrüll hinter sich, ein Bote spornte sein Ross zu mehr Geschwindigkeit an und nahm dabei keine Rücksicht auf Fußgänger. Die junge Frau wurde beinahe über den Haufen geritten, nur durch Haaresbreite entkam sie den ausscherenden Hufen, ein Sprung zum Wegrand in eine Pfütze rettete sie zumindest vor einer schmerzhaften Verletzung. Sie kroch ein Stück voran und wischte sich den Schlamm aus dem Gesicht. Sie hörte lautes Gelächter. Der Reiter hatte Freude an seinem Sprung gehabt.

Wenig später erreichte sie den Handelsposten, zu früh. Die Händler dachten gar nicht daran, überstürzt aufzubrechen, Etailas Hosen und Mantel waren von Matsch verkrustet und ihre Laune war, morgendlich, bereits verdorben.

Ein alter Mann mit langem grauem Bart und einer erstaunlich intensiven Bierfahne empfing sie vor dem Kutschbock.

„Ihr müsst Etaila sein.“ Ihm war dies klar, weil sie die einzige Frau auf der Reise sein sollte.

„Wer sonst“, war ihre knappe Antwort.

Man blieb trotzdem höflich zu ihr und übergab, wie vereinbart, drei Silbermünzen als Vorschuss.

Wenigstens sind die Pfeffersäcke nicht knickrig. Sie haben wohl Muffensausen die große Fahrt mit zu Wenigen anzutreten.

Dachte sie beim Aufsitzen auf einen Karren, der mit bauchigen Fässern beladen wurde. Eine Gruppe weiterer Bewaffneter begrüßte sie wortkarg, sie brummte ein Hallo zurück. Das reichte, mehr Worte musste man innerhalb der Zunft nicht wechseln.

Währenddessen verstaute man Bier, eine wichtige Handelsware für viele Dörfer im Umkreis von Meilen.

Jemand reichte ihr einen Becher mit dunklem Gerstensaft. Sie nahm einen Zug. Nicht das schlechteste Zeug.

Vielleicht wird der Tag ja, doch noch vernünftig, sie versuchte sich Mut zu machen.



Klappentext:

Aus Verbündeten werden Verräter - Freunde zu gnadenlosen Feinden, in
einer Welt, in der das Wirken von Magie ein unsagbares Verbrechen darstellt.

Ein einfacher Auftrag gerät für eine Söldnerin aus Courant zu einem Desaster.
Ein fanatischer Ritterorden macht Jagd auf eine Gemeinschaft von Verstoßenen.
Und die letzte Elfenzivilisation Aedon-Vohrns steht kurz vor ihrem endgültigen Zerfall.
Sie alle sind verbunden durch den Konflikt alter Mächte.
Einer Fehde der Gefallenen.

 



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