Der Bruder der Furcht

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Der Keller

 

Wenn ich in der Vergangenheit etwas Grundlegendes gelernt hatte - und das war nicht viel in den vierzig Jahren meines Lebens - ist es dies:

Meide Keller verlassener Häuser, die einen üblen Gestank von sich geben.

Ich rede nicht von einem Rohrbruch oder eine Katze, die tote Viecher ablegt, ich meine Begegnungen anderer Art.

Bedrückende Begegnungen die sich in dein Innerstes einbrennen, deine Existenz umformen und dich nicht einmal im Schlaf in Frieden lassen.  

 

1

 

Es ereignete sich im Spätherbst, mir war alles egal, meine Vergangenheit, meine Zukunft einfach alles. Ich wollte nur raus aus Berlin, einfach abhauen und untertauchen.

Diese seltsam heiße Jahreszeit hatte für dunkelrotes Laub in den Kronen der Bäume gesorgt. Die Allee, in der ich mit dem Auto einbog, war von vielen ausgewachsenen Kastanien gesäumt, deren großflächige Äste bis zu den Häuserdächern reichten und damit ein wenig den heruntergekommenen Zustand des Vorortes verschleierten.

Heruntergekommen, die Bezeichnung verharmloste eine Ansammlung von breiten Straßen außerhalb von Berlin, in der nachts einige Jugendbanden ihrer Langeweile durch Randale entkamen.

Nichts Weltbewegendes meine ich.

Sie brannten Mülltonnen nieder oder warfen Steine gegen die Scheiben leer stehender Häuser und lauerten am frühen Mittag bekifft und besoffen in kleinen Gruppen vor den Einfahrten der wenigen bewohnten Gebäude.

Das war ihre Art des Protestes.

Ich konnte es ihnen schlecht verübeln, in besserer seelischer Verfassung hätte ich dieses Kaff nicht einmal zum Ausnüchtern auf einer Parkbank benutzt.

Aber ich nutzte die Zurückgezogenheit gerne um mich zu verkriechen und dieser Ort war wie geschaffen dafür.

»Wie ein Flachmann für einen Bahnhofspenner«, dachte ich mürrisch.

Ich parkte meine Rostlaube auf einen laubüberschütteten Parkplatz ganz in der Nähe meines neuen Domizils.

»Nicht schlecht für diese Gegend«, murmelte ich in meinen Dreitagebart.

Es war das einzige unversehrte Haus in der Straße, als wenn selbst der mieseste Abschaum Respekt vor meiner vorübergehenden Bleibe besäße.

Ich suchte meinen Kram zusammen. Schlüssel, Kippen, eine vergilbte Ausgabe von »Der Idiot«, einem Buch, von dem ich seit der ersten Seite wusste, das ich es nie zu Ende lesen würde, steckte alles in die Jackentasche meines Parkas und stieg aus.

Nun bewunderte ich erneut das dunkel gestrichene Gebäude, welches, Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut, nicht schlecht war für einen Arbeitslosen der, herausgejagt aus der Großstadt, hier in der Ecke sein letztes Geld versoff.

Ich wollte für die kommende Tage aus dem Leben aussteigen, solange bis ich ausgebrannt den nächsten aus meinem Bekanntenkreis aus einer Telefonzelle anrufen und um einen Platz zum übernachten anbetteln musste.

So ging das seit einiger Zeit mit mir - ein oder zwei Jahre, die schlechten zählt man für gewöhnlich nicht.

Ich stieg über eine Anhäufung aus weggeworfenen Dosen und Flaschen, die Müllabfuhr hatte diese Straße wohl aufgegeben, dachte ich und nahm aus dem Kofferraum den Rest meines Gepäcks heraus.

Es bestand aus einem Pappkarton gefüllt mit Unwichtigkeiten, Fotos aus besseren Tagen, Kassetten, die ich ewig nicht gehört hatte und weiteren Souvenirs aus einem alten Leben eines anderen Ichs, wie es mir jetzt vorkam.

Ich ging auf dem rissigen Gehweg entlang. Links und rechts begegnete mir keine einzige Seele, ich atmete erleichtert auf und fischte den Schlüssel  aus meiner Tasche hervor. Er war in einem Zettel eingehüllt, auf dem eine krakelige Ortsbeschreibung vermerkt war, eine simple Skizze mit dem Abdruck eines Lippenstift- Kussmundes.

Flohs Unterschrift.

Sie hatte mir diese Unterkunft verschafft, dank ihrer Unterstützung musste ich die Nächte nicht in einer Einrichtung für Obdachlose verbringen und konnte mich ungehindert weiter kaputtmachen.

Oder wenigstens nur bis zum Ende dieses Jahres, wie ich mir hoffnungsvoll Weiß machte.

Während des Aufschließens dachte ich über Floh nach, eine Freundin, halb so alt wie ich, dafür dank der Unterstützung ihrer Eltern so reich wie es sich andere nur erträumten. Ihrer Familie gehörten unzählige Immobilien, diese hier verrottete schlichtweg vergessen vor sich hin.

Zwei Tage zuvor bei einem Treffen im Café hatte sie eine gepfefferte Rechnung übernommen und mich nur angelächelt, sie meinte, sie könne mir einige Tage  das Haus überlassen, bis es mir besser ginge.

Damals hatte ich geglaubt, dies wäre mein Glückstag gewesen- Irrtum.

Ich stand mitten in Brandenburg vor meinem letzten möglichen Unterschlupf danach gäbe es nur noch eine Sammelstelle für Obdachlose.

So war das eben.

Damals an diesem Tag, als sich mir knarrend die eichene Pforte öffnete, war ich so zufrieden, wie es mir in meiner beschissenen Lage  möglich erschien.

Ich beging das Untergeschoss, machte einen Rundgang.

Einen großen Teil des Hauses hatte man vor mehr als einem Jahrzehnt komplett renoviert, für einen ganzen Batzen an Geld, wie es selbst ein Laie auf den ersten Blick erkannte.

Trotzdem schien die Unterkunft nicht oft genutzt zu werden, die meisten Zimmer standen leer und abgesehen von einem abgedeckten Klavier und Stühlen sah ich im Empfangsraum nur Unmengen an Staub und schmutzige Fußabdrücke.

Vor einiger Zeit waren viele Menschen auf dem Parkett umhergelaufen, die an einem sauberen Boden nicht interessiert zu sein schienen. Ich betrat das nächste große Zimmer und entdeckte den Grund.

Eine von Flohs berüchtigten Partys hatte hier stattgefunden, eine teure Konzertanlage samt Boxen setzte Spinnweben an. Dazu gesellten sich verschiedene Sitzmöglichkeiten: eine zerschlissene Designercouch, Unmengen an umgestürzten Flaschen hochprozentigen, und wie ich zu meiner Zufriedenheit feststellte, gab es noch einige Vorräte, die sich in einem angestöpselten Kühlschrank befanden.

Erwartungsvoll schaltete ich den Fernseher ein, er hatte regionalen Empfang, ein weiterer Pluspunkt auf meiner Liste.

Ich holte mir ein Bier aus einem Kasten unter der Spüle, öffnete es an einer Tischkante.

Hemmungslos nahm ich einen gewaltigen Schluck heraus und erfreute mich an der Berieselung aus der Flimmerkiste, die dem Hirn über einem längeren Zeitraum am Absterben half.

Vielen Dank dafür.

An diesem Tag leerte ich sechs Flaschen Flüssigbrot und den trüben Rest aus einer Schnapspulle.

Es wurde Abend.

 Ich zog meine Stiefel aus, riss das Kabel des Fernsehers aus der Steckdose und beendete so den Tag. Die Dielen des ersten Stockwerks knarrten angestrengt.

Ich bemerkte, dass die Sanierungsarbeiten nur der unteren Hälfte des Gebäudes zugute gekommen waren, der gesamte obere Teil erweckte den Anschein, ausgetreten  und Abrissreif zu sein.

Für meine Ansprüche würde es reichen.

Der Putz bröckelte von den Wänden, einige Fenster, waren zerbrochen, ich entdeckte ein altmodisches Bad, etliche Kacheln fehlten und lagen zersprungen auf den Boden, Hauptsache man hatte einen ruhigen Ort zum Pinkeln.

Nach erledigtem Geschäft tappte ich benommen durch die graue Dunkelheit, denn die Lichtschalter verweigerten ihren Dienst, wie der Rest der Elektronik im Obergeschoss.
Ich schlurfte weiter, mein Kopf war von einem angenehmen Gefühl der Dumpfheit angefüllt, ich hätte ebenso gut in einer Tiefgarage auf einem Karton schlafen können.

Aus einer hinteren Ecke vernahm ich ein Fiepen, ich hoffte das es nur Mäuse waren.

Tatsächlich fand ich wenig später das Schlafzimmer oder etwas das man annähernd als eines bezeichnen konnte. Wenigstens war es möglich das quadratische Zimmer abzusperren. Ich packte meine alten Knochen angezogen auf eine Matratze die ich vorher umgedreht hatte, mein ganzer Körper verlangte nach Schlaf, aber ich machte kein Auge zu.

Eigentlich hätte ich wie ein Stein schlafen müssen, ich tat es aber nicht.

Heute, da ich die Sache anders sehe, glaube ich, dass sich eine dunkle Vorahnung gemächlich durch mein Unterbewusstsein bohrte. Ich will nicht sagen, dass ich es voraussah, es war nur so, das ein abgeschiedener Teil in mir merkte, dass der gewöhnliche Ablauf der Jahre mit der kommenden Nacht vorbei sein würde.

 

 

 



Kommentare  

 
#1 Helmut 19-07-2016
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