Fatale Schönheit

( 6 Bewertungen ) 


Kapitel 1


Schönheitstipp für streichelzarte Hände: »Hände dick mit einer guten Handcreme einreiben und dünne Baumwollhandschuhe überziehen, in der Nacht einwirken lassen.«




Frankreich, Provence, 2012
Die plötzliche Erkenntnis traf Florence wie ein Schlag. »Lava Kosmetik«, murmelte sie und legte die Zeitung auf den Tisch.
»Geht es Ihnen gut?«, fragte Marie besorgt. »Ihre Hände zittern, und Sie sehen aus, als wären Sie gerade einem Geist begegnet.«
Florence lehnte sich zurück und atmete tief durch. »Es ist alles in Ordnung.« Doch nichts war in Ordnung.
Marie warf einen Blick in die Zeitung. »Ah, den Artikel habe ich auch gelesen.«
»Kennen Sie diese Wundercreme?«
»Oh ja. Dank ihr habe ich so gut wie keine Falten. Kennen Sie die Creme etwa nicht?«
»Nein. Wissen Sie, in meinem Alter spielt das Aussehen keine Rolle mehr.« Florence starrte auf ihre faltigen Hände, die noch immer zitterten.
»So alt sind Sie auch wieder nicht, meine Liebe. Jedenfalls handelt es sich bei der Lavendelcreme von Lava um das beliebteste Kosmetikprodukt aller Zeiten.« Marie strich sich über die Wange. »Die Creme bewirkt wahre Wunder!«
Florence betrachtete Marie, die mit ihren 56 Jahren eine makellose Haut besaß. »Sie bewirkt wahre Wunder ... Wie in der Lavendelsage.«
»Lavendelsage?«, fragte Marie verwirrt und stellte ein Glas Wasser sowie eine Medikamentendose auf den Tisch. »Sind Sie sicher, dass es Ihnen wirklich gut geht?«
Florence nickte zögernd, und ihr Blick fiel wieder auf den Zeitungsartikel. Jetzt, wo sie endlich Bescheid wusste, ergab alles einen Sinn. Sie verspürte das Bedürfnis, mit jemandem über ihren Verdacht zu sprechen. Bloß mit wem? Sie besaß keine Familienangehörigen mehr, die sie hätte um Hilfe bitten können, und die Polizei konnte sie ohne Beweise nicht aufsuchen. Ob sie Marie von ihrem Verdacht erzählen konnte? Die fürsorgliche Pflegefrau war hier in der Altersresidenz Belle Fleur schließlich ihre einzige Bezugsperson.
Ein Oberschenkelhalsbruch hatte Florence vor einem Jahr dazu gezwungen, ihr Haus in einer abgeschiedenen Ortschaft in der Haute-Provence zu verkaufen und in eine Seniorenresidenz in Avignon zu ziehen. Anfangs war es nicht leicht gewesen, da ihr die vertraute Umgebung, die Ruhe und besonders der Duft des blühenden Lavendels fehlten. Aber durch Marie wurde der Alltag erträglicher, und inzwischen waren die beiden gut befreundet. Dennoch zweifelte Florence daran, dass Marie ihr glauben würde, da ihre Annahme bloß auf der Familiensage einer Lavendelcreme beruhte. Aber der Zeitungsartikel hatte ihr die Augen geöffnet, und sie musste etwas unternehmen. Nicht, dass es am Ende noch zu spät war.
Als Marie das Zimmer verließ, las Florence den Artikel erneut.

Lava Kosmetik wurde 1979 von dem Chemiker Matthias Kaufmann und der Betriebsökonomin Katja Kramer gegründet. Nachdem Lava mit einfachen, aber sehr wirkungsvollen Hautcremes aus Lavendel innerhalb kürzester Zeit großen Erfolg erzielte, erweiterte die Firma ihre Produktion und produzierte alle möglichen Kosmetikprodukte. Lava eröffnete Filialen in ganz Europa und wurde zu einem führenden Kosmetikhersteller.
Eine Krise Mitte der 90er-Jahre zwang die Firma jedoch zu massivem Stellenabbau, und eine Zeit lang sah es so aus, als wäre ein Konkurs unausweichlich.
Durch intensive Forschungsarbeit brachte Lava 1998 die Wundercreme Lava Sensation auf den Markt, eine Hautcreme aus Lavendelöl, die Falten, Narben, Orangenhaut und Hautprobleme verschiedenster Art, wie Neurodermitis oder Akne, schnell beseitigt. Die Entwicklung der sogenannten Zaubercreme rettete den Konzern und brachte ihn an die internationale Spitze.
Bei den diesjährigen Laetitia Moro Beauty Awards in der Schweiz wird Lava Kosmetik mit einem Ehrenpreis für die Wundercreme ausgezeichnet werden.

Florence legte die Zeitung weg und sah nach draußen. Außer ein paar Krähen, die stolz auf den kahlen Bäumen thronten, war an diesem tristen, nebligen Wintertag niemand im Park. Sie seufzte und fragte sich erneut, was sie tun sollte. Plötzlich überkam sie ein Schwindelgefühl, woraufhin sie das Fenster öffnete und sogleich die frische Luft auf ihrer Haut spürte. Sie schaute den aufgescheuchten Krähen nach, die sich mit schnellen Flügelschlägen in die Luft schwangen und im dicken Nebel verschwanden. Florence dachte nach. Wenn es sich wirklich so zugetragen hatte, wie sie vermutete, warum hatte Valerie dann nie mit ihr darüber gesprochen? Ob sie doch falsch lag mit ihrem Verdacht?
Sie schloss das Fenster und schaute sich in ihrem kleinen Zimmer um, bis ihr Blick an einem Foto hängen blieb, das ihre Tochter Valerie und deren Patenkind zeigte. Plötzlich wusste Florence, an wen sie sich wenden konnte und griff entschlossen zu Stift und Papier. Vielleicht war sie komplett verrückt geworden oder hatte einfach nur zu viele Krimis gelesen, aber sie musste der Sache auf den Grund gehen, es betraf schließlich Valeries Ermordung. Und die Lavendelsage.

Die Lavendelsage
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten der Lavendelbauer Bernard und seine Frau Claudette mit ihren Töchtern Ameline und Elenoire in einem kleinen Haus in der Provence. Bernard war kein reicher Mann, aber von der Ernte des Lavendels konnten er und seine Familie gut leben. Elenoire teilte die Leidenschaft ihres Vaters für den Lavendel und half ihm oft auf dem Feld. Doch viel mehr Freude als die Arbeit auf dem Feld bereitete ihr die Verarbeitung des Lavendels, wodurch ein kostbares Öl entstand. Dank ihrer Großmutter, die auch bei der Familie lebte, lernte Elenoire aus dem Lavendelöl heilende Balsame und Cremes herzustellen.
An einem schönen Tag im Sommer war Elenoire auf dem Weg zur Ernte. Sie liebte den Anblick der malvenblauen Felder, die sich in der hügeligen Landschaft erstreckten so weit das Auge reichte, und sie liebte auch den Duft, den der Lavendel verströmte. Heute war sie alleine unterwegs, da ihr Vater mit einer Lieferung Lavendelöl auf dem Weg in die Stadt war.
Elenoire begann jeden einzelnen Halm zu pflücken und die Blüten in einen großen Korb zu werfen. Gegen Mittag setzte sie sich unter einen Baum, um sich vor der Hitze zu schützen und aß Brot und Käse. Sie genoss die Stille, die an diesem Ort herrschte. Lediglich die Bienen, die durch den süßen Nektar des Lavendels angezogen wurden, gaben ein feines Summen von sich. Als Elenoire das Wiehern eines Pferdes vernahm, drehte sie sich erschrocken um und erblickte einen jungen Mann auf einem Schimmel.
»Tut mir leid, Mademoiselle, ich wollte Euch nicht erschrecken«, entschuldigte er sich.
Elenoire lächelte verlegen. »Das macht nichts.«
Der Mann schwang sich vom Pferd und band die Zügel um einen Ast.
»Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Gerome de Morell.«
»Vom Weingut de Morell? Dann seid Ihr der Sohn von Jacques de Morell?«
»Richtig.«
»Ich habe gehört, Ihr wart lange Zeit weg?«
»Ja, ich war in Bordeaux und erlernte dort ein sehr erfolgreiches Verfahren zur Bekämpfung der Rebläuse, das ich nun auch hier einführen werde.«
Elenoire nickte bewundernd. Seit geraumer Zeit wütete die Reblaus bereits in der Gegend und hatte schon ganze Weinberge vernichtet.
»Die Winzer haben es derzeit sehr schwer. Ich hoffe, Euer Verfahren wird erfolgreich sein.«
»Das hoffe ich auch. Aber lasst uns von Euch reden. Wie heißt Ihr, Mademoiselle?«
»Elenoire Marais. Meinem Vater gehört dieses Lavendelfeld, und ich helfe ihm bei der Ernte.«
»Dann seid Ihr die Tochter von Bernard Marais. Freut mich sehr, Eure Bekanntschaft zu machen.«
Elenoire schlug errötend die Augen nieder.
»Darf ich mich zu Euch setzen, Mademoiselle Marais?«, fragte Gerome.
»Ja ... sicher ...«, antwortete Elenoire erstaunt. Sie war es nicht gewohnt, dass Männer nett zu ihr waren, da die meisten wegen ihrer Pockennarben einen großen Bogen um sie machten. Gerome setzte sich und entnahm seinem Lederbeutel ein kleines Päckchen, welches er sorgfältig öffnete. Als er Elenoires neugierigen Blick bemerkte, erklärte er, dass es sich um eine Apfeltarte handle und bot Elenoire ein Stück an. Dankend nahm sie an, biss genüsslich in die Tarte und betrachtete Gerome verstohlen. Er besaß ein markantes Gesicht, dunkles Haar und schöne, braune Augen mit dichten Wimpern.
Nachdem die beiden den Kuchen gegessen hatten, nahm Gerome seine Tasche und erhob sich. »Ich muss weiter, mein Vater erwartet mich. Es hat mich sehr gefreut, Mademoiselle.«
Elenoire nickte enttäuscht, da sie insgeheim gehofft hatte, er würde noch bleiben. Gerome wollte sich bereits seinem Pferd zuwenden, als Elenoires Schwester Ameline unerwartet zu ihnen stieß. Elenoire bemerkte, wie Gerome sie sprachlos anstarrte. So erging es den meisten Männern, wenn sie Ameline das erste Mal sahen: Geblendet von ihrer Schönheit, fehlten ihnen von einem Moment auf den anderen die Worte.
»Hallo Elenoire, ich wollte dir bei der Ernte helfen«, säuselte Ameline mit ihrer Engelsstimme. Fragend schaute sie zu Gerome. »Wer seid Ihr?«
Gerome hatte die Sprache wiedergefunden. »Gerome de Morell. Und Ihr, Mademoiselle?«
»Ameline Marais, Elenoires Schwester.«
Einen Moment lang schwiegen alle, bis Gerome wieder das Wort ergriff und Ameline fasziniert ansah. »Ich muss jetzt wirklich los. Es würde mich aber durchaus freuen, Euch wiederzusehen.«
»Ja, das wäre schön.«
»Bis bald.« Gerome stieg auf sein Pferd und ritt winkend davon.
Elenoire packte ihre Sachen zusammen. Sie war wütend auf Ameline und fragte sich, warum sie ausgerechnet jetzt hatte auftauchen müssen. Ameline schloss die Augen und drehte sich um die eigene Achse. »Oh Elenoire, ist er nicht wunderbar? Ich glaube, ich bin verliebt!«
»Du kennst ihn ja gar nicht!« Verdrossen starrte Elenoire ihre Schwester an. Wie schön sie war, mit der makellosen Haut, den hellblauen Augen und dem langen, pechschwarzen Haar. Elenoires Haare waren ebenfalls lang und schwarz und auch sie besaß blaue Augen, doch durch die Pockennarben war ihr Gesicht verunstaltet.
Ameline lächelte zufrieden. »Ja, aber hast du nicht gehört, was er gesagt hat? Er möchte mich wiedersehen!«
Elenoire nahm ihren Erntekorb und lief Richtung Feld. Ameline schritt freudig summend neben ihr her, und Elenoire fühlte, wie der Zorn auf ihre Schwester wuchs.


Kapitel 2

Schönheitstipp bei trockenem Haar: »Olivenöl in die Längen des handtuchtrockenen Haares einmassieren. Ca. 30 Minuten einwirken lassen, danach gut ausspülen.«

Schweiz, 2012
Obwohl die Ampel bereits rot anzeigte, überquerte Lea den Fußgängerstreifen und erntete dafür ein wütendes Hupkonzert der Fahrzeuglenker.
»Hey, du dumme Tussi, bist du blind? Es ist rot! Rot wie deine Haare«, rief der Fahrer eines schwarzen Opels durch das geöffnete Fenster. Lea hörte nicht hin und lief auf ihren hochhackigen Stiefeletten schnell weiter in Richtung Bahnhofshalle. Nachdem sie sich erfolgreich einen Weg durch die Menschenmenge gebahnt hatte, kam sie erschöpft vor einer Anzeigetafel an, strich sich behutsam über ihren türkisfarbenen Mantel und kämmte mit den Fingern durch das Haar. Zu ihrem Leidwesen stellte sie fest, dass ihr Zug zehn Minuten Verspätung hatte, und so begab sie sich seufzend an einen Imbiss-Stand. Sie platzierte ihre Reisetasche und den Schminkkoffer auf dem Boden und warf einen Blick auf das Angebot. Gerade als sie ihre Bestellung aufgeben wollte, erklang ein laut schepperndes Geräusch hinter ihr. Sie drehte sich erschrocken um. Ein Typ mit riesigem Rucksack war über ihren Schminkkoffer gestolpert, wodurch sich die Hälfte des Inhalts auf dem Boden verteilt hatte und nun amüsierte Blicke der Passanten auf sich zog.
»Oh nein«, rief Lea, kniete nieder und griff rasch nach einem davonrollenden Lippenstift. Der Mann beugte sich zu ihr hinunter und entschuldigte sich für sein Missgeschick. Er habe eine lange Reise hinter sich und sei noch etwas müde, deshalb habe er ihren Koffer nicht gesehen. Lea musterte ihn aufmerksam. Er war nicht viel älter als sie, und obwohl er mit den zerzausten Haaren und dem Bart etwas ungepflegt wirkte, war er attraktiv und besaß ein nettes Lächeln.
Lea wollte gerade erwidern, dass er sich nicht zu entschuldigen brauche, da reichte er ihr die Puderdose ihrer Lieblingsmarke Lava Kosmetik und starrte sie mit kalten, grauen Augen an. »Hier«, sagte er schroff. Verwundert über den plötzlichen Stimmungswandel, nahm Lea die Dose zögernd entgegen und bedankte sich.
»Schon gut.« Der Typ erhob sich und griff nach seinem Rucksack. »Achten Sie aber beim nächsten Mal darauf, dass Sie Ihr Gepäck nicht einfach mitten im Bahnhof stehen lassen. Ach, und schließen Sie den Koffer richtig, dafür gibt es bekanntlich Schlösser.« Er lief davon, und Lea sah ihm verdutzt nach.

Als Lea wenig später ihr Heimatdorf erreichte, hatte sie den Vorfall längst vergessen und genoss den Anblick des direkt am See gelegenen Dorfes.
Während sie durch die vertrauten Gassen schlenderte, musste sie sich eingestehen, dass sie trotz der vielen Vorzüge des Stadtlebens diese ruhige, überschaubare Ortschaft manchmal etwas vermisste. Dass ihre Eltern schon bald von hier wegziehen würden, stimmte sie traurig, obwohl sie deren Beweggründe nachvollziehen konnte. Die beiden besaßen eine Ferienwohnung im Süden und hatten beschlossen, für immer dort zu leben. Da sie schon im Frühling umziehen würden, hatten sie bereits begonnen, den Dachboden auszumisten, und heute würden Lea und ihr Bruder dabei helfen.
Lea näherte sich dem Reihenhaus ihrer Eltern und sah in der Garageneinfahrt einen großen Container, der bereits recht gut gefüllt war mit Kartons und allerlei Trödel wie kaputten Lampen, Küchengeräten oder Bildern. Lea entdeckte ein selbstgemaltes Gemälde ihres Onkels, das einen orangefarbenen Hund zeigte. Endlich trauten sich ihre Eltern, dieses scheußliche Bild wegzuwerfen!
Plötzlich kam ihr Vater aus der Garage und warf einen uralten Fernseher in den Container.
»Hallo Papa, da habt ihr ja schon einiges geschafft.«
»Kann man wohl sagen. Seit sieben bin ich wach.« Er wischte sich mit einem Taschentuch über die verschwitzte Stirn und gab seiner Tochter einen Kuss auf die Wange.
»Was kann ich machen?«, fragte Lea.
»In deinem alten Zimmer stehen Kartons. Schau sie dir durch, und wirf alles weg, was du nicht mehr brauchst.«
In der Wohnung entdeckte Lea inmitten der Kartons und Abfallsäcke ihre Mutter und ihren Bruder, der ihr mit ernstem Gesicht mitteilte, dass sie leider zu spät käme.
»Warum zu spät?«
»Ich habe deine ganzen Sachen bereits entsorgt«, erklärte er und grinste breit über das ganze Gesicht.
Lea verdrehte die Augen. »Scherzkeks. Aber eigentlich wäre ich dir sogar dankbar gewesen, ich brauche das alte Zeug bestimmt nicht mehr.«
»Lea!«, rief ihre Mutter empört. »Vielleicht willst du noch etwas behalten? Es sind schließlich deine Kindheitserinnerungen.«
»Na gut, Mama. Ich schaue alles nochmals durch.«
Obwohl aus Leas altem Kinderzimmer inzwischen ein Büro und Gästezimmer geworden war, hingen noch ein paar Poster von Popstars an den Wänden, und auf einem Regal waren einige ihrer alten Plüschtiere versammelt. Lea musste bei ihrem Anblick lächeln. Seufzend wandte sie sich schließlich den Kartons zu und begann mit der Arbeit.
Nach einer Weile erschien ihr Bruder mit einem alten Fußball-WM-Maskottchen aus Plüsch in der Hand. »Hallo Lea, ich habe dich vermisst«, sagte er mit verstellter, hoher Stimme.
Lea griff nach dem Plüschhund. »Das alte Maskottchen! Das darfst du nicht wegwerfen!«
»Natürlich nicht. Bei ihm mache ich eine Ausnahme.« Er setzte sich neben Lea auf den Boden und blickte ernst in eine der Kisten. »Weit gekommen bist du nicht.«
»Ich weiß. Ist nicht leicht, sich von den Dingen zu trennen, wenn so viele Erinnerungen damit verbunden sind. Ich habe es mir einfacher vorgestellt.«
»Stimmt. Aber glaube mir, es ist befreiend.« Sein Blick fiel auf eine kleine Holzkiste, die wie eine Schatztruhe aussah. »Hey, ist das nicht die Truhe, die deine Patentante Valerie dir geschenkt hat?«
»Ja.«
»Als du sie damals bekommen hast, war ich richtig neidisch.«
Lea strich sanft über die Truhe. »Hast du gewusst, dass sie uralt ist? Sie hat schon Valeries Ururgroßmutter gehört.«
»Dann ist sie aber in einem guten Zustand.«
»Valeries Vater hatte sie restauriert. Das Schloss ist auch neu.«
»Warum hast du sie bisher noch nicht mitgenommen?«
Lea verzog ein wenig das Gesicht. »Die Erinnerungen an Valerie waren zu schmerzhaft.« Und da gab es noch einen weiteren Grund, aber sie verwarf den Gedanken daran schnell wieder.
Ihr Bruder nickte. »Verstehe. Schrecklich, was damals mit ihr geschah.«
Er hielt kurz inne, ehe er auf die Truhe zeigte. »Was hast du damit vor?«
»Ich werde sie mitnehmen.«

Als Lea wieder alleine war, betrachtete sie ehrfürchtig die Holztruhe. Sie hatte ihrem Bruder verschwiegen, dass die Truhe und deren Inhalt sie nicht nur an ihre geliebte Patentante Valerie, sondern auch an einen unschönen Teil ihrer Vergangenheit erinnerte, mit dem sie nicht konfrontiert werden wollte. Sie zögerte kurz, öffnete die Truhe und ihr Blick fiel gleich auf einen wunderschönen, verzierten Handspiegel aus Messing. Vorsichtig und mit pochendem Herzen hob sie ihn hoch, um ihr Gesicht zu betrachten. Wie sehr sie den Spiegel früher gehasst hatte! Sie legte ihn zur Seite und inspizierte die anderen Gegenstände. Eine alte Silberbrosche, ein antiker Kamm, Dinge die einst Valerie gehörten, aber auch persönlicher Kleinkram von Lea, der sich während ihrer Jugendzeit angesammelt hatte: Briefe, Kinotickets, Schülerzeitschriften und Souvenirs. Plötzlich entdeckte sie ein rotes Buch. Ihr Tagebuch. Zitternd griff sie danach und starrte es argwöhnisch an. Als sie es öffnete, sprang ihr der erste Eintrag aus dem Jahre 1997 ins Auge. Damals war sie 13 gewesen.

Januar, 1997
Liebes Tagebuch
Ich habe Dich von meiner Patentante Valerie zu Weihnachten erhalten und werde Dir von nun an meine Gedanken anvertrauen.
Heute war der totale Horrortag in der Schule! Im Kunstunterricht mussten wir ein Passfoto von uns nachbilden, und als Vorlage nahm ich das schöne Foto, das ich vor Kurzem in einem Foto-Automaten machte.
Das Bild war mir gut gelungen, und auch mein Lehrer lobte mich dafür. Damit jeder die Bilder betrachten konnte, hängten wir sie auf. Plötzlich sagte Dominik zu mir, dass ich etwas vergessen habe. Meine Pickel würden fehlen! Daraufhin begann die ganze Klasse zu lachen, sogar Oliver! Du weißt es noch gar nicht, liebes Tagebuch, aber ich bin verliebt in Oliver! Doch bestimmt findet er mich auch hässlich. Ich habe nicht bloß Pickel, sondern auch rote Haare und vorstehende Zähne. Warum sollte er mich also mögen?? Morgen gehe ich mit Mama wieder zur Hautärztin. Diese eine Creme hatte leider nichts gebracht. Gäbe es doch bloß ein Wundermittel!

Februar 1997
Liebes Tagebuch
Was für ein blöder Tag! Ich hasse die Schule!!!
Ich musste heute ein Gedicht aufsagen. Ich hatte so lange geübt, bis ich es perfekt auswendig konnte. Da ich nicht nervös war, meldete ich mich als Erste. Ich stand vor der Klasse, und während ich wartete, bis mein Lehrer bereit war, konnte ich sehen, wie ein paar Jungs Grimassen zogen und so taten, als hätten sie Hasenzähne. Mir wurde schlagartig bewusst, dass sie mich nachahmten! Klar, dass sie dafür von den Mitschülern Applaus erhielten. Als mein Lehrer um Ruhe bat und mir sagte, ich solle beginnen, verließ mich plötzlich der Mut, und ich war von einer Minute zur anderen schrecklich nervös. Ich versuchte die Mitschüler zu ignorieren, doch meine Unsicherheit siegte, und ich vergaß den Text! Egal was ich tat, ich konnte mich an nichts mehr erinnern, und so wies mich mein Lehrer mit der Bemerkung, ich solle das Gedicht das nächste Mal besser lernen, auf meinen Platz zurück. Oh Tagebuch, am liebsten wäre ich im Erdboden versunken!
Morgen bekomme ich übrigens eine Zahnspange. Ich nehme nun Antibiotika-Tabletten gegen die Pickel und hoffe sehr, dass sie bald verschwinden!

Am nächsten Morgen fühlte sich Lea wie gerädert, da sie das erste Mal seit Langem von ihrer Schulzeit geträumt hatte. Sie streckte sich, und ihr Blick fiel auf das Tagebuch auf ihrem Nachttisch. Sie hätte nicht für möglich gehalten, dass das Buch sie so durcheinanderbringen würde, da sie immer gedacht hatte, schon lange mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen zu haben.
Doch da war noch etwas anderes. Sie wurde von einem eigenartigen Gefühl beschlichen, das sie nicht in Worte fassen konnte. Sie ahnte bloß, dass es um mehr ging, als um ihre Vergangenheit.
Gähnend warf sie ihren Bademantel über und schlich ins Badezimmer. Es war erst acht Uhr, und erfahrungsgemäß würden ihre Eltern und ihr Bruder an Sonntagen nicht vor neun aufstehen. So hatte sie genug Zeit für ihr Morgenritual. Nach einer ausgiebigen Dusche überprüfte sie kritisch ihr Gesicht im Spiegel und griff nach einem violetten Tiegel mit der Aufschrift Lava Sensation.
»Meine Wundercreme«, murmelte sie grinsend, entnahm etwas Creme und verteilte sie auf dem Gesicht. Erneut betrachtete sie ihre makellose, blasse Haut. Obwohl sie inzwischen mit ihrem Aussehen zufrieden war und dank Lava Sensation keine Pickel mehr hatte, empfand sie ihr ungeschminktes Gesicht als farblos, und die wenigen Sommersprossen störten sie. Sie öffnete ihren Schminkkoffer und begann großzügig Creme-Make-up aufzutragen, darüber stäubte sie ordentlich Puder und betonte ihre Wangen mit Rouge. Anschließend trug sie Lidschatten, Lidstrich und Wimperntusche auf, zuletzt folgte ein dunkelroter Lippenstift. Wieder betrachtete sie ihr Spiegelbild und war zufrieden.

Nach einem weiteren Tag, den sie mit Ausmisten verbrachte, ließ sich Lea am Abend erschöpft auf die Couch fallen und musterte leidvoll ihre lackierten Fingernägel, die durch die Arbeit gelitten hatten. »Schrecklich!«
Ihre Mutter sah sie fragend an. »Was ist schrecklich?«
»Meine Fingernägel!«
»Du übertreibst.« Sie setzte sich neben Lea. »Hör zu, Lea. Wegen dem ganzen Räumungstrubel hätte ich beinahe vergessen, dir den hier zu geben.« Sie überreichte ihr einen Brief. »Er ist an dich adressiert, dem Absender nach von Florence Perrin. Sie kennt wohl deine Adresse in der Stadt nicht, deshalb kam der Brief hierher.«
»Von Florence?«, fragte Lea überrascht. Florence war Valeries Mutter.
»Ich habe seit einer Ewigkeit nichts mehr von ihr gehört.«
»Ich auch nicht. Vor neun Jahren sah ich sie das letzte Mal.«
»An Valeries Beerdigung«, bemerkte Lea betrübt.
Ihre Mutter nickte, zwischen ihren Augenbrauen hatte sich eine tiefe Falte gebildet.
Valeries Tod war schrecklich gewesen, denn sie wurde ermordet in einem Hotelzimmer in der Stadt aufgefunden, und man hatte den Mord bis heute nicht aufklären können. Wenige Stunden vor ihrem Tod hatte sie Leas Mutter angerufen und gefragt, ob sie vorbeikommen könne. Doch Leas Eltern hatten an jenem Abend Besuch erwartet und vertrösteten Valerie auf den darauffolgenden Tag. Doch da war Valerie bereits tot.
Lea wusste, dass ihre Mutter auch nach all den Jahren immer noch von Schuldgefühlen geplagt wurde und sich fragte, ob Valerie womöglich noch am Leben wäre, wenn sie ihr damals nicht abgesagt hätte.
»Ich vermisse Valerie«, sagte ihre Mutter plötzlich, und Lea nahm sie in die Arme.
»Ich auch. Sie war die beste Patentante der Welt.«
»Und meine beste Freundin«, fügte ihre Mutter hinzu.
Vor vielen Jahren hatten sich Leas Mutter und Valerie über ihre Männer kennengelernt und sich auf Anhieb gut verstanden. Obwohl Leas Eltern in einer anderen Stadt gelebt hatten, traf sich ihre Mutter häufig mit Valerie, und als Lea zur Welt kam, war es selbstverständlich, dass Valerie ihre Patentante wurde. Valerie, die selbst keine Kinder bekommen konnte, nahm sich diese Aufgabe sehr zu Herzen und unternahm, trotz ihres stressigen Berufs als Journalistin, so viel wie möglich mit Lea. Unter anderem hatten sie Valeries Mutter Florence oft in der Provence besucht. Lea musste plötzlich lächeln.
»Was ist?«, fragte ihre Mutter.
»Ich musste nur gerade daran denken, wie sehr ich mich als kleines Mädchen immer darauf gefreut habe, zu Florence zu fahren. In dem kleinen, abgelegenen Dörfchen war es so wunderschön, und in Florences Laden gab es unglaublich viel zu entdecken!«
Ihre Mutter zeigte auf den Brief. »Was sie dir wohl schreibt?«
Lea begann zu lesen. »Auf Französisch.« Die Sprache konnte sie inzwischen nahezu perfekt, nicht nur wegen des Französischunterrichts an der Schule und eines dreimonatigen Sprachkurses in der Bretagne, sondern auch, weil sie mit einem Franzosen zusammen gewesen war. Sie las die mit zittriger Schrift geschriebenen Zeilen und runzelte die Stirn. »Sie will mir etwas Wichtiges sagen, möchte es mir jedoch persönlich mitteilen und bittet mich deshalb, sie zu besuchen.«
»In der Provence?«
»Ja, sie lebt in einer Altersresidenz in Avignon.« Lea las den Brief zu Ende und blickte ihre Mutter daraufhin schockiert an.
»Was ist los?«
Sie faltete den Brief zusammen. »Sie schreibt, dass es um Valeries Ermordung geht.«

 

 



Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren