Retro 2032 - Sie vergaßen das Gestern

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Klappentext

Europa ist zerfallen. Doch das Schicksal führt eine Handvoll Menschen aus Europa und Afrika zusammen. Sie kämpfen für eine menschenwürdige Gesellschaft. Doch die unselige Allianz aus multinationalen Konzernen und Faschisten stellt sich ihnen in den Weg. Mit subtilen wie auch brutalen Mitteln wird jegliche Opposition ausradiert. Welche Chancen bleiben noch, etwas zu verändern?



Inhaltsangabe

Das politische Europa hat sich aufgelöst, der Norden hat sich vom Süden und Osten abgespalten. Sämtliche Grenzen werden streng bewacht. Flüchtlingsströme sind zum Erliegen gekommen. Die Politik folgt den Interessen der globalen Wirtschaft, angeführt von wenigen multinational agierenden Konzernen. Diverse Freihandelsabkommen haben Europa mit Gentechnik überschwemmt und Sozialstandards pulverisiert.

 

Faschisten der nächsten Generation verstecken sich hinter Maßanzügen und jovialen Masken. Sie regieren die Welt, spalten die Gesellschaft in eine kleine, wohlhabende Oberschicht und eine völlig verarmte Mehrheit ohne jegliche Perspektiven.

 

Zwei Frauen aus Köln werden in einem geheimen Labor zu gentechnischen Experimenten missbraucht. Sie planen ihre Flucht. Eine Familie aus dem gescheiterten Portugal und eine deutsch-amerikanische Enthüllungsjournalistin treffen in Brasilien zufällig aufeinander. Im Darknet finden sich all diese Menschen und Gründen GeneLeaks, eine Gruppe von Oppositionellen mit klaren Zielen. Auf abenteuerliche Weise gelingt ihnen die Reise nach Deutschland. In einem sicheren Versteck planen sie ihre Aktionen, unterstützt von Wissenschaftlern und abtrünnigen Handlangern der faschistoiden Klasse. Gemeinsam kämpfen sie gegen die Machenschaften der multinationalen Konzerne, doch diese wissen sich zu wehren.

 

GeneLeaks wächst, doch es droht ihnen immer wieder die Zerschlagung. Private Geheimdienste und Mordkommandos kommen ihnen sehr nah.

 


Band 1 der Trilogie



Leseprobe



Kapitel 1

Eifel nahe Hellenthal - November 2014

Almuth

 

Almuth trug noch immer ein Lächeln im Gesicht, als sie ihren silbergrauen Golf III durch die nächtliche Eifel steuerte. Die winterlichen Minusgrade ließen die Landschaft mehr und mehr erstarren. Doch es hatte noch nicht geschneit.

Dieser lustige Typ hatte sie nach langer Zeit mal wieder zum Lachen gebracht. Ob er wirklich Mark hieß? Sie zweifelte daran. War wohl eher eine Art Künstlername, mit dem er sie beeindrucken wollte, Mark Cavendish, Performancekünstler und Sänger. Sie kannte eine Bananensorte, die so hieß, ach ja, und dann gab es früher auch eine Tabaksorte dieses Namens, jedenfalls erinnerte sie sich, dass ihr Großvater irgend so was in seine Pfeife gestopft hatte.

Mark hätte sie sehr gerne abgeschleppt, doch sie war nicht für One-Night-Stands zu haben. Auf dieser Party in Nideggen, bei ihrer alten Freundin Susanne, waren mal wieder nur abgefahrene Typen gewesen.

Typisch Susanne und den Schärfsten von allen behielt sie dann gleich für die Nacht, dachte sie und musste schmunzeln.

Komisch, dass sie selbst für Sex und andere Vergnügungen keinen Kopf mehr hatte. Irgendwie hatten sich ihre Prioritäten verschoben.

Im Autoradio lief 1Live Klubbing. Sie liebte diese Sendung mit abgefahrenen Themen und Musik jenseits des Mainstream. Am meisten aber liebte sie die Stimme von Mike Litt, dem Moderator. Er erinnerte sie an jemanden, aber sie konnte einfach nicht herausfinden, an wen. Depeche Mode brachten die altersschwachen Türlautsprecher zum Klirren. Gedanken an Pierre schlichen sich ein und sorgten schlagartig für Schwermut.

Eher beiläufig nahm sie die langsam fallenden, glitzernden Eiskristalle wahr, die die Luft draußen füllten. Die Reflektoren ihrer Scheinwerfer waren rostig, verbreiteten nur noch ärmliches Licht. Damit würde sie nicht mehr durch den TÜV kommen. Winterreifen wären wohl auch angebracht gewesen, aber die Anschaffung hätte nicht mehr gelohnt. Ein neues Auto stand an, wieder ein Golf, vielleicht sogar dieser schnittige GTI, aber dann in Rot. Sie hatte sich noch nicht entschieden.

Mark Cavendish, ja, er war attraktiv, er war witzig, aber auch klug und wusste seine Worte wohl zu setzen. Dennoch hätte er sie sicher nur ausgenutzt und dann wieder durch eine andere ersetzt, wenn es ihm mit ihr langweilig geworden war. Man musste ja nicht gleich jeden Fehler zweimal machen, dachte sie und verfluchte die Scheibenwischer, die auch langsam den Geist aufgaben.

Pierre hatte damals, vor über fünf Jahren, ihr Herz gebrochen. Er hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht, sie wollten Kinder, ein Reihenhaus, also eine ganz normale Familie gründen, doch dann kam alles ganz anders. Ja, wirklich alles kam anders, in Form der achtzehnjährigen Yvette. Yvette war selbstverständlich blond und liebte pinkfarbenen Lippenstift. Sie verdrehte dem dreiundvierzigjährigen Pierre den Kopf, wusste ihn geschickt auszunehmen, denn Pierre verdiente gut. Er war nicht Manns genug gewesen, eine klare Entscheidung zu treffen. Lieber fuhr er zweigleisig, fast zwei Jahre lang. Yvette konnte wohl gut blasen und war eine der Frauen, die mit ihren Blicken bei Männern ein Kopfkino in Gang setzten. Jedenfalls war das Pierres ärmliche Entschuldigung, als sie ihn schließlich eher zufällig erwischt hatte.

Die schwammig leichte Lenkung des Golf III drängte sich in ihre Aufmerksamkeit. Minusgrade hatten die Straße in eine Rutschbahn verwandelt. Sie ging vom Gas.

Vielleicht hätte sie sich doch diesem Mark hingeben sollen, was war schon dabei? Das Lächeln auf ihrem Gesicht wich dem Ärger über sich selbst.

Einfach nur Sex, das kann doch nicht so schwer sein, dachte sie, früher konnte ich das doch auch. Andererseits, Sex und Liebe konnte sie einfach nicht trennen, ganz entgegen dem Zeitgeist.

40 km bis Köln, dann würde sie ihr Appartement aufschließen, die Katze begrüßen, den Fernseher einschalten, ohne das Programm zu verfolgen, noch ein Glas Rotwein trinken, um dann alleine in ihr großes Doppelbett mit der bordeauxroten Seidenbettwäsche zu plumpsen. Sie liebte es, sich einfach aufs Bett fallen zu lassen. Pierre hatte sie dann immer aufgefangen, auf den Rücken gedreht und war leidenschaftlich über sie hergefallen.

Pah … gespielte Leidenschaft eines Schwächlings ohne Rückgrat, dachte sie. Der Dolch der Erniedrigung bohrte sich wieder in ihr Herz und nahm ihr einmal mehr alle Kraft zu lieben und Gefühle zuzulassen.

Ja, es war die richtige Entscheidung gewesen, sich nicht auf Mark einzulassen. Sie brauchte keine weiteren Narben auf ihrer Seele. Früher hatte sie jegliche Einsamkeit gehasst. Das pulsierende Leben, Party machen, ein paar Joints, Jungs an der Nase herumführen und doch nicht ranlassen, das hatte ihr Spaß gemacht. Aber das alles war in einem anderen Leben gewesen.

Der Schlag kam unvermittelt und hart, zu hart.

Tausend kleine Stiche malträtierten ihre linke Gesichtshälfte. Die Haut fühlte sich eiskalt an, doch im selben Augenblick spürte sie, wie etwas Warmes über ihr Gesicht lief.

Alles drehte sich.

Sie verlor die Orientierung.

Das Geräusch von berstendem Glas vermischte sich mit einem dumpfen Poltern. Erde spritzte ihr ins Gesicht. Ihr Kopf wurde von links nach rechts und wieder zurück geschleudert. Dann der Schlag auf die Schädeldecke, alles wurde dunkel.

Im Radio sagte Mike Litt den nächsten Titel an: „C2C, Down the Road“. Dann kehrte Stille ein. Ihr Kopf fühlte sich seltsam leicht an, bevor das totale Nichts von ihr Besitz ergriff.

 

 

 

 

„Ich fürchte, Jonas, sie wird nicht mehr zu sich kommen.“

„Was Sie fürchten oder nicht fürchten, ist mir egal, sorgen Sie dafür, dass sie es schafft, egal wie!“ Jonas war wütend. „Sie haben hier die modernste Ausstattung, die besten Geräte, hervorragend ausgebildete Assistenten und wollen mir erzählen, Sie könnten diese Frau nicht wieder ins Leben zurückholen?“

„Sie lebt ja, aber sie will aus ihrem Koma nicht erwachen“, rechtfertigte sich Dr. Frenken, „es ist immerhin ein Koma vierten Grades.“ Schweißperlen zeigten sich auf seinem Nasenrücken.

„Von mir aus kann es auch zwölften Grades sein. Sie werden dafür bezahlt, Unmögliches möglich zu machen“, schimpfte Jonas lautstark und verließ Tür knallend die Intensivstation.

 

Worte von Männern, die sie nicht sehen konnte, hämmerten auf Almuths Kopf wie ein Schmiedehammer ein, der wieder und wieder auf den Amboss niedersaust. Der scheppernde Knall einer zugeschlagenen Tür löste ein Beben in ihr aus.

Sie fürchtete, dass ihr Kopf jede Sekunde platzen würde. Die Schmerzen waren unerträglich. Die tiefschwarze Nacht hatte sich bleiern auf sie gelegt. Die Dunkelheit erdrückte sie. Offenbar wollte das undurchdringliche Schwarz nun auch noch den letzten Funken Leben in ihr ersticken.

Eigentlich musste sie nur die Augen öffnen, um ein wenig Licht in ihre dunkle Kammer zu lassen, doch ihre Augen schienen zugenäht zu sein. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte ihre Lider nicht einen Millimeter bewegen. Überhaupt, ja, jetzt fiel es ihr auf, nichts an ihrem Körper konnte sie bewegen. Sie erforschte ihre Gliedmaßen. Arme und Hände, Beine und Füße, alles schien da zu sein, wo es hingehörte und dennoch, alles war wie gelähmt. Gelähmt!!! Panik stieg in ihr auf. Wieso war sie gelähmt? Wo war sie? Warum lief das Radio nicht mehr? Wo war Mark? Oder hieß er nicht Mike?

Welches Radio überhaupt, dachte sie plötzlich. Und wer war Mike Litt?

Immer und immer wieder schallte es in ihrem Kopf: Mike Litt … Mike Litt … Doch sie konnte sich nicht erinnern, wer dieser Mike war.

Sie wollte ihre Panik hinausschreien, doch es gelang ihr nicht. Nicht einmal den Mund konnte sie öffnen, obwohl sie ihre Lippen deutlich spürte. Sie wusste nur eines ganz genau, sie war nicht tot. Tote spürten keine Schmerzen, das war klar. Statt tot zu sein, sich leicht zu fühlen, eine Art Erlösung zu verspüren, wurde ihr ganzer Körper von bohrenden Schmerzen gemartert. Also lebte sie, wenn auch in totaler Dunkelheit.

Eine Tür fiel erneut scheppernd ins Schloss. Sie war alleine, auch das konnte sie spüren. Ein aufdringlicher, kurzer, aber immer wiederkehrender Piepton bohrte sich schmerzhaft in ihren Kopf. Mein Handy, dachte sie und wollte sofort nach ihrer Handtasche greifen, um es herauszukramen. Doch nichts an ihrem Körper gehorchte ihr. Die Starre war allgegenwärtig.

Panik erfasste sie. Sie hatte das Gefühl, am ganzen Leib zu zittern, doch sie lag nur da, regungslos, kein Zittern, kein Zucken.

Tränen der Verzweiflung stiegen in ihr auf, doch sie erreichten ihr Ziel nicht. Nicht einmal weinen konnte sie.

Noch immer nervte dieser Piepton. Sie nahm all ihre Kräfte zusammen, um wenigstens die Augen für eine Sekunde öffnen zu können. Ein wenig Licht sollte diese absolute Dunkelheit vertreiben, ihr die Panik nehmen, ihr zeigen, dass sie wirklich noch lebte und nicht etwa in dieser Leere zwischen Leben und Tod gestrandet war.

Sie schaffte es nicht.

 

 

„Na, Peterson, ich habe gehört, Sie waren erfolgreich?“ Professor Hellstein sah Jonas über den Rand seiner Lesebrille herausfordernd an und erhob sich von seinem Schreibtisch.

„Nun, Professor, das ist einerseits wahr und andererseits auch wieder nicht.“ Jonas versuchte, seine Unsicherheit zu verbergen, indem er sich wie selbstverständlich an diesen, den ganzen Raum dominierenden, Besprechungstisch setzte. Hellstein hielt große Stücke auf ihn. Jetzt einen Fehlschlag zugeben zu müssen, hätte vor allem seinen Widersachern und Neidern im Projekt großen Spaß bereitet.

„Na, dann rücken Sie schon raus mit der Sprache. Was ist schiefgelaufen?“, fragte Hellstein in väterlichem Ton und zog sich die stets etwas zu locker sitzende, dunkelbraune Cordhose hoch.

„Genau genommen ist gar nichts schiefgelaufen, weil ich gar nichts geplant hatte. Ich hab sie nachts aus ihrem Wagen gezogen, der gegen einen Baum geprallt und dann eine Böschung runtergerollt war. Ich kam zufällig vorbei, mein Handyakku war leer. Ihr Handy fand ich nicht, also brachte ich sie hierher, denn ich wollte sie nicht einfach sterben lassen.“

„Jonas, der Menschenfreund.“ Hellstein lächelte gutmütig. „Aber das mag ich so an Ihnen, ein wenig Menschlichkeit schadet unserer Arbeit sicher nicht.“ Hellstein sah Jonas nachdenklich an und gleichzeitig durch ihn hindurch. „Wäre die Menschheit wirklich menschlich, dann bräuchte es das alles hier gar nicht. Wir würden in Frieden auf der Terrasse unseres Reihenhauses sitzen, mit den Kindern spielen, dem Hund das Stöckchen werfen und wären einfach zufrieden.“ Wehmut und Traurigkeit lagen in der rauen Stimme des Professors.

„Sicher … ja, sicher, Herr Professor, so würde es wohl sein.“

„Aber nun berichten Sie mir alle Details, Jonas.“

„Okay, sie heißt Almuth Werker, ist 34 Jahre alt, ledig und wahrscheinlich auch Single. Die Eltern sind bereits vor acht Jahren unter unklaren Umständen verstorben. Sie arbeitet als technische Zeichnerin in einem großen Kölner Ingenieurbüro. Einen sehr engen Freundeskreis scheint sie nicht zu haben“, referierte Jonas in sachlichem Ton.

„Und wieso wird man sie nicht vermissen?“

„Nun, meine beiden Assistenten haben eine passende Leiche aus unserer Anatomie in das Fahrzeugwrack verbracht und dann das Ganze angezündet. Es sah aus, wie ein ganz normaler Unfall auf Glatteis, bei dem das Fahrzeug in Brand geraten ist“, erklärte Jonas.

„Gut eingefädelt. Bleibt nur die Frage, ob sich der Aufwand auch gelohnt hat.“ Hellstein zog die rechte Augenbraue hoch und sah Jonas scharf aus seinen braunen Augen an.

„Doch, doch, das hat er … Steve hat bereits den Polizeicomputer gehackt und da ist das Ganze als Unfall protokolliert. Es wird nicht weiter verfolgt“, beschwichtigte Jonas.

„So meinte ich das aber nicht. Mich interessiert, ob sie geeignet ist.“ Hellsteins Stimme verdunkelte sich. Der väterlich weiche Ton wechselte schlagartig in eine herzlose Kälte. Die Augen des argwöhnischen, allmächtigen Chefs funkelten misstrauisch.

„Ich denke schon. Es hängt nur davon ab, ob sie wieder aus dem Koma erwacht. Dr. Frenken hat die üblichen Eingangsuntersuchungen durchgeführt und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sie all Ihren Anforderungen genügt.“

„Und die Verletzungen?“ Hellstein war noch nie ein Mensch gewesen, den man leicht überzeugen konnte.

„Sind zwar schwer, werden aber keine bleibenden Schäden hinterlassen. Gebrochene Rippen, ein gebrochener Arm, zwei gebrochene Mittelfußknochen und halt das Schädelhirntrauma.“

„Na, Sie machen mir Spaß, Peterson. Wollen Sie die Hand dafür ins Feuer legen, dass es keine bleibenden Schäden geben wird, die es letztlich unmöglich machen, sie einzusetzen?“ Hellsteins Stimmung kippte nun gänzlich. Er wurde laut. „Wir verlieren unnötig Zeit, denn sie wird Monate brauchen, bis sie wieder völlig gesund ist, wenn sie denn wieder völlig gesund wird, was Sie ja nur vermuten, aber nicht wissen.“

„Doch Professor, ich weiß es und ich stehe dafür gerade. Ich habe sie hierher gebracht und ich werde auch dafür sorgen, dass sie ihren Zweck erfüllt.“

„Na gut, ich muss Ihre Beweggründe ja nicht verstehen und auch nicht, warum Sie sich offenbar verrannt haben. Wenn es schief geht, kostet es Sie den Kopf!“

Grußlos drehte sich der Professor wieder zu seinem Schreibtisch. Das war die Aufforderung für Jonas, zu gehen. Er nickte kurz, drehte sich um und verließ das Arbeitszimmer mit einem sehr mulmigen Gefühl im Magen.

 

 

Almuth hatte jedes Zeitgefühl verloren. Sie nahm alles wahr, was um sie herum geschah. Ja, sie lernte sogar, die Stimmen einzelnen Namen zuzuordnen, verfolgte die Gespräche zwischen den verschiedenen Menschen, die sich immer wieder an ihrem Körper zu schaffen machten, lernte die unterschiedlichen Geräusche zu interpretieren und sich ein Bild davon zu machen, wie es da draußen wohl aussehen mochte.

Sie hatte das Gefühl, lebendig begraben zu sein. Obwohl hellwach, war sie doch von absoluter Dunkelheit umgeben und in einem Körper gefangen, der sich wie ein eisernes Ganzkörperkorsett um sie gelegt hatte. Keine Bewegung war möglich. Dennoch nahm sie jede menschliche Berührung ganz genau wahr. Sie spürte, wenn man sie wusch, umbettete, eincremte und Schläuche in ihrem Mund und der Nase wechselte. Dennoch hatte sie keine Idee, wo sie war, und sie konnte sich auch nicht erinnern, was sie an diesen seltsamen Ort geführt hatte. Obwohl sie klar denken konnte, war ihr Kopf irgendwie leer. Ein allumfassendes Nichts hatte sich seiner bemächtigt. Sie wusste sehr genau, dass es noch irgendetwas geben musste, außer wahrzunehmen, was um sie herum geschah. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, sie fand nicht heraus, was dieses Etwas war, das sie so schmerzlich vermisste.

Dieser Jonas hat eine angenehme Stimme, dachte sie. Er kam oft in ihr Zimmer, fragte einen Mann, der sich Doktor nannte, nach Fortschritten, und gab einer Frau, die man Schwester nannte, die Anordnung, ihn sofort zu rufen, wenn eine andere, die er Almuth nannte, aufwachen würde.

Jonas‘ Stimme gefiel ihr. Sie klang klar, männlich forsch und befehlsgewohnt. Doch es schwang auch etwas Weiches in ihr. Irgendetwas schien ihn zu bewegen, wenn es um diese Almuth ging. Sie war ihm wohl sehr wichtig. Doch wo diese Frau war, konnte sie nicht ausmachen.

 

 

 



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