Verbrannte Freundschaft

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Es ist noch sehr früh am Morgen, die Luft angenehm kühl, wie gereinigt von der Erinnerung an die Gluthitze des Vortages. Eine der kostbaren Stunden, in denen alles wie erneuert scheint, so als wäre die Erde eben erst zum Leben erwacht. Ein leichter Wind lässt orangefarbene Sonnenflecken auf dem Waldboden tanzen wie kleine Flammen.

In das Gezwitscher der Vögel mischt sich ein rhythmisches Klacken. Ein älteres Paar wandert über den Waldweg, die Schritte synchronisiert im Takt ihrer Teleskopstöcke. Klack-klack, klack-klack, klack-klack … Die beiden reden nicht viel. Jeder wandert in sich gekehrt im Einklang mit der erwachenden Natur, zügig, ohne erkennbare Eile und Anstrengung.

 Plötzlich verlangsamt die Frau ihre Schritte, stutzt, bleibt stehen. Die Harmonie ist gestört. Der Mann hält ebenfalls an.

„Was ist?“

„Pst, hörst du nicht?“

Er lauscht, schüttelt den Kopf. Die Vögel zwitschern. Es knackt im Unterholz. Sonst hört er nichts.

„Pst!“ Sie legt den Finger auf die Lippen.

Jetzt hört er es auch. Es klingt wie ein entferntes Schluchzen. In die kleine Stille, die folgt, schrillt eine Frauenstimme.

„Mörder!“

Die Wanderer sind zusammengezuckt wie unter einem Schuss. Entsetzt schauen sie sich an.

„Was war das?“, wispert die Frau.

Der Mann springt über den kleinen Graben zur Linken und pirscht sich durch das Unterholz. Die Frau folgt ihm vorsichtig.

Wieder hören sie die weibliche Stimme. Sie schluchzt auf. Dann wieder Stille. Die beiden gehen nur, wenn die Stimme ihre Schritte übertönt. Schon sehen sie den See tiefblau durch die Bäume schimmern. Sie müssen nahe am Ufer sein. Dann sehen sie auch die Frau. Sie steht kaum zehn Meter von ihnen entfernt an einem Baumstamm, nackt und nass, mit dem Rücken zu ihnen.

„Mörder!“, schreit sie wieder und umfasst den Stamm, als wollte sie ihn schütteln. „Ich bring dich um! Ich bring euern ganzen … verdammten … Wald um!“

„Eine Irre“, flüstert die Frau entsetzt.

Der Mann deutet stumm auf den Hügel am gegenüberliegenden Ufer. Er ist in dichten, dunklen Rauch gehüllt. Die Frau greift nach ihrem Handy.

„Ich ruf mal lieber die Polizei …“

Judith Sixel, Verbrannte Freundschaft. Roman, ISBN 978-3-7450-3752-4, 372 Seiten, 12,99 €

 



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