Karlsruhe in den Jahren 1945 - 1954 Wiederaufbau und Neubeginn einer Stadt im Nachkrieg

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Karlsruhe

in den Jahren



1945 – 1954

Wiederaufbau und Neubeginn

einer Stadt im Nachkrieg




Erinnerungen, Berichte, Dokumente, Bilder und Gedanken

zur Stadtgeschichte für die Zeitgenossen und für die

kommenden Karlsruher gesammelt und dargestellt von



Adolf von Grolman

Dr. jur. Dr. phil.



Karlsruhe

1955



Bearbeitet und herausgegeben von



Dirk von Grolman

29.10.2016

Respekts-Seite für die 2 Motto des Buches



„Leicht entsage ich der Genugtuung, in

der Sammlung des weitzerstreuten Stoffs

keiner Unvollständigkeit überführt zu

werden. Was ich für mich in Anspruch

nehme, ist die Erkenntnis des inneren

Zusammenhangs einer Mehrzahl in ihrer

Isoliertheit unverständlicher Erscheinungen“.



Bachofen, griechische Reise, S. 33.



Sei rein! und da du es noch nicht bist,

immer noch innen und außen anläufst, so

murre gegen kein ausbleibendes Glück, keine

zögernde Kraft, - sondern sei froh, dass

das Gute noch nicht kommt, ehe die Räume

tadellos sind, es aufzunehmen. „Reinwerden“

das ist alles! Das ist auch „reif werden“



Emil Gött, Tagebücher v. 10.11.1900.





Vorwort

Keine „Chronik“ sondern eine „Geschichte“ der Stadt Karlsruhe zwischen 1945 – 1955 ist dieses Buch. Wo Menschen leben, wirken und urteilen, sind sie gehemmt durch das Nichtwissen voneinander. Dieses Buch unternimmt es, mitten im Widerstreit der Meinungen der Zeitgenossen in großer Ruhe und nicht ohne eine gewisse, dann und wann abkürzende Bewegungsfreiheit einem jeden Leser, der sich zum Lesen Zeit nimmt, Nachdenkliches zu bieten. Nicht alles, was zum Nachdenken bestimmt ist, kann und wird mit der privaten Meinung eines Lesers übereinstimmen können. Wäre das aber der Fall, so wäre der geistige Tod aller schon eingetreten. . . . vielmehr messen sich Meinungen aneinander und sind sich bewusst: wüssten die Menschen mehr voneinander, so würden sie sich besser kennen und weniger verkennen: deshalb hat dieses Buch die Entschlossenheit und den Mut, die Karlsruher seit 1945 einander etwas bekannter zu machen, und zwar nicht in Anekdoten, sondern in Tatsachen, wie sie der Nachkrieg und der Wiederaufbau reichlich vor uns ausbreiteten. Diese Tatsachen auszuwählen, sie ohne Voreingenommenheit darzustellen und daraus nüchterne, nicht einem jeden gerade schmeichelnde Forderungen daraus zu ziehen: das ist die Aufgabe dieses Buches.





Der Leser nehme sich dazu Zeit; es lohnt sich, diese Zeit ist nicht verloren. Er der Leser, bringe die gleiche Geduld auf, welche der Verfasser dieses Buches aufbringen musste, um sich durch das Gestrüpp von Meinungen, Irrtümern, Versuchen und menschlichen Schwächen hindurchzuarbeiten, bis das alles gebändigt dalag und alsdann eine Darstellung von hoher Warte bekommen konnte.

Die Stadt Karlsruhe hat 1945 erst zögernd, und dann mit fester und männlicher Entschlossenheit einen ganz bestimmten Weg zu gehen unternommen. Sie fragte dabei weder nach Vorbildern anderer Städte, noch scheute sie voreilige, d. h. sinn- und wertlose „Kritik“, (welche gar keine ist). Auch diese Stadtgeschichte 1945 – 1955 geht in voller Bewusstheit historisch und sachlich ihren eigenen Weg. In nichts, aber auch in gar nichts, war ihr Verfasser gebunden. Kein Wort kam an ihn, dies oder das vielleicht so oder anders darzustellen. Seine verantwortliche Selbständigkeit wurde absolut, nicht etwa nur relativ geachtet und niemals gestört. Das ist der schönste Ehrentitel, den der Verfasser bekam: das man ihm vertraute, die Dinge, wie es in der Eidesformel heißt, nach bestem Wissen und Gewissen, und zwar vollständig, zu prüfen und auszusagen. Die benützten Quellen sind jeweils an Ort und Stelle angegeben.

Sämtliche Dienststellen der Stadt haben dem Verfasser mit größter Freundlichkeit und Unermüdlichkeit mit Akten und mündlichen Auskünften geholfen, eine Reihe von Privatpersonen hat mit ausführlichen „Erinnerungen“ wertvolle Beiträge geleistet; es war oft fast zu viel ‚Material‘ vorhanden. Allen diesen Personen und Ämtern, insbesondere dem Herrn Oberbürgermeister Klotz und dem Beigeordneten Dr. Gurk, aber auch allen anderen Damen und Herren sagt der Verfasser, dass er ohne diese liebevolle Hilfe niemals das Buch hätte schreiben können und dankt diesen Personen und Ämtern an dieser Stelle sehr herzlich.



Karlsruhe 13. Mai 1955 Dr. Dr. Adolf von Grolman



Erstes Buch: Eingang

1. Kapitel

Es sind die Jahre 1945 – 1954, welche im folgenden Buche erörtert und dargestellt werden sollen, die 9 Jahre also nach dem Waffenstillstand, der bis heute noch nicht in einem ‚Frieden‘ übergegangen ist, . . . Jahre also, lange schmerzliche, bewegliche, arbeitsreiche, und sie sollen dargestellt werden, insoweit sie die Stadt Karlsruhe am Rhein anlangen und ihre Bewohner. Oder – anders gesehen -, es ist die Stadt Karlsruhe und ihr Wesen in jenen Jahren 1945 – 1954, welches deshalb einigermaßen im Umriss geschildert wird, damit Vieles, was sich ereignete in der schnelllebigen Zeit nicht ganz und womöglich zu Unrecht vergessen sei.

      An sich genommen, ist das eine ‚harmlose‘ Angelegenheit. Aber viel „Harm“ bringen sie hinein, in dieser Darstellung, drei Worte des Titels, inhaltsschwer, die der besseren Sicht und Einsicht halber hier im Drucke deutlich sichtbar sein sollen:



Wieder – Aufbau

Neu – Beginn

Nach – Krieg . . .



      Es ist ja schon der 2. „Nachkrieg“, den die Älteren unter uns erleben, wobei sie mit einem Gemisch von Ekel und Ärger an den 1. Nachkrieg nach 1918 denken. Das hat es gegeben und es ist vorbei; neu jedoch sind „Neubeginn“ und „Wiederaufbau“ (in solchen Ausmaßen), wie es nach 1945 erforderlich war und noch lange erforderlich bleiben wird. Das hat es damals nicht gegeben, was uns allen eben auferlegt ist, als wäre es gar nicht. Denn das geht mit einer durchaus nicht selbstverständlichen Direktheit, bereits 9 lange Jahre hindurch, samt Krisen und allerlei Erschütterungen mit vielen lauten und noch mehr verschwiegenen Tragödien, welche durch die gelegentlich heitere und meist optimistisch lächelnde Kulisse nichts vom Tragödiencharakter verlieren. Dies gilt für das westliche Bundesgebiet, gilt im ganzen ehemalig deutschen Staatsgebiet ebenso, wie im Bereich der Stadtgemeinde Karlsruhe im Besonderen: das alles hat sich 1945 niemand träumen lassen, auch Jener nicht, welcher dem 1000jährigen Reich Misstrauen, Unglauben und Widerstand entgegengebracht hatte.

      So aber nun, wie es heute ist, ist es nun einmal gekommen, und dabei ist es noch nicht einmal ausgemacht, was dabei Rache, Strafe, Torheit, Vermessenheit und Sünde auf Seiten aller Beteiligten gewesen ist. Die einen nennen es ‚Schicksal‘ die Anderen nennen es „Fügung Gottes“, wieder andere können es noch anders nennen, . . .- auf den Namen kommt es kaum an: die Tatsachen sind größer als ihre Benennungen. Mit den Tatsachen ist bisher weder die Stadtgemeinde, noch ein Einzelner aus ihr fertig geworden. Wir ‚laborieren‘ alle daran herum, wobei man wissen muss, dass ‚Labor‘ das lateinische Wort = „Arbeit“ bedeutet. Und da sind die Toten und Jene, die verschollen sind und die Verletzten und die Verstümmelten und die Geplagten, die von ihren Nerven geplagten, sind die Überlebenden und die Übriggebliebenen und die Heimkehrer, die Flüchtlinge, die Rückkehrer, alle Leidträger, aber auch die Schmarotzer, Kriminelle, Nutznießer . . . den Stillen im Lande stehen die unvermeidlichen Lautsprecher und Schwätzer gegenüber . . . das ist nun einmal so und nicht anders.

      Es heißt also mit dem vorliegenden Buch im Umriss darzustellen, wie „man“ bisher mit dieser, für Alle durchaus neuen Situation vorläufig zu Rande kam; obgleich dem Typischen nach in ganz Deutschland diese Situation ungefähr die gleiche ist, hat doch eine jede Stadt ihre Besonderheit und ihre eigene Plage. Diese sollte nicht von später kommenden vergessen werden! Schon heut zeigt sich, das nur noch Wenige sich deutlich erinnern, was vor 9 Jahren war! Und was seither alles wurde! Viel zu schnell folgt alles einander, wie in einem zu rasch durchgeblätterten Bilderbuch. Wer fasste das alles zusammen? Denn es muss zusammengefasst werden, undenkbar, dass die moderne Oberflächlichkeit sich über das Krasseste das die deutsche Geschichte überhaupt besitzt, hinweg tändeln ließe, oder mit ein paar billigen Redensarten hinweg schwatzte. Ob der Zusammenbruch von 1945 nun eine „Lehre“ war oder nicht, ist unwichtig, angesichts der Ungeheuerlichkeit, er könne vergessen werden, samt den Menschen, die ihn damals auf ihren vom Kriege geschwächten Schultern zunächst trugen, so gut es eben ging. Wer fasst das alles auf einmal? Und wenn er es auch schon fassen kann, wer erinnert sich daran?

      In Literatur und Dichtung dieser irdischen Welt sind für die, welche es lesen und verstehen wollen, immer wieder Berichte über ähnliche Stürze von Nationen in früheren Zeiten geschrieben worden, wir kennen das düstere Ende Karthagos, wir wissen um das Ende des alten Griechenlands mit der Zerstörung von Korinth; Grimmelshausen hat in seinem „Simplizissimus“ im Nachkrieg nach dem 30jährigen Kriege alles Nötige gesagt. Zola hat es den Franzosen nach 1870 in unermüdlicher Arbeit gesagt und eine Reihe von umstrittenen Schriftstellern hat nach 1918 und bereits nach 1945 solche dichterische Aussage unternommen. Was aber hier im Folgenden zu lesen steht ist keine Dichtung, sondern Wahrheit, bittere Wahrheit, darinnen Tatsachen sprechen, aber ohne dabei anzuklagen. Unsere Aufgabe ist: Wiederaufbau, Neubeginn und Nachkrieg einer Stadt zu schildern.

      Das hat mit sogenanntem Lokalpatriotismus ganz und gar nichts zu tun … Sondern, weil es mit dieser Stadt nun einmal so weit gekommen ist, dass sie noch nicht völlig unterging, sondern mit stark erschütterten Vorzeichen zunächst noch am Leben blieb, wird Vorsorge getroffen, dass die Späteren dieser Stadt, wenn sie dazu willens und fähig sind, nachlesen können, wie es einst gewesen ist! Und das es so geschah und warum nicht anders, denn so hat man es halt nach 1945 begonnen und gemacht und anders hat man es eben nicht gemacht und meist gar nicht machen können. Man hat zugegriffen, wo man es vermochte, es war schwer genug, und wenn Spätere einst ebenfalls böse und harte Jahre haben sollten, so soll es ihnen kleiner Trost sein, das man nach 1918, nach 1933 und nach 1945 es ebenfalls schwer hatte und dennoch dieses harten Lebens froh geworden ist.

      Solcher Art kommt im Folgenden Allerlei zueinander und zusammen, also mündliche und schriftliche „Erinnerungen“, Berichte von Mitlebenden, Zeitungsnachrichten, Berichte amtlicher und privater Natur, Dokumente, Bilder und fotografische Aufnahmen und Zeichnungen (aber es wird kein Bilderbuch, sondern ein Buch zum Lesen und Nachdenken!; städt. Ämter und Archive haben Material gegeben und Private ebenfalls, und Gedanken zur Stadt und ihrer Geschichte fehlen nicht: das alles wendet sich zunächst an die Miterlebenden und die Zeitgenossen und darüber hinaus an später kommende Karlsruher. Denn diese werden zweifelsohne das, was vor ihnen gemacht wurde, nicht ohne Kritik hinnehmen und sollen dabei nicht der Mühe und Plage vergessen, mit der das alles unter den paradoxesten Bedingungen und Möglichkeiten nach 1945 geschaffen worden ist; oft improvisiert, aber nie planlos, um zunächst einmal einigermaßen erträgliche und halbwegs brauchbare neue Grundlagen für eben jene nachher Kommenden zu erwirken.

      Denn dieses Buch wird nicht für heute geschrieben, sondern für später. Unaufhaltsam folgt ein Geschlecht dem anderen, und mit ihnen ziehen neue Sorgen und neue Plagen auf, von denen man vorher nichts wissen konnte. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo man sich fragen wird: wie war es denn einst? Wie sind die Früheren mit ihrer Aufgabe fertig geworden? Um darauf antworten zu können, deshalb werden diese Mitteilungen zur Stadtgeschichte – eine ungeheuerliche Arbeit an Sammeln und an Kritik und an Darstellung – unternommen.

      Denn die Späteren, welche so fragen, wollen nicht mit Märchen abgespeist werden, oder mit Eigenlob und Sprüchen; sie wollen auch nichts lesen von vergangenen Zänkereien um Dispute und Anlässe 2. und 3. Rangs, die doch nur verhallter Lärm waren. Sondern Tatsachen wollen sie lesen, keine überalterte Propaganda von ehedem, . . . sie wollen und sollen es wissen, dass es niemals, auch für sie nicht, eine „gute alte Zeit“ je gegeben hat.

      Als wir Heutigen von 1954 jung waren, also um 1900 herum, fragten wir uns vergebens, warum man den Siegesjubel von 1870 konservierte? Und – um von der Stadt zu sprechen – warum man die Weinbrennerbauten damals schon verkommen ließ? Und weshalb man die Flächenplanung der Stadt aufgab? Und immer mehr Bäume abhieb, wobei das Klima der Stadt litt? Und weshalb der sog. Denkmalschutz scheinbar so passiv blieb?

      Spätere wollen wissen, warum man nach 1945 gleichmütig Bauten, die man hätte erhalten können, nicht erhielt? Warum man der Motorisierung fast widerstandslos in allem und jedem nachgab? Und warum manches verrotten ließ und anderem alle Sorgfalt zuwendete. Wobei immer zu bedenken ist, das auch die schönste Stadt eben doch kein Museum ist oder sein kann!

      Hier ist nun der Zeitpunkt gekommen, die Wichtigkeit der beiden Sätze zu erörtern, welche diesem Buche vorangestellt sind, als Motto, d. h. als Grundsätze, die man nicht willkürlich verändern kann, sondern für das Ganze ebenso gelten sollen, wie für die Leser. Ein Motto ist für ein Buch dieser Art wie ein Grundgesetz, ist das, was die Lymphe für einen lebenden Menschen bedeutet.





2. Kapitel

Der Jurist und Altertumsforscher Johann Jakob Bachofen (1815 – 1887, Basel) ist neben Jakob Burckhard das gewaltigste geschichtsschreibende Genie, das je am Oberrhein gewirkt hat. Das zum 1. Motto genommene Wort aus seiner „griechischen Reise“ betont den inneren Zusammenhang einer Mehrzahl von Erscheinungen, welche einzeln oder isoliert unverständlich bleiben. Im Menschenleben sowohl, wie im Leben einer Stadt gibt es nun zahllose solche „isolierter Erscheinungen“; diese sind, roh gefasst, das „Leben“ eines solchen Organismus, um verständlich zu werden, muss der innere Zusammenhang erarbeitet werden; auf ihn kommt es an! Denn er ist Seele und Geist dieser Stadt. Und er wird erst schöpferisch, wenn er erarbeitet worden ist. Wenn später Geborene dieses inneren Zusammenhangs nicht gewahr werden, blicken sie nun undnur in ein Chaos, aus welchem sie keine Lehre für sich und ihre eigene Zukunft ziehen können. Der Wahn vieler, vollständig zu sein, wird dadurch methodisch mit gelinder Hand hinweg geschoben. Es gibt im irdischen Menschenleben keine Vollständigkeit; auch würde der Verstand des Menschen beim Streben nach Vollständigkeit bald aus seiner Bahn geworfen und von seinem Wunsch, zu erkennen, gelöst werden, nur der innere Zusammenhang macht es dem Menschen möglich, langsam fortschreitend mehr und mehr an Stoff in den inneren Zusammenhang allmählich einzuwirken und dadurch tiefer zu blicken.

            Der alemannische Dichter Emil Gött (1864 – 1908), Bachofen in vielem nachstehend, - der Genialsten Einer, führte in herber Selbsterziehung lange Jahre hindurch ein bis ins Geheimste vordringendes, überaus wertvolles Tagebuch in ungezählten kleinen und größeren Büchlein, Heftchen und Kalendern, von dem weite Teile für die Veröffentlichung durchaus ungeeignet sind (vergl. v. Grolman, Wesen und Wort am Oberrhein, 1935. S. 201 ff. –v. Grolman, Werk und Wirklichkeit, 1937, S. 45 – 155). Der zum Motto hier benützte gewaltige Satz, erhebt das „Rein-sein“ zum Schöpferischen Beginn zum Prinzip. Eine Stadt, die nach 200 Jahren des Aufblühens (1715 – 1915) solche Dinge hat seit 1915 erleben müssen, wie es in Karlsruhe geschah, war offensichtlich nicht „rein“ im Sinne des Dichters. Daher also die Katastrophen aller Art! Unter „Reinheit“ versteht die Oberflächlichkeit des täglichen Sprachgebrauches ohne jeden inneren Grund meist die erotische und sexuelle Unantastbarkeit im Sinne irgendeiner bürgerlichen oder konfessionellen Moral, die von Ethik nichts weiß oder wissen will. Für Emil Gött heißt „rein-sein“ nicht anlaufen nach innen und nach außen. Also kein feiges Ausweichen, keine Flucht, keine schielende Berechnung! Sondern: nicht mehr anlaufen! Dabei wird aus „rein“ das Höhere: „Reifwerden“. „Reif“ in dem hohen Sinne, dass das billige ‚Glück‘ des Vordergrundes und des faulen Wohlbehagens durchschaut und abgelehnt wird. Stattdessen wartet die Seele auf das erst noch kommende Gute, während des Wartens werden die Räume für das kommende Gute bereitet. Ab 1915 wurde der Stadt Karlsruhe alles billige Vorder-grundglück versagt, und die Zerstörung der Räume für ein kommendes Glück tadellos d. h. aufnahmefähig zu machen.

Verbindet man beide Aussprüche, so erkennt man den seelischen Ort, welchen das vorliegende Buch für sich in Anspruch nehmen muss und tatsächlich auch in Anspruch nimmt.









3. Kapitel

Damit dieses Buch nicht in Gefahr käme, ins Uferlose zu geraten angesichts der Fülle des Stoffes, der Menschen und ihrer Probleme, muss ein „Grundsatz“ für sie gelten: Alles wird nur genannt in seiner Beziehung zur Stadt Karlsruhe! Das will heißen, das die Erscheinungen und die Widersprüche, unter welchen gegenwärtig zumindest das westliche Deutschland lebt, nicht generell hier erörtert werden können und sollen, sondern vielmehr in ihrem Bezug auf die Stadt, zu deren Geschichte dieses Buch Material bei bringt . . . Das ist sehr wichtig: Bestünde dieser methodische Grundsatz nicht, so würden viele Leser in dem Buche Dinge suchen oder darinnen voraussetzen, die durchaus nicht in dessen Rahmen erörtert und geprüft werden sollen oder können. Dies gilt insbesondere für alle Fragen der Politik.

            Viele Menschen stehen auf dem Standpunkt, es sei unlogisch zu versuchen, Zeitgeschichte zu schreiben; daran ist viel richtig, das bei allem Zeitgeschehen, das unter die Lupe genommen wird, sowohl die dabei Mitwirkenden, wie alle anderen Zuschauer nicht gänzlich ihre Masken abnehmen können; ferner fehlt der geschichtliche Abstand des Betrachters von Epoche und jeder Einzelheit darin. Ferner ist der Zeitgenosse, welcher Zeitgeschichte schreibt, nicht etwa ein Automat, sondern ein lebendiger Mensch, welcher sehr genaue eigene Ansichten über Personen, Vorgänge und Ereignisse hat: Diese Ansichten werden ihn zwar – im Sinne der Gerechtigkeit – nicht bestimmen; aber leugnen wird er seine Ansichten ebenso wenig. Folglich muss der „Grundsatz“ gewissenhaft gewahrt werden, bei allen Fragen stets nur die örtliche Wirkung zu beschreiben, denn es kommt hier auf den Ort an, auf die Stadt.

            Darinnen aber zeigt sich nun ein feines Gewebe von menschlichen Wechselbeziehungen samt deren Wirkungen. Es sind da Verästelungen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden . . . und in Zukunft auch weitergegeben werden. Nur völlig Ahnungslose können etwa meinen, dass die alterworbenen Wechselbeziehungen der Bewohner einer Stadt belanglos seien. Er verwechselt diese mit der sattsam bekannten „Vetterles-Wirtschaft“ und nimmt in grobem Materialismus an, das Geld und Geldeswert das Entscheidende sei: das ist ein gewaltiger Irrtum: im Ganzen des Organismus einer Stadt (ungeachtet der hinzuziehenden und der Wegziehenden) bleibt bestimmend der alte Grundsatz der Stadtgemeinde, welche sich um die Wegziehenden und die Ankömmlinge zwar kümmert, sie aber nicht als durchaus zugehörig anschaut. Das besondere Parfum einer Stadt, auch mancher Stadtteile, kommt daher, dass darinnen sich uralte Wechselbezüge aus Alltag des Lebens und Sonntag des Gefühls in Ausnahmen anonym gemischt haben, indessen die Familien ineinander hineinheirateten und sich ihre Konnexionen damit schufen. Dies ist das Dauernde im Wechsel einer Stadtgeschichte. Karlsruhe erst 1715 gegründet, sah lauter Herbeiziehende, die sich gar bald versippten, weil sie alle eine neue Bevölkerung bilden mussten; folglich verbanden sich diese ankommenden Familien untereinander rascher und schneller, wie dort, wo Jahrhunderte vorher den Leuten mehr Zeit gelassen hatten. Der Charakter der Karlsruher Bevölkerung bestimmt ihre Schicksale sehr stark mit, sie ist also ein sehr wesentlicher Bestandteil ihrer eigenen Geschichte früher und heute, vom Zeitgenössischen her gesehen; daran ändern auch Flüchtlinge seit 1945 nur wenig, um dieses Gewebe mit seinen feinen Verästelungen zu kennen und seine Wirkungen auf das seelische Klima der Stadt und ihrer Geschichte zu ermessen, muss eine Kenntnis der unnennbaren Zwischentöne dabei dem Geschichtsschreiber den Weg durch die Vielfalt weisen; außerdem aber muss eine in nichts zu erschütternde Überlegenheit über die Einzelphänomene sich mit großem Takt an das Werk machen. In jeder Stadt gibt es Dinge, bei denen der betreffende Städter „empfindlich“ ist. Gerade seit 1945 ist in dieser Hinsicht viel zu viel in Bausch und Bogen wegregiert worden und zwar meist von Personen, deren Sachkenntnis nicht zureichte, da diese Personen jene immateriellen seelischen Güter gar nicht kennen konnten, indem es ‚Fremde‘ waren.

            Wiederum ist es geraten, gegen das törichte Wort vom ‚Lokalpatriotismus‘ die nötigen Einwände zu erheben. Alles Seelische kann nun einmal nicht nach der Elle gemessen werden, auch nicht nach der politischen Elle. Der Nationalsozialismus wusste, was er vor 1933 tat, als er auf diese empfindlichen Dinge ganz besondere Rücksicht nahm, sie also gewissermaßen, in seine geheime Propaganda einspannte. Die Folgen davon nach 1945 werden uns in diesem Buche öfters begegnen, segensreich sind sie wohl kaum gewesen. Durch Mischung der Bevölkerung wird das Immaterielle keineswegs beseitigt (was viele Gleichmacher gerne möchten), sondern es wird schärfer und züchtet Gegensätze heran, die langsam zu Feindschaften reifen und die inzwischen Neugeschaffenes sehr gefährden.

            Daher der „Grundsatz“ bei allen seelischen Werten der geheimen aber intensiven s e e l i s c h e n Grund-Züge der G e m e i n d e einer Stadt eingedenk zu bleiben, denn diese ist der nie zu versöhnende Gegner des großen Haufens der „Hergeloffenen“ und Funktionäre aller Art, die - so gut sie es eben sehen     k ö n n e n, ein Amt ausüben, ahnungslos, dass sie sehr oft dabei fehlgreifen, auch wenn formell sie „richtig“ handeln wollten. Die Stadt Karlsruhe hat ein Beispiel solcher Art lange sehen können, nämlich die an sich segensreiche, im innersten aber Landes- und staatsfremde Bemühungen der früheren Großherzogin Luise und ihres „preußischen“ Charakters, der Methoden wachsen ließ, die nur wohlgemeint waren, 50 Jahre hindurch, im badischen Frauenverein etwa und die dennoch, oft als „Undank verurteilt, 1918 ganz elementar verworfen wurden.

            Es handelt sich hier um einen geschichtlichen Faktor, den man – schreibt man „Stadt-Geschichte“ – nicht nur kennen sondern allenthalben bei der Beurteilung der Ereignisse beobachten muss, um jenen: der Eigenwille einer Stadtgemeinde aus langen Generationen hier Sesshafter mehr gefühlsmäßig, als verstandesmäßig, groß geworden bindet diese Gemeinde aneinander in guten Tagen und ganz besonders in bösen und schweren Tagen; das hat man während und nach der Fliegerangriffe und der Katastrophen dabei gesehen - . . . und hat man doppelt gesehen, als es 1945 ff galt, aus den wehmütigen und

 

 



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