Mein Freund das Buch

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Dr. Dr. Adolf von Grolman

I. Biographisches

Adolf von Grolman ist am 6. Oktober 1888 in Karlsruhe i. Ba. geboren als Sohn des Oberleutnants und Regiments-Adjutanten Karl v. Grolman und Mathilde Freiin du Jarrys von La Roche. Nach Absolvierung des Gymnasiums Karlsruhe besuchte Grolman als Jurist die Universitäten Genf, Heidelberg, München, Berlin und Freiburg i. Br. Nach Ablegung der juristischen Prüfungen trat er in den badischen Staatsdienst, verließ ihn aber 1916, um in München Literaturwissenschaft zu studieren. Dafür habilitierte er sich 1919 als Privatdozent an der Universität in Gießen, übernahm aber 1922 (um während der Inflation mit den Seinen das Leben fristen zu können) eine Regierungsrat Stelle im Dienste der Entschädigungsaktion für die geschädigten Auslandsdeutschen. Seit 1924 lebt Grolman als freier wissenschaftlicher Schriftsteller und Kritiker ohne berufliche Bindung in Karlsruhe i. Ba.


II. Bibliographie
zusammengestellt von Dirk von Grolman

Werke

Ausgewählte Streitfragen aus dem geltenden badischen Stammgutsrecht. Karlsruhe i. Ba.: Reiff 1911 (48 S. 8°)

Der Gang nach Emmaus. (Dichtung.) Darmstadt: Falken Verlag 1917. (56S.8°)

Friedrich Hölderlins Hyperion. Stilkritische Studien zu d. Problem der Entwicklung dichterischer Ausdrucksformen. Karlsruhe i. Ba.: C.F. Müller 1919 (94S.8°)

F.M. Hessemer. (Frankfurter Lebensbilder.Bd.1) Frankfurt a. M.: Englert & Schlosser 1920 (VII 103 S. 4°)

Adalbert Stifters Romane. (Deut. Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft u. Geistesgeschichte. Buchreihe, Bd.7) Halle: Niemeyer 1926. (112S.gr8°)

Eichendorfs Werke. Ausgewählt und eingeleitet. Ausgabe des Bibliographischen Instituts, Leipzig. 1927

Hauffs Werke. (nicht erschienen) eingeleitet. Bibliographischen Instituts, Leipzig. 1927

Christus. Worte Christi aus den vier Evangelien. München, Georg Müller. - Religio. Religiöse Gestalten und Strömungen. Bd. 1 (erschienen unter dem Namen: Martin v. Adelsheim). 1928

Literarische Betrachtung. Beiträge zur Praxis d. Anschauung v. Künstlerschicksal u. Kunstform. (Neue Forschung. 6.) Berlin: Junker & Dünnhaupt 1930. (136S.gr8°)

Kind und junger Mensch in der Dichtung der Gegenwart. Ebd. 1930 (VI,249S.gr.8°

Lage und Verlagerung der bürgerlichen Jugend Deutschlands. (Versuch eines Umrisses.) Stuttgart, Adolf Bonz und Co. 1932

Volksausgabe von Stifters Werken, mit einer Gesamteinleitung und einer Sondereinleitung für den Witiko, Leipzig, Inselverlag 1934

Wesen und Wort am Oberrhein. Ebd. 1935 (255S.gr8°

Werk und Wirklichkeit. Drei Kapitel vom dichterischen Schaffen Johann Peter Hebel, Emil Gött, Hans Thoma. Ebd. 1937 (210S.gr8°)

Briefe Hölderlins, ausgewählt und mit einem Nachwort. Inselbücherei Bd. 506 Leipzig, Inselverlag. 1937 (dasselbe als Feldpostausgabe 1943).

Das Wissen um das Verhältnismäßige in der Paradoxie des Seins. Studie zur -teutschen theologie- des Sebastian Frank. Hamburg, Ellermann. (Sonderdruck aus -Literarische Betrachtungen.) 1939

Der Kampf am Oberrhein. Gesammelte Aufsätze zur Kultur und Geistesgeschichte. Straßburg, Hühnenburgverlag. 1941

Die Kirche von Ottmarsheim von Jakob Burckhard. Hrsg. und mit einem Nachwort, dazu 14 Bildtafeln. Straßburg, Hühnenburgverlag. 1941

Die Musik und das Musikalische im Menschen. Drei Vorträge. Gehalten in Karlsruhe im Januar 1940. 2. unver. Aufl. 1942

Deutsche Dichtkunst und französische -art poétique-. Berlin. Otto Müller Verlag. dasselbe 2. Aufl., Baden-Baden, Pallas-Verlag 1948 1943

Leonardo da Vinci. Berlin-Nideggen, Lambert Schneider Verlag 1944

Ferien. Ein Roman. Heidelberg, Lambert Schneider Verlag 1946

Zu einem Gedicht von Adalbert Chamisso. (Salas y Gomez.) Hamburg, Ellermann Verlag. = das Gedicht. Blätter für die Dichtung 1946

Karlsruher Novellen. Heidelberg, Lambert Schneider Verlag. 1946

Gottfried Keller Bettagsmandate. Oberrheinisches Geistesleben Bd.3 Karlsruhe Verlag Volk und Zeit 1946 (30 S.)

Das Schaffen des Künstlers allein und in Gemeinschaft mit Anderen. Oberrheinisches Geistesleben Bd.1 Karlsruhe Verlag Volk und Zeit 1946 (40 S.)

Einige Geschichten aus dem Rheinischen Schatzkästlein von Johann Peter Hebel. Ausgewählt und mit Bildern versehen von Wilfried Otto. Mit einleitenden Worten von A. v. Grolman. Karlsruhe, Verlag Volk und Zeit. = Oberrheinisches Geistesleben Bd. 2. 1946

Karlsruhe. Oder vom Wesen der Ruine und der kulturellen Möglichkeiten Ihrer Bewohner. Karlsruhe, Badenia Verlag. 1946

Texte Europäischer Literatur. Bd. 1 Adalbert Stifter. Vorrede zu Bunte Steine. Kalkstein. Mit einer Einführung. Hamburg 1947 Heinrich Ellermann

Texte Europäischer Literatur. Bd. 2 Goethe West-östlicher Divan. Hamburg 1947 Heinrich Ellermann (119S.)

Texte Europäischer Literatur. Bd. 3 Hölderlin Hyperion. Hamburg 1947 Heinrich Ellermann (165S.)

Texte Europäischer Literatur. Bd. 4 Gotthold Ephraim Lessing. Nathan der Weise. Mit einer Einführung. Hamburg 1947 Heinrich Ellermann

Europäische Dichterprofile.
1. Reihe 1-8. Düsseldorf, Bastion-Verlag. 1946 (120 S.)
2. Reihe 9-16. Ebenda 1946 (124 S.)
3. Reihe 17-24 Ebenda 1949 (118 S.)

Texte Europäischer Literatur. Bd. 6. Hauffs Märchen Mit einer Einführung Hamburg 1948 Heinrich Ellermann

Texte Europäischer Literatur. Bd. 7. Jakob Burckhardt. Weltgeschichtl. Betrachtungen. Mit einer Einführung Hamburg 1948 Heinrich Ellermann

Texte Europäischer Literatur. Bd. 9. Shakespeare. Der Sturm. Mit einer Einführung Hamburg 1948 Heinrich Ellermann

Johann Sebastian Bach. Heidelberg, Lambert Schneider Verlag 1948 (223 S.)


Einleitung Einführung und Vorwort zugleich
Dr. Dr. Adolf von Grolman

Zu seinem 65. Geburtstag am 2. Oktober 1953 Von Hanns Martin Elster
Als die Generation der heute Sechzig bis Siebzigjährigen zwischen 1900 und 1910 in das literarische Leben eintrat, war die stoffliche Bestandsaufnahme der Literaturgeschichte von der damals herrschenden Wissenschaft vollendet. Die jungen Literaturhistoriker übernahmen den voll registrierten Stoff nur mit dem Wunsch, ihn geistig zu durchdringen und geistig zu ordnen. Sie sahen ihre Aufgabe vor allem darin, eine geistige Ordnung zu schaffen, die nicht eine Wissenschaft für die Wissenschaft darstellte, sondern durch Kritik als Unterscheidung den geistigen Wesensgehalt der Dichtung bei aller Anerkennung der gültigen Tradition im lebendigen Sein zur Wirkung brachte. Die Literaturgeschichte wandelte sich zur Literaturwissenschaft, zur Geistesgeschichte und Geisteswissenschaft, ja zur Lebenswissenschaft . . .
Der junge Karlsruher Adolf von Grolman, der als Jurist mit der Auseinandersetzung mit dem Recht begonnen hatte, rückte schnell, als er in der Literaturwissenschaft sein eigentliches Arbeitsgebiet gefunden hatte, in die vorderste Front der neuen Verarbeitung der Vergangenheitsdichtung, weil er aus seinem alten, süddeutschen Adelsgeschlecht heraus, das auch romanisches Blut in sich barg, jene lichtvolle Klarheit mitbrachte, die, im Gegensatz zur Landschaft Schongauers „selig klare Graphik", Taulers „bewahrende und fördernde Kraft, Weinbrenners „isolierte Energie", Thomas „Wort gewordene Statik der alemannischen Seele", Hebels tiefsinnig symbolisches „Kannitverstan" holte und in der Einheit von seelischer und sichtbarer Anschauung lebte. Er trat der Dichtung sofort als vollendet sichere Persönlichkeit gegenüber, die unbeirrbar und voller Gnade dem Geist verschrieben war und nun aus reinem Anschauen und mit menschlichem Herzen in unbedingter Wahrhaftigkeit ohne jedes Nachsprechen und Nachahmen überkommener Begriffe und Formulierungen gegenüber Gedachten und Gestalteten, dem Geformten und Verdichteten, gegenüber Landschaften und Völkern, Staaten und Geschichte, Menschen und Seelen sich nur auf die eigene Stimme im eigenen Innern verließ. So wurde Adolf von Grolman vom Anbeginn seines literarkritischen, seines literarhistorischen Arbeitens an ein Ordner des wesentlich Angeschauten nach dessen innerem Wert. Er wurde Schatzgräber, ein Wegweiser zu den verschütteten Quellen des echten geistigen Lebens der Dichtung.
Darum legte er folgerichtig zuerst eine Schrift über den „Gang nach Emmaus" (1917) und eine stilkritische Untersuchung zu den Problemen der dichterischen Ausdrucksformen an Hand von „Hölderlins Hyperion" (1919) vor, jene ihn nie verlassende innere Verbindung des religiösen Erlebens mit der dichterischen Schöpfungskraft. Es ging ihm ständig um die Auseinandersetzung mit der eigenen Seele nach Spittelers Wort von Jacob Burckhard: „Er gab nur Selbstgedachtes und –geurteiltes." Es ging ihm um die sittliche Existenz und Gottes Gesetz von der wahren Ordnung.
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Er hatte dadurch die klaren Augen, uns ebensosehr zum wirklichen Adalbert Stifter zu führen, dessen großen Romane „Der Nachsommer" und „Witiko" er uns 1926 erstmals grundlegend deutete, dessen Werke er später – 1934 – in einer Volksausgabe des Inselverlages herausgab und dessen Wesen, Werk und Wirklichkeit er in vielen Essays, jetzt gesammelt in „Vom Kleinod in allen Zeiten" (1952), zur vollen Erkenntnis gebracht hat. Wie weiterhin – 1927 Eichendorffs Werke und schließlich in seinen berühmten drei Bänden der „Europäischen Dichterprofile" (1947 bis 1949) die gesamten schöpferischen Persönlichkeiten der Dichtung unseres Erdteils zu neuem Erlebnis zu bringen. Er war wirklich zum „Geiste" im reinsten Sinne durchgedrungen: mit seiner Auswahl der Worte Christi in Georg Müllers Sammlung „Religio" von 1928, mit seiner Studie zur „teutschen theologie" des Sebastian Franck, der eine Lieblingsgestalt von Grolman wurde und ihm die Distanz zu beiden sich befehdenden Konfessionen aus dem Denken der Reformationszeit und die parteilose, eschatologische Anschauung der Welt, den Radikalismus sittlicher Art schenkte, dem es weder auf Frieden noch Krieg, noch Sieg, sondern nur auf die Ruhe, die Ewigkeit in der Unruhe, der Vergänglichkeit der Zeit ankommt. Er wußte um „das Verhältnismäßige in der Paradoxie des Seins" und konnte darum ebensosehr in seiner „Literarischen Betrachtung" von 1930 Beiträge zur Praxis der Anschauung von Künstlerschicksal und Kunstform wie 1943 über den Wesensunterschied von „deutscher Dichtkunst und französischer art poètique" völlig neue bleibende Erkenntnisse geben.

Niemals als weltfremder Gelehrter oder Fachwissenschaftler, sondern stets in voller Verbindung mit dem Leben, denn erlebte, zwar zeitweise Universitätsdozent, bald als freier Schriftsteller unablässig mitten in der Verantwortung für seine Gegenwart, die ihn 1932 über „die Lage und Verlagerung der bürgerlichen Jugend Deutschlands" Wichtiges an den Tag geben ließ, wie sie ihn dazu veranlaßte, immer für die Dichtung seiner Heimat sich einzusetzen, mochte er nun wie 1935 und 1937 über „Wesen und Wort am Oberrhein" und in „Werk und Wirklichkeit" über Hebel, Gött und Thoma Grundsätzliches zum dichterischen Schaffen oder 1941 in den Aufsätzen zur Kultur- und Geistesgeschichte „Kampf am Oberrhein" Zeitgemäßes zu sagen haben. Er war ein zutiefst musischer Mensch, der in vielen Vorträgen und Essays „Musik und das Musikalische im Menschen" (1942) zu solcher Erkenntnisklarheit brachte, daß er uns 1948 wohl das schönste Buch über Johann Sebastian Bach schreiben konnte und das er mit seiner Deutung des „Leonardo da Vinci" (1944) uns jene Universalität der geistig-seelischen Schau zurückgab, in der einst die Größe des deutschen Geistes und des geistig-künstlerischen Schaffens auf religiösem Grunde beruht hat.

Adolf von Grolman, der die Bedeutung der großen Leidträger der Menschheit von Hiob und Vergil, von Augustinus und Sebastian Franck über Leonardo und Grimmelshausen bis Racine und Bach, Lessing und Hölderlin, Stifter und Grillparzer, Gottfried Keller und Jacob Burckhardt als notwendige Verwirklichung des Geistes in die Vielfältigkeit des Daseins gestellt hat, war von Natur ein reiner und echter Dichter, der die acquitas, die sobria ebrietas, die heilige Nüchternheit in sich trägt. Bisher haben wir nur in dem kleinen Roman „Ferien" und in den „Karlsruher Novellen" (1946) einmalige und einzigartige Zeugnisse seiner dichterischen Gestaltungskraft erhalten. Aber eines Tages werden wir aus dem Schatz seiner ungehobenen Manuskripte des in dornenvoller Einsamkeit Lebenden und Schaffenden erfahren, daß wir in ihm nicht nur einen großen Erzieher und Umwerter, der uns eine neue echtere Schau der Gotik, der Reformation, der Renaissance der Weimarer Kunst- und Kulturpolitik, der Nietzsche-Nachfolge, der modernen Literatur- und Geisteswissenschaft gebracht hat, zu verehren haben, sondern auch einen schöpferischen Dichter voll Gottestiefe und menschlicher Todesverbundenheit als innewohnendem Element unserer Existenz. Es ist bezeichnend für den Literaturbetrieb und die Wissenschaftshaltung unserer Gegenwart, daß eine Persönlichkeit wie Adolf von Grolman in der Stille leben muß und auch der Existenznot nicht entbehrt. Hoffentlich trägt sein 65. Geburtstag nunmehr dazu bei, daß ihm wenigstens die Sorge um sein karges tägliches Brot abgenommen wird und er ganz seinem Werk gehören und endlich auch den Verleger finden kann, der sich der Verantwortung bewußt ist, wenn er die Lebensarbeit dieses johanneischen Menschen betreut, von dem wir noch viel und immer Bedeutendes zu erwarten haben. Hanns Martin Elster
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Mereschkowskij und sein Julianus Apostata

Droben in den Bergen der Schweiz, in Sankt Moritz, im Segantinimuseum findet der Reisende drei gewaltige Gemälde Segantinis: es ist das Triptychon: „Werden-Sein-Vergehen", Bilder aus eben dieser großen Landschaft, mit einer einfachen Sinnenfälligkeit und Sichtbarkeit ohne Winkelzüge und mystische Verwirrung. Was das „Werden", das „Sein" und das „Vergehen" sei: Wer aus der großen Landschaft draußen in den Museumssaal hereinkommt, fasst es auch vor den Kunstwerken vielleicht noch tiefer, als draußen im endlos scheinenden Raum.
Wie einfach scheinen „Werden-Sein-Vergehen" doch zu sein! Wie klar, wie gesehen, wie umgrenzt . . . und das war auch Willen und Sinn des lateinischen Künstlers und Malers, das zu schaffen. Es kommt jedoch ein: „aber" hinzu . . . und das sind die Übergänge, die Dinge, welche zwischen den drei großen Möglichkeiten sind und in aller Erdenzeit bleiben werden, bleiben müssen: denn die Welt und ihre geistige Lust ist kein Gemälde in sicherer Form, sondern die Welt ist Raum der Übergänge, vorab in allem Geistigen . . . und so hört alle Malerei auf, wenn von der allmählich vergehenden Antike und von dem allmählich werdenden Christentum die Rede, nicht das Bild sein muss. Geistige Epochen sind ganz etwas Anderes als gemalte Jahreszeiten, und der russische Dichter Mereschkowskij, der noch den Beginn des bisher letzten europäischen Krieges miterlebt hat, liebt usw., sich selbst und seine Dichtungen zwischen Epochen mannigfacher Art zu stellen. Denn er ist, zumindest in den ersten beiden Dritteln seines Schaffens, ein Dichter von sogenannten „historischen" Romanen . . . und es ist nicht ohne Gewinn, wenn man sich außer den malerischen Möglichkeiten eines Geschichtskenners, eines Slawen sorgfältig vergegenwärtigt.

„Julianus Apostata" ist ein „geschichtlicher„ Roman; er unterliegt also dem Glück und der Gefahr aller „geschichtlichen" Romane. Welches sind dies „Glück", diese „Gefahr"? Das Glück des geschichtlichen Romans ist eine Zeitlosigkeit oberhalb allen historischen Geschehens. Einerlei, wann sich eine Handlung eines geschichtlichen Romans vollzieht, immer und je bleiben zu allen Zeiten die Menschen darinnen, Menschen mit all ihren Freuden und Leiden, mit ihrer Größe, ihrer Schwäche, ihrer Menschenlust . . . das Geschichtliche wird dem allem viel Besonderes an Staffagen, an Duft, Farbe und Möglichkeit tieferer Einsicht zwar geben . . . das Glück des geschichtlichen Romans ist, daß der Mensch oberhalb dieses langen Nenner Striches stehen muss, er bleibe denn Mensch. Und die Gefahr des geschichtlichen Romans besteht darin, daß besagte Staffage das Bild des Menschen erdrückt, daß das Gebilde seine Seele verliert und zum Verzeichnis wird, zum Inventar von ehegestern und zu einem Kabinett eines altmodischen Museums, das erschauern lassen kann in seiner Überfülle, die von keinem Leben mehr kündigt.

Man erkennt daraus, daß der Dichter eines geschichtlichen Romans zu allen Zeiten auf der schmerzhaft scharfen, messerscharfen Grenze zwischen Glück und Gefahr sich bewegt: entweder vergisst er ob des Menschen das Kolorit von einst, oder aber die Staffage von damals macht seine Figuren unmenschlich, papieren und tot. Der Leser des historischen Romans hat den Anspruch darauf, daß der dichterische Schriftsteller ihm keine geschichtlichen Puppen vorsetze, sondern Menschen, die so einst wirklich gelebt und gewirkt und geschaffen haben können . . . und er wird es sich sehr verbitten, modernste Typen und Figuren in irgendeiner geschichtlichen Aufmachung aufgebobbt daher stelzen zu sehen, als wären sie echt und wahrscheinlich und überhaupt „möglich" gewesen

Die große Kunst Mereschkowskij besteht darin, daß seine geschichtlichen Romane, und sein „Julianus Apostata" vorab, durchaus wahrhaftige Menschen darstellen, also Leute, die es so gegeben haben kann, ohne daß man hypermoderne Schatten erlebte, welche sich in einem Museumskatalog drehen . . .sondern jene Menschen bewegen sich in Vergangen-heiten: diesmal um Julianus Apostata, in jener Zeit um 360 n. Chr., wo die althellenische Antike unmittelbar vor ihrem „Vergehen" stand, während das jung heraufkommende „Christentum" als sichtbare Kirche, nicht als Idee gerade vom „Werden" ins „Sein" hinüberschreiten wird. Es sind hier gerade Übergänge, welche der geniale Russe meint: nicht handelt es sich um irgendein konfessionell schon gewordenes, also zur „Kirche" gewachsenes Christentum, sondern man ist dorthin unterwegs . . . und die alten Götter der hellenischen Antike sind noch längst nicht etwa tot, sondern sie verschwinden ganz allmählich: Übergänge! Und damit wird die Dichtung Mereschkowskijs zwar nicht modern, wohl aber aktuell!

Wieso? Weil wir Heutigen um 1951 uns ganz und gar in solchen Übergängen befinden. Von denen Mereschkowskij, als er gegen 1895 seinen Julian als Band 1 einer großen Trilogie vom „Antichrist" dichtete, nichts ahnen konnte. Wir Heutigen befinden uns mehr, als uns vielleicht lieb ist, in einer Wende der Zeiten: zwischen Ost und West, zwischen Amerika und Asien, zwischen endender Monarchie und werdender Demokratie, zwischen mannigfachen Möglichkeiten des Christentums und einem werdenden technisierten Wirtschaftsglauben, welcher für das Geistige von einst nichts, aber auch gar nichts übrig hat und es bestenfalls eine Weile lang dulden wird, bevor die Massen es zertrampeln. Wir stehen mitten im Werden von Massenbewegungen, deren Führerschicht sich noch nicht zwischen Diktatur oder der Herrschaft der geistigen Werte und stehen im Beginne einer allgemeinen Entseelung, vor der den Weitblickenden angst ist, während die Überzahl der jähen Tagesmenschen schon gar nicht mehr weiß, was Seele eigentlich ist. Einer Überschätzung des Kriegerstandes folgte jäh eine Überschätzung aller politischen Arbeit, abgelöst durch den fast übermächtigen Beamten, den sowohl eine allgemeine Anarchie wegraffen kann wie auch eine neue Welle des Kriegertums; wir erleben die Folgen der jüngst begonnenen Emanzipation der Frau schon so weit, daß allen Ernstes die Frau des Mannes Existenz zu überflügeln scheint und nicht abzusehen ist, wohin dieser Feminismus die Reste einer vergehenden Kultur und Zivilisation hinwegschleudert.
Diese verwirrende Situation ist weder neu noch einzigartig, wohl aber fand sich in dem Zeitalter des Julianus Apostata für den Dichter eines historischen Romans eine schwere Menge von Parallelen – und das ist die Aktualität besagten Buches für den Leser von heute. Denn alle Technik von heute ist wider den Geist, und sie ist dies umso mehr, als das Geistige sich nicht entscheiden kann und nicht entschließen kann: Übergänge, Zeitwende, Epoche des Prüfens, Schwankens, Wägens, wobei entfesselte Instinkte und Auswirkungen von Geld- und Erfindungsmächten, wie die Atomenergie eine ist, demnächst mitsprechen werden, wenn heute auch noch sie zu schweigen und sich zu fügen scheinen.
Der römische Kaiser Julianus, 332 n. Chr. Geboren, kam in Zeiten zum Leben, wo Ereignisse, wie wir sie am 30. Juni 1934 und am 20. Juli 1944 erlebten, nicht die Ausnahme, sondern das Normale waren: Mord, Totschlag, Ämterwucher, Korruption, Diktaturen, Verwirrung und demgegenüber ein Aufkommen der mannigfachen Anhänger des „Galiläers", wie der Heiland damals genannt wurde, eine wüste Menge halb antiker, halb asiatischer Geheimkulte, die Juden im Exil, vom Norden her Vorboten der unmittelbar nachher eintretenden Völkerwanderung. Ungeist und Schacher mit geistigen Resten, die niemand mehr haben will, ein Spintisieren um intellektuelle Nichtigkeiten, ein Aufputzen von fast verstaubten Dichtungen, wenig Freude, viel Zirkus, Tierhetze, Sport aller Art – Geschäft! Julianus wird Kaiser, er lernt früh, sich mitten in all dem Widersprechenden zu verstellen, er beginnt, vor sich selbst ebenso zu heucheln wie vor den andern. Im Innersten hängt er am Christentum, die „Fischer aus Galiläa" haben ihn heimlich überzeugt; was aber an Anhängern, Verwässern, Fanatikern sich jetzt als deren Jünger und Statthalter zeigt, muss abstoßen. Das unter dem Vorsitz des Kaisers Constantin 325 in Nicäa abgehaltene Konzil war wirkungsvoll, aber nicht entscheidend, wie ein nachfolgendes zu Mediolanum = Mailand zeigt, denn die Galiläer sind wechselseitig noch viel unduldsamer und grausamer, als sie es gegen die – noch – herrschende, antike Staatsreligion sind, welche sie halb duldet, halb verfolgt, erwünschte Märtyrer dabei schaffend. Und die Antike? Julian muss erkennen, daß dort Oberflächlichkeit, Völlerei, Stumpfsinn, Unverstand und Schlimmeres herrschen, sein Versuch, die alte Religion wiederherzustellen, misslingt, die alten Götter „haben sich zurückgezogen", woanders sie nicht einfach schon tot sind: dort wälzt sich ein Haufen von Utilitaristen, aber keine Gottbegeisterten mehr. Und dementsprechend sinkt das Niveau des Ganzen: die alten Dichter gelten nichts mehr, und die neuen Dichter sind nichts, können nichts, wissen nichts, außer etwas zusammengelesener Gelehrsamkeit und Geldgier, die sie raffen und lügen lässt. Julianus wird angesichts dieser Tatsachen für beide Lager zum „Apostata", d. h. zum Abtrünnigen, denn der Haufen der vergehenden Antike sieht in ihm den Schwankenden, der sich nicht entschließen kann, und die mannigfachen „Christen" welche gar keine sind, sehen in ihm blank weg den „Antichrist", nämlich jenen, den es zu bekämpfen gilt, der auflöst und der – für diese Leute – „das Böse" der Schrift ist, weil etwas Tieferes sie noch nicht erkennen können.
Das sind aktuelle Dinge, und Mereschkowskij hat sie greifen können, ohne davon zu wissen: denn Glück und Gefahr des geschichtlichen Romans ist es ja, daß die Menschen gleichbleiben in ihren Tiefen, mögen auch an der Oberfläche sich die tollsten Dinge vollziehen! Der Grundaufbau des menschlichen Seins seit der Schöpfung bis zum Ende aller Zeiten ist und bleibt, der Struktur nachgesehen, der gleiche. Aber die Ausdrucksformen des Lebens wandeln sich, und sie tun dies auch dann, wenn sie parallel zu laufen scheinen. Das ist der Grund, den „historischen Roman" trotz seiner bedenklichen Grenzen als eine Möglichkeit künstlerischen Schaffens anzuerkennen: denn es gehört viel mehr Wissen und Weisheit dazu, solchen Roman zu schaffen, es gehört die Ahnung des Künstlers dazu und seine Entsagung, nicht den Zeitgenossen zu predigen, sondern das Wesenhafte von einst neuzuschaffen. Das ist unsäglich schwer, und viele sind am historischen Roman gescheitert und scheitern auch heute daran . . . und ganz besonders scheitern Filme daran: denn mit dem Bild allein ist es nicht getan, die Staffage ist nur der Umhang, der Kern des Kunstwerks aber ist das große Leben selbst und jenes andere: dem Leser eines dichterischen Kunstwerks leben zu helfen, wo es ausschaut, als könne nicht mehr oder kaum noch „gelebt" werden.
Jetzt ist es an der Zeit, vom Dichter Mereschkowskij und seinem Anlass und seinen Zeitgenossen zu sprechen, umso mehr, als die Gestalt des Julians Apostata in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrfach die Dichter und die Geschichtsschreiber beschäftigt hat. Mereschkowski ist Russe, 1865 geboren, antizaristischer Emigrant in Paris, je länger, desto mehr sich von der Dichtung in die Religionsgeschichte mystischer Belange entfernend; 1911 sind in 17 Bänden seine früheren Werke in russischer Sprache gesammelt worden, und sie beginnen mit einem dreiteiligen Riesenwerk: Christ und Antichrist, 1895 „Der Tod der Götter: Julian der Abtrünnige" – 1902 „Die auferstandenen Götter: Leonardo da Vinci" – 1905 „Der Antichrist: Peter und Alexei", Ein anderer größerer Dichter, Henrik Ibsen, fasst 1864 den Plan, die Gestalt des Julianus in einem mehrteiligen Bühnenwerk zu packen, und es entstand 1872/1873 das Doppeldrama: Kaiser und Galiläer, das vermutlich Mereschkowskij in der englischen Übersetzung von 1876 kennenlernte. Ibsen, Mensch der Bühne, sieht die geschichtlichen Bilder und Möglichkeiten gelinder, ihm muss es aus der Natur des Worts, des Schauspielers und der Tragödie darauf ankommen, die Wechselrede hörbar zu machen, das Widereinander reden der Leute; Mereschkowskij aber stellt die Situationen einander gegenüber, und wie er das tut, ist unvergesslich: vielleicht das Erschütterndste solcher Art ist jene Szene, wo der wenig würdige, greise Priester des Apollon samt seinem jungen, schönen, aber taubstummen Knabenhelfer opfern soll, und niemand nimmt daran echten Anteil, als nur der suchende idealistische Kaiser selbst, wenige Tage nachher sind Priester und Knabe erschlagen von Fanatikern, etwas voll tiefster Schwermut, ein letztes Aufleuchten hilflos und kraftlos und wirkungslos gewordener Schönheit mitten unter Hässlichen des Leibs und der Seele. Aber es kommt nicht auf die Schwermut an, sondern auf die Bändigung des großen Lebens schlechthin: Julian will zwischen dem Werden/Sein/Vergehen vermitteln; er hält es für möglich, das Rad der Geschichte aufzuhalten, er vermisst sich, zu glauben, wo nichts mehr vorhanden ist, und darinnen ist er christlicher als alle Galiläer zusammen. Indem er das für die althellenischen Ideale tut mitten unter lauter Entseelten einer vergehenden, längst verwesten Epoche, ringt er, das Gute, Wahre, Schöne oberhalb der Bekenntnisse, der Interessen und der Oberflächlichkeit zu erhalten, ahnend, daß dies vergeblich ist von Anbeginn an: denn der Geist weht, wo er will, und nicht, wo die Menschen, auch die besten Menschen, wünschen, daß er wehen möge. Als Julian schließlich gewalttätig wird, rät ihm der weise namenlos gewordene Mystiker ab, und so wendet sich mit verzweifelter Entschlos-senheit Julian zu kriegerischen Unternehmungen, bei welchen er in der Nähe von Ktesiphon in Südpersien im Sommer 363 an einer schweren Verwundung in der Schlacht starb mit den Worten: Du hast gesiegt, Galiläer!
Ehrlich bei aller Verstellung, siegreich im Untergang, ein verhinderter Christ mit verdrehten Vorzeichen und gleichzeitig ein edler Heide: so wird Mereschkowskij seinen Julian dem Leser dieses aktuellen Buches zeigen, und das ist seine große Künstlerschaft, daß nicht nur Julian, sondern seine Widersacher und Gegenspieler insgesamt damals ebenso wie heute das Nämliche tun können, ohne das viel zu ändern wäre an den Dingen des historischen Romans. Denn dieser Julian ist ein Meisterwerk Mereschkowskijs, über den und dessen Arbeit noch viel zu sagen wäre.
Hier an dieser Stelle genüge das bisher Gesagte: Im 7. Kapitel des 2. Teils redet Julian mit den entfesselten Galiläern und sagt ihnen dabei unter anderem: „Euren Reden fehlt die Einfachheit. Vergleicht sie nur mit den Reden des Demosthenes, Plato und insbesonders – Homers. Sie alle waren wirklich einfältig, wie Kinder und Weise wie Götter. Lernt von ihnen die große würdevolle Ruhe, ihr Galiläer" Gott ist nicht im Sturme, sondern in der Stille" . . . es war klug von Mereschkowskij, der die Evangelien, wie kaum ein anderer kannte, nicht auf die stillen Worte des Heilands, auf die Bergpredigt und die Gleichnisse in Erwiderungen der Galiläer zu kommen. Denn die werdenden Christen von damals hatten die Herrenworte schon beinahe ganz vergessen, und was sie betrieben, war irdisches Werk, das den Begriff der Kirche samt ihren Möglichkeiten und Spaltungen schon hatte, denn die Athanasianer waren gegen die Arianer usw. Mereschkowskij hat den Heiland nicht oft sprechen lassen in dem bösen Chaos jener „Werdenden", Die tiefe Einsamkeit, welche den Kaiser Julian umgibt, liegt wie ein wohltuend sanfter Schutz um sein „Apostata" seine angebliche Abtrünnigkeit. Denn insgeheim ist dieser edle Heide ein Barmherziger, ein Friedfertiger, ein Sanftmütiger, bei allem Wissen ist er ein geistig Armer, er ist ein großer Leidträger, ihm hungert nach der Gerechtigkeit, um derentwillen auch er verfolgt wird, und Julian ist reines Herzens, insgeheim also einer, der Gott schauen wird.

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Mein Freund: das Buch

Die seelische Landschaft der Freundschaft ist weiträumig; in dieser Landschaft gibt es weite Ausblicke, ferne, kaum erreichbare Höhen und Gebirge, breite Täler, einsame Wälder und einen starken, herben Ebenen Wind des langen Alltags; in diesem wird sich eine Freundschaft bewahren, im Alltag, in der Dauer und — in der Geduld: denn die Geduld ist der schönste Blick in jener seelischen Landschaft, . . . jene Geduld, die sich nicht beirren lässt und über lange, inzwischen verstrichene Zeiträume nicht abrechnet, sondern auch sie ,gut' sein läßt.
Zu einer Freundschaft aber gehören immer zwei! wenn jemand sagt: mein Freund — das Buch, so redet er töricht, wenn er dabei nicht bedenkt, daß auch das Buch zu ihm das nämliche zurücksagen muss, wo anders es sich um ."Freundschaft" handeln soll. Manches Buch sieht manchen Leser stumm und schweigend an, im Volksmund sagt man dann: „dieses Buch hat mich nicht angesprochen" ... — aber war man selbst auch ein Leser, welcher zum Ansprechen geeignet, bereit und willig war? brachte man jedem Buch auch die nötige Liebe, Aufmerksamkeit und Gefasstheit entgegen, ohne welche keine Beziehung, am wenigsten eine Freundschaft entstehen kann?
Gestehen wir es uns ruhig: meist sind wir schlechte Leser, denn wir haben keine Geduld, wir wollen Lesefutter mit dem Buch, aber keinen Freund, welcher auch seinerseits etwas von uns verlangen darf und verlangen muss; viele Menschen sind bereits so eilig und hastig geworden, daß sie ein Buch nicht einmal erst anlesen; sondern sie marschieren ins Kino, das ihnen sogar das Lesen abnimmt, nachdem es ihnen schon das eigene Denken abgenommen hat; denn in der Bilderfabrik der Lichtspielbühne, mit oder ohne Wort, wird dem geneigten Besucher vor-gedacht, was er nun gefälligst aufnehmen soll, schnell, flimmernd, mit Musik und allerlei Lärm, den keine Seele aufnehmen kann. Das Buch aber steht im Schrank, oder auf dem Brett, oder es liegt irgendwo und — w a r t e t.
Alle guten Geister haben zunächst einmal Z e i t !! es ist ein ganz philiströses Vorurteil, als ob irgendetwas in dieser Welt e i l e: das ist nicht der Fall, es eilt keine menschliche Verrichtung, einerlei, welche, und wenn die meisten Menschen sich treiben und jagen lassen, so geschieht deshalb, weil sie nicht Energie genug haben, um die völlige Nichtigkeit der Eile und der Hast zu erkennen und abzustellen. Das Buch ist — insofern — nicht von dieser Welt, und sei es der albernste Sittenroman, die dümmste Liebesgeschichte oder der blödeste Blender . . . auch der wartet, kein wertvoller Freund, keine menschliche Bereicherung . . . aber es kommt die Stunde, wo auch der 'gebildetste' Leser zum Schmöker greift, um seine Phantasie daran ausruhen zu lassen. Schwieriger ist etwas anderes: w i e lange wartet manches gute, wertvolle Buch! Stifters 'Witiko' hat über 50 Jahre ein völlig verborgenes Leben geführt, war sozusagen verschollen, ward geradezu neu entdeckt und heute ist es ein Buch, ohne welches Jugend, die man ernst nehmen kann, gar nicht mehr auskäme . . . was sind 50 oder mehr Jahre? Gute Bücher sind alle alt: denn sie stehen oberhalb des Wandels der Moden und Torheiten samt aller Politik, und weil sie das tun, haben sie Zeit, viel Zeit. Weisheit, Lebenserfahrung und Frömmigkeit werden je länger, je süßer — und es braucht es ja niemand sonst zu sehen, wenn einer bei einem Buche, das zu ihm kam, heftig dann und wann errötet, wo es ihm in aller Stille sagte, wie falsch sein bisheriges Leben gewesen war, und wie unnütz verbraucht: der Freund sagt es dem Freund in aller Stille.
Aus dem römischen Altertum ist ein kluges, warnendes Wort uns überliefert worden: „unius libri lectorem timeo", zu deutsch : den Leser eines einzigen Buches fürchte ich — will heißen: weh uns, wenn ein Fanatiker kommt, der nur ein Buch sich zur Marotte und zur Pein für alle machte — kommt, und ringt die Hände, hört er einen Einwand, und trachtet, die Welt diesem Buche anzupassen: wir haben das mit Hitlers ,,Mein Kampf" ebenso erlebt, wie um die Jahrhundertwende mit andern, zum Teil auch unpolitischen Modebüchern: man denke an den zeitweise überschätzten ,Rembrandtdeutschen', an die Spenglerei und die Untergangspsychose des Abendlandes, aus der, wie nicht anders zu erwarten, bislang noch nichts geworden ist und wahrscheinlich auch nichts werden wird . . . um es kurz zu sagen: Bücher, 'die man gelesen haben muss', sind von vornherein keine Freunde, sondern künstlich aufgeschwatzte Scheinbedürfnisse, diese Bücher sind Plagegeister für alle jene, die ,,keine Zeit haben".
Mein Freund: das Buch aber ist ganz etwas anderes. Zunächst fallt eines auf: es heißt nicht ,,meine Freundin — das Buch", man ist da ganz und gar nicht galant, und das Buch ist und bleibt männlich, auch wenn es eine Frau geschrieben hat. Ob Mann oder Frau, einerlei: das Buch bleibt männlich von der Bibel und von Homer her bis zu unseren Tagen. Das besagt: für das Buch gibt es keine Emanzipation, denn alles Buch ist und bleibt ein geistiger Zustand, und dieser ist und bleibt männlich.
Denn nicht alles, was gedruckt, gebunden, angepriesen, verkauft und gelesen wird, ist ein Buch. Gerade dann nicht, wenn es besonders deutlich so ausschauen soll. Das, was die Industrie an Bücherähnlichem zu allen Zeiten und auch heute fabriziert, d. h. künstlich herstellt und mit möglichst großem Gewinn verhökert, ist k e i n Buch; es ist Ersatz, ist Surrogat und ist meist glattweg Betrug. Denn es gibt viele falsche Freunde zu allen Zeiten, und dieses darf man ja nicht damit verwechseln, wenn ein Buch aus irgendwelchen Gründen umstritten ist, auch dann nicht, wenn es von gewissen Kreisen oder Strömungen verworfen wird: der Geist des Buchs, also eben das, was ,,Freund" ist und Geduld hat und warten kann — dieser Geist steht oberhalb des Gezankes, wie es Romain Holland einmal schon als Titel fand: au-dessus de la mêlée.
Und kein Freund kann uns g a n z gefallen, Freund sein heißt: Kritik üben und Kritik ertragen können. Da ist z. B. das durchaus umstrittene und künstlerisch nur zu Teilen, allerdings zu sehr weiten Teilen unanfechtbare Buch von Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray. Jedermann weiß, daß die Menschen sich wechselseitig Masken vorweisen und ihr Gesicht nicht nur hinter Sonnenbrillen, sondern auch hinter faustdicken Lügen aller Art verstecken. Aus Angst, aus Bequemlichkeit, aus Gott weiß was . . . immerhin: sie verstecken es. Wilde hat das nun so verdichtet, daß diese Maske sich nicht auf eines Menschen Gesicht so, und dann so, und schließlich so zeigt, sondern daß ein Mensch seine Jugendmaske sein Leben lang völlig zu Unrecht beibehält, indessen er an einem sehr geheim versteckten Ölporträt wie an einer Gasuhr den Verbrauch seiner seelischen Kraft ablesen kann bis zum Sold aller Sünde: bis zum Tod. Man begreift: der Ire Oscar Wilde besaß vier Fünftel seines abenteuerlichen Lebens lang eine spitze Zunge, ein böses Maul und einen frechen Verstand, aber in dieser Dichtung, welche manchen übergescheiten Ballast enthält, ist er zutiefst w a h r. Die Maske grinst den Menschen an, und zwar auch dann, wenn dieser Mensch jung, schön, verführerisch und insbesonders, gut' erscheint. Die Seele lässt sich nicht spotten. Und wenn auch gegen Wilde und diese merkwürdig lichte Traumdichtung vieles eingewendet werden kann: solch ein Buch ist deshalb ein Freund, weil das Heimliche im Leben, das Versteckte zwar heimlich und versteckt bleibt, aber nicht wirkungslos! Ein Freund w i r k t auf die Seele seines Freundes; tut er das nicht, dann kam es zu keiner Freundschaft, und entweder taugt der Leser nichts oder das Buch taugt nichts, oder alle beide taugen nichts. Um es zu wiederholen: nicht jeder, der zufällig lesen kann, ist damit ein Leser, so wenig, wie etwas, was gedruckt und gebunden und verkaufs,wert' geworden ist, ein Buch ist.
Es gehört zu den krassen Irrtümern unserer an Betrug und Schwindel so überreichen Epoche, daß sich aus trübstem Geschäftssinn heraus Produkte als Buch, als Dichtung und als Kunst ausgeben und dafür genommen werden, weil viele Fahrlässige sich keine Zeit mehr nehmen (nehmen!) und Kritik am ,,Freund" üben. Denn die 'Sensation' ist kein Inhalt eines Buches, und die Wichtigtuerei ist es nicht, und am allerwenigsten ist es das Grelle, das Widerwärtige, das Schamlose. . . Pfeffer muss oft verdecken, daß der Braten, hinüber' ist und kein Gegenstand menschlichen Genusses mehr blieb.
Bewährte Freunde werden mit uns alt; sie gehen unseren Weg; mit der Zeit werden es weniger; selten kommt noch — in später Stunde — ein neuer, ein junger Freund hinzu: die Bücher stehen und warten und sind bereit, gegriffen zu werden. Bücher stehen auch in den größten Bibliotheken einsam, jedes für sich, und die Nachbarn sprechen wenig miteinander: das macht, weil sie verschiedene Aufgaben haben. Bei den Büchern gibt es kein Kollektiv, bei den Büchern gilt weder Mehrheit noch Prozentzahl, noch irgendeine politische Staatsform. Bei den Büchern gilt das andere: die Zeitlosigkeit der klaren Erkenntnis, die Kunst des Worts und die Reinheit der Seele.
Je bewusster ,unmodern' ein Buch ist, umso mehr Werte zur Freundschaft trägt es in sich. Als Stendhal mit seinem ,,Rot und Schwarz" dem Frankreich von 1830 seine Schande und seine unerhörte Blamage vor Gott und der Welt entgegenhielt, kümmerte das die Leute von damals wenig; heute lesen w i r in diesem klugen und strengen Freund die eigene Lage von heute samt den Möglichkeiten, seelisch wenigstens einigermaßen damit fertig zu werden. Es ist ein besonders liebenswürdiger Zug von Rosegger, daß er im besten seiner vielen, guten Bücher, daß er in ,,Das ewige Licht" seinen Landpfarrer sagen lässt, daß zwei Bücher von ihm durch das Priesterseminar mit hindurchgeschmuggelt wurden: Gessners ,,Idyllen" und Rousseaus ,,Emile" (1756 bzw. 1762), zwei dort verbotene Freunde. Warum? weil darin etwas von einem, 'Leben' steht, das mit andern Möglichkeiten des, Lebens schlechthin' nicht einig geht: Bücher widersprechen einander, wie Menschen einander widersprechen; aber oberhalb des zeitlichen und kurzen Widerspruches steht der Mensch selbst, an welchen sich schließlich die Bücher alle wenden k ö n n e n.
Der Vielleser gewinnt keine Freunde, so wenig, wie der Fanatiker e i n e s Buchs dessen Freund ist, sondern sein ärgster Feind. Duldsamkeit ist etwas anderes als Nachgiebigkeit. Die größte Tugend aber ist, jemanden anhören zu können, bis er ausgesprochen hat. Der erste, flüchtige Eindruck ist meistens nicht der richtige: die Kunst des Dichters aber muss unterschieden werden von allzu irdischen Zwecken und von der vielen Lüge, die schlimmer ist als ein Irrtum. Gar manches Buch ist schon verbrannt worden, von greisen und von jungen Händen, die Inquisition hat verbrannt, die Studenten des Wartburgfestes haben verbrannt, die Hitlerjugend hat verbrannt. . . und es wird auch fernerhin noch allerlei verbrannt werden. Es ist die große Bibliothek von Alexandria einst ebenso abgebrannt wie unsere Bücherschränke bei den Fliegerbränden des zunächst letzten Kriegs vor unseren Augen verbrannten. Dennoch sind die Freunde, unsere Bücher, geblieben, und sie sind auch wieder zu uns gekommen, und der Mensch hat den Wandel der Zeiten und den Strom des Geistes noch nie aufhalten können. Nur das Wort Gottes allein kennt keinen Wandel, weil es keine irdische Zeit kennt. Und damit kommt unsere kleine Besinnung zum Buch der Bücher und kommt zu einem der schönsten Züge darinnen: zu dem Leser, nämlich dem Kämmerer aus Mohrenland (Apostelgeschichte Kap. 8), will heißen, aus Abessinien, der in Jerusalem gewesen ist, anzubeten, und fährt nun in seinem Wagen heim und liest dabei den Propheten Jesaias. Welch ein Bild, von Jerusalem hinabfahrend in die Wüste, liest dieser Mohr und in seinem Lande Gewaltige den strengen, heute noch geltenden Propheten, der sein Freund ist, sein noch unerkannter Freund, weil er keinen hat, ,,ihm auszulegen". Diesem Mann wird dann von oben die Frage gestellt: ,,verstehst du auch, was du liesest"?
Denn nicht jeder, der zufällig Gedrucktes oder Geschriebenes lesen kann, versteht es auch. Und des Freundes Wesen ist, sich erraten und sich erklären zu lassen, je mehr, je länger der weite Weg sich hinzieht durch die seelische Landschaft der Freundschaft mit dem Buche, das man zuklappen und wieder aufschlagen kann. Mancher hat es schon erlebt, dass er eine Lektüre abbrechen musste, und jahrelang blieb das Buch liegen und die Zeitläufte verstrichen; es kam aber der Tag, da nahm er das Buch wieder her, schlug es an jener Stelle auf und setzte seine damals — lang, lang ist's her — unterbrochene Lektüre fort.

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Jugend und Alter in der Dichtung

Aus Anlass von Fontanes ,,D e r S t e c h l i n"

Reinen Herzens . . . das ist viel"

Fontane, „Der Stechlin"

Wo Menschen leben, müssen sie mit den Wechselwirkungen ihrer Lebensalter rechnen; sie müssen oder sollten bedenken, daß es nicht nur die Generationen sind, welche nebeneinanderstehen, sondern daß das Alter eines Menschen etwas höchst Besonderes ist; die Menschen altern bekanntlich verschieden rasch . . . viele sind ,,früh alt und bleich", manche bewahren sich die leise leuchtende Glorie des Junggebliebenseins bis in den Sarg,

Wo Menschen leben, stehen Meinungen und allerlei Kräfte widereinander, auch wenn es zu keinem Kampfe kommt, sie schauen einander an, bisweilen prüfend, meist aber allzu oberflächlich. Jene gewisse Entsagung, Personen anderen Alters ein wenig — ach — ein klein wenig, eben aus den Folgen der Altersunterschiede zu verstehen . . . diese Entsagung üben die Älteren bisweilen, die Jüngeren so gut wie kaum, es sei denn, daß liebende ältere Menschen und harte Geschicke sie belehrt hatten.
Weil dem so ist, entstehen die bittersten Konflikte und die schmerzlichsten Situationen aus jener Oberflächlichkeit. Zwar verstehen die Älteren meist jene gewisse Schönheit junger Menschen, die Jungen aber nehmen selten sich die Zeit, der Schönheit des Alters und alter Leute eingedenk zu bleiben.

 

 

 



Kommentare  

 
#1 Friedrich Bechtold 03-08-2016
Lieber Dirk von Grolman
Es war mir vergönnt, den Schriftsteller und Literaturkritiker Dr. Dr. Adolf von Grolman persönlich gekannt und mit Schriftverkehr und gegenseitigen Besuchen ein freundschaftliches Verhältnis gehabt zu haben.
So verfolge ich natürlich mit Spannung wie du Dirk als Enkel die umfangreiche Hinterlassenschaft teils nur regional und nur begrenzten Lesern zugängig, teils sogar noch unveröffentlichter Literatur des Herrn Dr. aufarbeitest um es zu veröffentlichen.
So wie das mir freundlichst überlassene Letzt veröffentlichte Werk „Mein Freund das Buch“ welches ich schon mit Interesse verschlungen habe und bin neugierig auf eine weitere, bis dato noch nicht veröffentlichte Ausgabe über Karlsruhe in den Jahren 1945 – 1954 über den Wiederaufbau und Neubeginn der Stadt im Nachkrieg die so wie ich erfahren habe in Arbeit und kurz vor der Vollendung stehen soll.
Ich wünsche dir weiter hierbei viel Erfolg und bin sicher dass dein Onkel stolz auf dich sein würde.
Mit freundlichen Grüßen
Friedrich Bechtold aus Wesseling
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