Klios Archive - Historische Kurzgeschichten

( 0 Bewertungen ) 

Astrid Rußmann: Klios Archive - Historische Kurzgeschichten

Haben Sie Lust auf einen Trip durch die Weltgeschichte? Wollen Sie gerne dabeisein, wenn Claudius auf seltsame Weise römischer Kaiser wird, wenn der erste Raucher nach Europa kommt und drei Pariserinnen in den Zeiten der Französischen Revolution ihrem außergewöhnlichen Hobby frönen? Dann lesen Sie dieses Buch. Klios Archive – das sind 14 fiktive Miniaturen über weltgeschichtliche Ereignisse von Format, mit denen uns die Autorin einlädt auf eine Zeitreise vom alten Orient in die Moderne. Wenn Sie mehr wollen als immer nur Mittelalter, dann lassen Sie sich ein auf ein Spiel mit den Jahrhunderten ...


2016 erschienen als E-Book bei Amazon: € 2,99
Link zum Shop:
http://www.amazon.de/gp/product/B01A25SLPS/ref=as_li_tl?ie=UTF8&camp=1638&creative=19454&creativeASIN=B01A25SLPS&linkCode=as2&tag=buchpublik-21

Link zum Buchtrailer: https://www.youtube.com/watch?v=PPOrR2bvUD0

Die Leseprobe ist der Beginn einer Geschichte, die uns in das Jahr 551 auf die Seidenstraße im heutigen China führt:

551 - Seidenwürmer für Byzanz

Johannes und Anastasios waren nach einer ruhigen Nacht und einem ausgiebigen Frühstück in der letzten Herberge auf dem Gebiet des Königreiches Khotan guter Dinge. Sie bündelten ihr bescheidenes Gepäck und nahmen ihre Wanderstäbe aus Bambus in die Hand, um sich wieder auf den Weg zu machen. Als Mönche des syrischen Christentums waren sie nach einem zwei Jahre währenden Missionsaufenthalt im buddhistischen Khotan erst vor drei Tagen zu ihrer Heimreise aufgebrochen. Vor ihnen lag noch ein monatelanger gefahrvoller Fußweg von mehreren tausend Meilen, der sie von Oase zu Oase, von Karawanserei zu Karawanserei über die große Handelsroute nach Byzanz zurückführen sollte, ein Weg, der durch Wüsten und Gebirge ging und auf dem sie von Sandstürmen, Lawinen und räuberischen Nomaden bedroht sein würden. Dennoch würde schon bald vieles für sie leichter werden: Wenn alles nach Plan lief, erreichten sie in einigen Stunden das benachbarte Königreich Kaschgar.

Vielleicht lag es am gehaltvollen Buttertee, daß sie so kraftvoll ausschritten. Noch dazu hob die Aussicht darauf, Khotan bald verlassen zu können, ihre Stimmung. Sie kamen auf der einsamen Straße jedenfalls zügig voran. Ein kalter Fallwind trieb von den schneebedeckten Gipfeln zu ihrer Linken unablässig morgendlichen Nebel auf die uralte Handelsstraße und in die Sanddünenebene, die sich rechts von ihnen bis weit über den Horizont hinaus ausdehnte. Wenn man in das Hochland von Jarkand und später in die Oase von Kaschgar wollte, war das der einzige Weg. Dennoch stimmten Johannes und Anastasios noch Jahre später darin überein, daß an jenem Morgen nicht der Nebel schuld gewesen war am jähen Ende ihres fröhlichen Aufbruchs.

Die Straße, der sie folgten, machte hinter der majestätischen Pagode eines einsamen Buddhistenklosters eine leichte Biegung. Den fünf bewaffneten khotanesischen Grenzpolizisten, die dort am Straßenrand auf der Lauer lagen, hätten sie nicht ausweichen können. Sie rannten ihnen förmlich in die Arme.

„Na, wen haben wir denn da?“ fragte der Hauptmann die beiden Syrer. „Macht ihr nur einen Spaziergang, oder wollt ihr unser schönes Land verlassen?“

Johannes und Anastasios erschraken, bemühten sich aber, sich nichts anmerken zu lassen.

„Wir sind zwei Mönche aus dem Byzantinischen Reich“, antwortete Johannes, der ältere von beiden, und versuchte dabei, so furchtlos wie möglich zu erscheinen. „Wir waren hier, um dein Volk das Christentum zu lehren. Nun geht es zurück nach Hause.“

„Missionare also“, stellte der Hauptmann fest. „Und ihr seid ganz allein unterwegs? – Ich habe mir sagen lassen, daß der Weg nach Byzanz nicht ganz ungefährlich ist.“ Das hielt er wohl für einen Scherz, denn er grinste dabei breit.

„Wir gehen nur bis Kaschgar oder Buchara allein. Dort werden wir uns sicher einer Karawane nach Damaskus oder Aleppo anschließen können.“

„Das klingt sehr vernünftig. Dann wünsche ich euch viel Glück und gute Reise. Aber vorher möchte ich noch wissen, ob ihr für daheim unangebrachte Geschenke dabeihabt.“

Johannes und Anastasios vermieden, einander anzusehen. Das hätte als geheimer Verständigungsversuch aufgefaßt werden können. Sie wußten ohnehin, was der Hauptmann meinte. Khotan war in Europa vor allem durch eines bekannt: durch seine Seide. Es war noch nicht lange her, daß das Geheimnis der Seidenherstellung, das die Chinesen jahrhundertelang hatten hüten können, über die Taklamakan-Wüste hinaus in den Südwesten gelangt war. Seitdem wuchs auch in der khotanesischen Oase der weiße Maulbeerbaum, dessen Blätter den Seidenwürmern als Nahrung dienten, und im ganzen Land ratterten Spinnräder und Webstühle. Aber weiter war das Geheimnis nicht nach Westen vorgedrungen. Über die Karawanenrouten, auf denen auch Pelze, Keramik, Parfüm und Opium nach Europa kamen, vertrieb man das glänzende Gespinst schon seit Menschengedenken. Im alten Rom hatte man Seide mit Gold aufgewogen, und auch im Byzantinischen Reich wuchs die Nachfrage nach dem edlen Stoff. Abgesehen vom Ehrgeiz, endlich die Überbleibsel des Ostgotenreiches von der italischen Landkarte wegzuradieren, hatte Kaiser Justinian nach dem Tod seiner Frau, der klugen, wenn auch liederlichen Theodora, nur noch eine wirklich große Leidenschaft: hinter das Mysterium der Seidenherstellung zu kommen und die Königin unter den Fasern selbst zu produzieren. Davon jedoch war er weit entfernt. Über die Herstellung kursierten im Abendland die abenteuerlichsten Gerüchte, aber keines kam der Wahrheit nahe. Die Wirklichkeit war viel phantastischer als die wildesten Mutmaßungen.

Johannes und Anastasios waren nach ihrem Aufenthalt in Khotan mit dem Verfahren zur Seidenproduktion inzwischen ziemlich vertraut. Doch obwohl die Khotanesen das Geheimnis selbst von den Chinesen ergaunert hatten, verfuhren sie mit Fremden, die die Technologie außer Landes zu schaffen versuchten, ebenso grausam, wie es in China lange Brauch gewesen war: Auf die Ausfuhr von Maulbeerbaumsaat oder Seidenwürmern stand der Tod.

Die Anmerkung des Hauptmanns war also unzweifelhaft als Ankündigung einer Gepäckkontrolle zu verstehen, und die beiden Mönche leisteten der Aufforderung ohne Aufschub Folge. Johannes reichte seinem Bruder den Bambusstock, den er in der Rechten gehalten hatte, und Anastasios legte ihre beiden Wanderstäbe in den Graben am Straßenrand.

Dann streiften sie ihre Gepäckbündel von den Schultern und übergaben sie den Grenzwachen zur Inspektion. Sie mußten mit ansehen, wie ihr Gepäck geöffnet und durchwühlt wurde. Viel war es nicht, was die Grenzpolizisten zutage förderten: Die beiden Mönche hatten jeder eine Feldflasche mit Trinkwasser dabei, dazu je ein Messer, um sich unterwegs verteidigen oder auch einmal ein Kaninchen schlachten zu können, etwas Brot und Gelbbutter aus der Herberge, in der sie die Nacht verbracht hatten, ein wenig Geld und – unhandlichstes ihrer Gepäckstücke – einen Codex der Heiligen Schrift, den sie abwechselnd schleppten, weil er für einen allein zu schwer zu tragen gewesen wäre. Der Hauptmann besah sich das riesige Buch.

„Eine Bibel, sieh an“, sagte er herablassend, „höchst verdächtig.“ Er öffnete den Lederverschluß und blätterte die Seiten durch. Dann drehte er den Codex um und blätterte noch einmal von der anderen Seite. Johannes und Anastasios konnten sich vorstellen, was er zu finden hoffte: Eier der Seidenwürmer, aufgeklebt auf chinesisches Papier, versteckt zwischen den Seiten der Heiligen Schrift. Aber er fand nichts und klappte das Buch wieder zu.

„Euer Gepäck scheint sauber zu sein“, stellte der Hauptmann fest, „aber wie sieht es mit eurer Kleidung aus?“

Johannes sah an sich hinunter. „Was denkst du? Daß wir Seidenwürmer in den Falten unserer Kutten versteckt haben?“

„Ich halte alles für möglich“, war die kurze Antwort des Khotanesen, „und deshalb werdet ihr euch jetzt ausziehen.“

Anastasios atmete scharf ein und öffnete den Mund, um zu protestieren. Aber Johannes wandte sich ihm zu und schüttelte leicht den Kopf.

„Nicht doch“, raunte er, „wir können keinen Ärger gebrauchen.“

Anastasios schluckte. Widerwillig lösten die beiden Mönche ihren Gürtel, streiften sich die Kutte über den Kopf und warfen sie den Grenzwachen zu. Ihre Scham notdürftig mit den Händen bedeckend, standen sie nackt im frostigen Nebel. Ausgerechnet jetzt kam ein khotanesischer Bauer des Wegs, der ein Dutzend zottiger Yakrinder vor sich her trieb. Er zeigte kichernd mit dem Finger auf sie und blieb dann auch noch stehen, um zuzusehen, wie die Grenzwachen seines Königs die Kutten der ausländischen Mönche erst schüttelten und dann sogar auf links drehten, um sie akribisch zu filzen. Auf einmal rief eine der Wachen: „Ich hab’ was.“  Ende der Leseprobe.

 

 

 



Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren