NEUES AUS KLIOS ARCHIVEN - Historische Kurzgeschichten

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Klappentext:
Die Reise durch die Zeit geht weiter. KLIO, die Muse der Geschichte, gewährt uns von neuem Einblicke in ihre Archive. Diesmal begleiten wir einen Grabräuber aus dem altägyptischen Theben auf einem seiner gefährlichen Raubzüge. Außerdem erfahren wir, wie problematisch es sein kann, wenn man einen Messias in der Familie hat, und warum der Clan Campbell in manchen Gegenden Schottlands so unbeliebt ist. NEUES AUS KLIOS ARCHIVEN – das sind weitere historische Miniaturen für alle Freunde hautnah erlebter Geschichte und für die, die es noch werden wollen ...


Leseprobe:

1692 – Vergesset nicht

No Hawkers or Campbells“

Schild an der Rezeption des Clachaig Inn im Glen Coe

Jedesmal, wenn Sir Robert Campbell von Glenlyon sich auf die rechte Seite drehte, stieß er mit der Nase an Captain Drummonds Schweißfüße, die neben seinem Kopf unter der Bettdecke hervorragten. Darum blieb er lieber auf der linken Seite liegen, starrte auf den Alkovenvorhang, hinter dem neun Infanteristen des Argyll-Regiments im Stroh schliefen, und lauschte auf die Geräusche der Nacht. Ein Wintersturm maß seine Kräfte mit denen des Hausdaches. Doch die Männer atmeten ruhig. Hin und wieder hörte er seinen Wirt schnarchen, der mit seiner Frau hinter einer Flechtwerkwand im Nebenraum schlief. Alles schien friedlich. Sir Roberts Herz aber raste. Sein Kopf dröhnte.

Es war bereits die zwölfte Nacht, die seine Männer und er im Vorratsraum von Hamishs Hütte verbrachten. Sie hielten sich seit Anfang Februar im Glen Coe auf: hundertzwanzig Rotröcke, ursprünglich ausgesandt, um in der Gegend die Steuern für die Krone einzutreiben. Mitten auf dem Marsch jedoch hatte man Sir Robert mitgeteilt, daß die Garnison, in der sie Quartier nehmen sollten, überbelegt sei. Er wurde angewiesen, sich bei einem Unterclan der MacDonalds im Glen Coe einzuquartieren. Der Clanchef Alisdair MacDonald lieferte ein logistisches Meisterstück, als er zwei Kompanien aus Infanteristen und Grenadieren so in den Dörfern des Tales verteilte, daß jeder ein Bett und Verpflegung fand. Sir Robert war seinerzeit bei Alisdairs Vetter Hamish untergekommen. Captain Drummond aber, der die Grenadierkompanie befehligte, war erst seit gestern nachmittag da. Obwohl ein schottischer Tiefländer, gab er sich englischer als alle Engländer zusammen. Er trug eine glänzende, rotbraune Perücke, schwang beim Gehen einen Gehstock aus Elfenbein und näselte ein Englisch, wie man es blasierter auch bei Hofe nicht sprach. Und wenn er notgedrungen einmal das Scots der Tiefländer sprechen mußte, dann mit einem Unterton, der keinen Zweifel daran beließ, wie sehr er die Sprache verachtete. Ausgerechnet mit diesem Widerling mußte Sir Robert nun seinen Alkoven teilen. Doch es lag nicht an der ungewohnten nächtlichen Enge, daß er in diesen Stunden kein Auge zutat. Daran war die Order schuld, die Drummond ihm ausgehändigt hatte. Sie kam von Sir Roberts Vorgesetztem Major Duncanson und war an ihn persönlich gerichtet, und nachdem er sie wieder und wieder gelesen hatte, ging ihm ihr Wortlaut nicht mehr aus dem Kopf.

Hiermit geben wir Euch den Befehl, die Rebellen, die MacDonalds von Glencoe, zu überfallen und jeden unter Siebzig durch das Schwert zu richten. Ihr seid angewiesen, besonders darauf zu achten, daß der Alte Fuchs und seine Söhne Euch nicht entkommen.

Sir Robert hatte sofort begriffen, daß man ihn bislang zum Narren gehalten hatte. Er war nicht hergeschickt worden, um Steuern einzutreiben, sondern um gegen Alisdair und seinen Clan vorzugehen. Aber warum?

Er hatte die ganze Nacht darüber nachgedacht und keine Antwort gefunden. Gewiß: Die MacDonalds waren Anhänger des verbannten Stuartkönigs Jakob VII., doch Alisdair hatte, wie es von allen jakobitischen Clanchefs des Hochlandes unter Androhung von Strafen verlangt worden war, Anfang des Jahres den Treueid auf den neuen König William of Orange abgelegt. Zwar ein paar Tage zu spät, doch der Sheriff in Inveraray hatte dem alten MacDonald versichert, daß sein Eid trotz der Verspätung anerkannt werde und er nichts zu befürchten habe. Dem Wort des Sheriffs, das wußte Sir Robert, konnte man trauen: Sie waren Vettern. Hinter der Order steckten also andere. Fein eingefädelt, fand Sir Robert. Niemand eignete sich besser dazu, einen solchen Auftrag auszuführen, als er. Die Campbells und MacDonalds nämlich pflegten schon seit Jahrhunderten eine blutige Clanfehde, geschuldet ihrer kaum miteinander zu vereinbarenden Lebensweise. Die Campbells gehörten zum Hochadel. Sie waren Markgrafen, Lords und Earls und hatten sich mit König William in London sofort arrangiert. Vieh und Ländereien machten ihren Reichtum aus. Ganz Argyll gehörte ihnen. Die MacDonalds dagegen lebten, aufgespalten in viele Unterclans, von denen die Glencoes nur einer waren, zerstreut unter ihren Dächern aus Heidekrautsoden, auf den Inseln und im Hochland. Ihr Herz schlug für die abgesetzten Stuarts. Mit ihren altertümlichen Breitschwertern fochten sie für die schottische Freiheit. Daß sie vornehmlich die Herden des Clan Campbell auf Nimmerwiedersehen bei Nacht und Nebel in ihre versteckten Hochlandtäler forttrieben, sorgte immer wieder für Auseinandersetzungen. Doch Sir Robert hatte zu all dem seine eigene Meinung. Er hielt die Glencoe-MacDonalds, ein paar Hundert Leute, bestimmt nicht für Engel, aber er betrachtete sie als seine Nachbarn. Die gutnachbarschaftlichen Beziehungen reichten sogar so weit, daß Sarah McGregor, Sir Roberts Nichte, Alisdairs jüngeren Sohn Sandy hatte heiraten können. Dem guten, alten „Onkel Rob von Glenlyon“ begegnete niemand im Tal des Coe mit Mißtrauen.

Bei den Campbells selbst wiederum galt Sir Robert nicht nur seiner Ansichten wegen als das schwarze Clanschaf. Er hatte seinen ererbten Landsitz durch Spekulation und falsche Investitionen verloren. Seitdem tat er im Argyll-Regiment für ein paar Schilling pro Tag Dienst als Offizier und kehrte, wenn er mal Urlaub bekam, in ein Zuhause zurück, das seiner Frau gehörte, und dort war er dann die meiste Zeit betrunken. Sir Robert machte sich angesichts seines schlechten Rufes nichts vor, doch er konnte damit leben. Nie hätte er von jemandem Satisfaktion verlangt, der ihn einen Säufer und Spieler schimpfte. Denn genau das war er. Aber daß man in ihm einen willfährigen Mörder sah, das kränkte ihn.

Leider war er, nachdem er den Befehl erhalten hatte, nicht Manns genug gewesen, das klarzustellen. Statt dessen hatte er nach der Pulle in seiner Rocktasche gegriffen, die Kränkung mit einem „wee dram“ verdünnt und seine Offiziere versammelt, um ihnen zu erklären, was von ihnen erwartet wurde: Schlag fünf Uhr morgens sollten sie sich mit Gewehr, Säbel und Bajonett auf ihre Gastgeber und deren Familien stürzen, wo immer sie auch untergebracht waren. Insubordination, so sagte er, werde er nicht dulden. Als trotz dieser Warnung ein Lieutenant Mut bewies und den Befehl verweigerte, ließ er ihn festnehmen. Inzwischen aber hatte er nachgedacht. Gastfreundschaft, anderswo nur eine Tugend, war den Schotten ein allgegenwärtiges Sakrament. Sie schwamm in der Schafsmilch, mit der jeder Hochländer groß wurde, und selbst im schwefeligen Dunst, der aus den Poren schottischer Moore drang, waberte sie mit. Sie zu mißbrauchen war ein Sakrileg, und er wünschte, er hätte den Offizier nicht so hart angefaßt. Er hätte ihn unterstützen müssen: vor den Augen Drummonds den Befehl zerreißen und ihm die Fetzen vor die Füße werfen – zur Hölle mit den Konsequenzen! Doch das hatte er nicht getan. War es nun zu spät dafür?

Auf der anderen Vorhangseite schlug Sir Roberts Taschenuhr, ein Geschenk seines Schwiegervaters aus besseren Zeiten, das in seiner Uniformrocktasche steckte, wie jeden Tag ihr perlendes Vier-Uhr-Morgens. Eine Stunde noch. Drummond gab im Schlaf ein knurrendes Geräusch von sich, drehte sich auf die andere Seite und schlummerte weiter. Sir Robert ertrug es nicht länger. Er setzte sich auf und stieg aus dem Bett. Im Dunkeln legte er die Beinkleider an, knüpfte sich die Gamaschen und schlüpfte in seinen Uniformrock. Was hielt ihn davon ab, die Pläne zu durchkreuzen? Major Duncanson hatte angekündigt, gegen fünf Uhr mit weiteren Kompanien über die „Teufelstreppe“ ins Tal vorzustoßen und jegliche Flucht einzelner Überlebender zu verhindern. Noch also war Zeit. Er konnte jetzt hinüberschleichen ins Nebenzimmer und dann hinaus aus der Tür. Und dann konnte er die halbe Meile über die Militärstraße nach Carnoch laufen und wenigstens den Clanchef warnen. Er dachte daran, auch Hamish und seine Frau zu wecken und ihnen die Flucht zu ermöglichen. Aber es war nicht abzusehen, was dann passierte. Vielleicht würden sie ihn, aufgeschreckt aus dem Schlaf, unabsichtlich verraten.

Außerhalb des wärmenden Alkovens war es bitterkalt in der Hütte. Es gab keinen Kamin, nur das Herdfeuer, auf dem man tagsüber das Essen kochte. Das jedoch wurde beim Zubettgehen ausgemacht. In der Nacht kannten die Hochländer keine andere Wärmequelle für ihre Behausungen als das Vieh, das den Winter mit den Menschen unter einem Dach verbrachte. Und trotzdem stand Sir Robert der Schweiß auf der Stirn. Er war jetzt soweit. Den Säbel hatte er gegürtet, zwei geladene Pistolen steckten im Halfter. Er würde es wagen können. Es waren ja nur wenige Schritte. Vorsichtig tastete er sich an der Wand entlang, strikt darauf bedacht, keinen der schlafenden Männer zu treten, bückte sich vor dem niedrigen Durchgang und schlüpfte hindurch. Er horchte angestrengt. Alles war ruhig. Weder sein Gastgeber noch die Soldaten noch sein Wirt hatten ihn bemerkt. Der Wind draußen heulte mittlerweile wie eine wütende Banshee. Das Geräusch, das die Tür von sich gab, als er sie öffnete, war kaum zu hören. Ein Strudel aus weißen Flocken erfaßte ihn, als er hinaustrat. Feuchtigkeit drang ein in seinen Uniformkragen. Er zog den Dreispitz tiefer in die Stirn. Da warf ihm eine tückische Bö von unten eine Handvoll Schnee ins Gesicht. Er riß den Unterarm hoch, um seine Augen zu schützen, und drehte sich in den Eingang zurück. Dabei ließ er die Tür los. Der Wind packte sie und schlug sie gegen die Hausmauer. Sir Robert fluchte leise. Er konnte nichts mehr sehen. Schnaufend und spuckend, tastete er nach der Tür. Nach einer Weile ging es wieder. Er blinzelte in die Hütte hinein und sah – O nein! – Hamish. Der saß auf der Bettkante und rieb sich die Augen. Sir Robert wollte schnell zu ihm hinüber und ihm bedeuten, leise zu sein. Doch dafür war es zu spät. Seitlich im Eingang zur Vorratskammer bemerkte er einen Schemen: Dort stand jemand. Das Klicken eines Pistolenhahnes verriet, daß wer immer dort stand bereit war zu schießen.

Hamish aber hatte das nicht gehört. „Glenlyon, seid Ihr es? Müßt Ihr hinaus?“ Er drehte den Docht der Tranlampe höher, die neben seinem Bett glomm. Das warme Licht zeichnete die Altmännerfurchen seines Gesichts weicher. „Bei so einem Wetter benutzen wir den Abtritt im Viehstall. Kommt, ich zeige ihn Euch.“ Er stützte sich auf die Bettkante, um aufzustehen, aber da trat die Gestalt hervor, die im Schatten des Durchgangs gelauert hatte. Drummond stand mitten im Raum, die bis auf die Schultern fließenden Locken seiner Perücke ordentlich drapiert, den obligatorischen Elfenbeinstock unter die linke Achsel geklemmt. Der Teufel mochte wissen, wie er es in der kurzen Zeit fertiggebracht hatte, sich so akkurat herzurichten. Er fuchtelte mit seiner Pistole herum: „Zurück ins Bett, MacDonald. Und Ihr, Glenlyon, wo wolltet Ihr hin? Desertieren?“

Sir Robert hielt die Luft an. Ihm war bewußt, daß er alles vermasselt hatte, doch dann antwortete er: „Ich will hinunter nach Carnoch. Ich denke, es ist das beste, wenn ich mich selbst um den Alten Fuchs kümmere.“

„Sehr löblich, aber habt Ihr vorher nicht noch etwas anderes zu erledigen?“

Sir Robert blickte ihn fragend an.

Ende der Leseprobe

 

 

 



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